Bewerbung "Sie sind nicht mein Grau-Typ"Seite 2/2

Frau Pöltl nimmt jetzt Maß, analysiert meine Körperproportionen und Formen. "Dabei geht es nicht um Fülle", betont sie mehrmals. Ich solle mich sportlich-unkonventionell kleiden. Das sagt mir meine Mutter auch ständig. Und mit Jeans und T-Shirt bin ich dann schon passend angezogen. "Es macht einen Unterschied, ob man vom Ehepartner, der eigenen Mutter oder einem fremden Experten beraten wird", erklärt die Beraterin. Große Muster dürfe ich jedoch nicht tragen. Auch nicht zu viele wilde Farben. Das lasse mich unruhig wirken und könne in Verhandlungen dazu führen, dass der Chef sich nicht richtig konzentrieren kann.

Figurlich sei an mir aber nicht so viel auszusetzen, sagt Bettyna Pöltl. Ich erfahre, dass ich eine ausgewogene Schulter- und Hüftbreite habe, außerdem eine gerade Körperkontur – die sogenannte H-Linie. Daraus könne ich im Job Profit schlagen. Denn Menschen mit meinen Proportionen wirken belastbar, selbstbewusst und führungsstark. Das erwecke Vertrauen. Am Besten bringe man diese Eigenschaften mit einem Kurzmantel, geraden Hosen und dem Chanel-Stil zur Geltung. "7/8-Hose dürfen Sie aber nur in der Freizeit tragen." Die Beraterin blickt mir tief in die Augen.

Vom Körper geht es hoch zu Kopf und Gesicht. Jetzt bestimmt sie die Form und wählt die passende Frisur. Prinzipiell habe ich schon viel richtig gemacht. Ein eckiges Gesicht müsse mit weichen Locken ausgeglichen werden, allein meine eckige Brille liegt im Grenzbereich.

Nach mehr als zwei Stunden sind wir fertig, und Bettyna Pöltl überreicht mir eine Mappe mit einer Frühlingsblume darauf: mein "Personal Guide". Mit seiner Hilfe soll ich mich neu einkleiden. Außerdem rät mir Pöltl, meine Haare in Kupfer zu färben. Die braune Handtasche darf ich behalten. "Vergessen Sie Grau. Darin sind Sie nicht authentisch!", sagt die Imageberaterin noch einmal, als wir uns verabschieden.

Es bleibt ein gutes Gefühl, auch wenn ich nicht viel Neues erfahren habe. Ein schüchterner Bewerber könnte sich nach zwei Stunden Einzelberatung vermutlich sicherer fühlen. Vielleicht aber auch nicht.

Zu Hause schaue ich in meinen Kleiderschrank. Ob ich der Beraterin hätte sagen sollen, dass ich meinen Job bekommen habe, obwohl ich beim Vorstellungsgespräch einen grauen Hosenanzug getragen habe?

 
Leser-Kommentare
  1. und was ist ein 'Bewerber'? Ist das jemand der eine Frau haben möchte?

  2. Seit wann schreibt Die Zeit denn Werbetexte kaschiert als Artikel? Einen etwas reflektierteren Text hätte man schon erwarten können.

    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)

  3. wer heutzutage auch nur das Geringste mit HCM - also Human Capital Management - zu tun hat, kennt selbstverständlich den sehr fragwürdigen Begriff des Personality-Stylijng und aller seiner sehr fragwürdigen Derivate.

    Es scheint so zu sein, dass ohne diese Begriffe und das entsprechende Marktinstrumentarium" zu diesen Begrifflichkeiten kein "Bewerber" sei es als Arbeitnehmer oder auch als Politiker oder auch als Manager mehr auskommen könne.

    Dies trifft für den Bereich der Manger und Politiker, bei denen es auf eine positive Breitenwirkung ankommt, (leider) absolut zu.

    Die mittlerweile sogar bereits seitens des Gesetzgebers (SGBIII - SGBII) fast "zwanghafte" Übertragung dieses rein psychologischen Wirkungszusammenhanges auf die Bewerbersituation ist allerdings sowohl rechtlich als auch rein sachlich als sehr fragwürdig einzustufen.

    Hier werden Massnahmen durch gesetzliche "Erzwingung" (Eingliederungsvereinbarung als Verwaltungsakt) veranlasst, die sich durchaus im Bereich verhaltenstherapeutischen Settings bewegen und so notwendig sowohl zustimmungspflichtig sein müssen, als auch notwendig gemäß Therapiegesetz nur von dazu eigens zugelassenen Psychologen durch geführt werden dürfen.

    Wir haben es hier sogar mit Grundrechtsverstößen zu tuen, die massiver nicht sein könnten.

    Diese auf die sogenannte "Optimierende Aktivierung für den Arbeitsmarkt" spezialisierten Psychotechniken haben natürlich als politische Hauptfunktion eine ganz andere Zielsetzung. Es geht dabei primär um Disziplinierung oder deutlicher ausgedrückt um Repression politischer Willensbildung.

    Das kann in all seinen Begründungszusammenhängen hier natürlich nicht ausgeführt werden. Es gibt aber einen sehr deutlichen ZUsammenhang, der kurz
    dargestellt werden kann.

    Was würde die 100%ige Umsetzung der "Optimierenden Aktivierung für den Arbeitsmarkt" denn bewirken? Es würden nicht mehr Stellen besetzt werden können als vorhanden. Es reduziert also die Arbeitslosigkeit nicht. Das weiß jeder.

    Wenn man also bedenkt, was das kostet, muss die Hauptfunktion in einem anderen Bereich liegen.

    Die Hauptfunktion liegt also in der Ermöglichung der Zuweisung einer Subjektivschuldthese am arbeitsmarktlichen "Schikasal" des jeweiligen Betroffenen. Er ist es also selbst schuld, wenn er arbeitslos ist. Damit kann man eine Desolidarisierung der Reservationslöhner erreichen, die eine politische Repression und vollständige Disziplinierung ermöglichen.

    Dass das Ganze funktioniert ist offensichtlich.

    So sieht man, wie selbst ein lächerliches Personality-Styling als "Zwangsinstrumentarium" genutzt, durchaus dem Mittelstand, der über existenzsichernde Arbeitsplätze verfügt, sehr nützlich sein kann.

    Axel Arnold Bangert Herzogenrath 2009

  4. Bedenklich, bedenklich, dass die (vermutete) Kompetenz eines Bewerbers offenbar merh von der Farbe seines Hosenanzugs abhängt als von Quaslifikation, Ausstrahlung und Seriosität. Allerdings scheint es ja auch noch Arbeitegeben mit Gehirn zu geben, wie des der Schreiberin, der sie ja trotz grauem Hosenanzug eingestellt hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die richtige Ausstrahlung ist ja nur ein Teil des Bewerberprofils. Ein Teil der mit ein bisschen Anstrengung ohne weiteres perfektioniert werden kann. Ein anderer Baustein ist, zum Beispiel, saubere Rechtschreibung.

    Die richtige Ausstrahlung ist ja nur ein Teil des Bewerberprofils. Ein Teil der mit ein bisschen Anstrengung ohne weiteres perfektioniert werden kann. Ein anderer Baustein ist, zum Beispiel, saubere Rechtschreibung.

  5. Die richtige Ausstrahlung ist ja nur ein Teil des Bewerberprofils. Ein Teil der mit ein bisschen Anstrengung ohne weiteres perfektioniert werden kann. Ein anderer Baustein ist, zum Beispiel, saubere Rechtschreibung.

    • Zapp54
    • 14.08.2009 um 20:09 Uhr

    mem NickName vorstellen und als Pic ein Avatar ??

    Alle sehn GLEICH aus, sagen DAS Selbe/Gleiche, Null EigenAusstrahlung; sind also so GLATT, wie der Personal-Manager.......wie GRAUSAM !!

    "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." (Karl Valentin)

    • korn24
    • 14.08.2009 um 20:29 Uhr

    so ein pr-text in selbstverliebter ich-form. ein, zwei weitere stimmen, vielleicht auch eine andere testperson als die autorin selbst, hätten dem text gut getan. objektiv ist etwas anderes. mehrwert des textes gleich null.

  6. Immer dieses suggerieren, der Mensch kann alles kontollieren und beherrschen.
    Gott hat, wie auch in der Partnerwahl, in der Berufsfindung für jeden die passende Stelle vorgesehen. Wer also versucht, mit Manipulationen eine Arbeitsstelle zu bekommen, die eigentlich nicht zu ihm passt, schadet sich selber, am meisten dann, wenn er sie wirklich erhält.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • E.T.
    • 15.08.2009 um 13:46 Uhr

    das ist wohl eine etwas zu fatalistische Sichtweise...kein Deut besser als der Verlust jeder Selbstachtung durch hirnlose Selbstoptimierungsversuche

    • E.T.
    • 15.08.2009 um 13:46 Uhr

    das ist wohl eine etwas zu fatalistische Sichtweise...kein Deut besser als der Verlust jeder Selbstachtung durch hirnlose Selbstoptimierungsversuche

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 16
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Bewerbung | Jeans | Kuwait
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service