Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Autorin Carlota Perez erforscht seit Jahrzehnten die Spekulationsblasen des Kapitalismus' - und den ewigen Zyklus von Aufstieg und Fall in der Weltwirtschaft. Die Venezolanerin ist an der Judge Business School der Cambridge University in Großbritannien tätig.

ZEIT ONLINE: Frau Perez, die Weltwirtschaft blickt in den Abgrund, dank einer der größten Spekulationsexzesse aller Zeiten. Sind Sie immer noch sicher, dass Finanzblasen positive Seiten haben?

Carlota Perez: Ich bin mir sicher, dass sie eine schlechte aber unausweichliche Sache sind. Und wenn Sie einmal eingestanden haben, dass sie schlecht sind, was den zahllosen Opfern solcher Blasen sowieso schon klar ist, können Sie auch darauf schauen, warum dieses schädliche Phänomen etwa jedes halbe Jahrhundert auf so große Weise auftritt.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Perez: Die Antwort ist, dass jede technologische Revolution zu einer großen Blase geführt hat, ungefähr auf halbem Wege zu der "Diffusionsperiode", also der Zeit, in der sie sich in großem und nützlichen Maße ausbreitet. Der Grund ist, dass massive Finanzmittel nötig sind, um die neuen Technologien an ihren Platz zu bringen, um sie das Alte ersetzen oder modernisieren zu lassen. Insbesondere muss die neue Infrastruktur jeder Revolution möglichst weit und möglichst schnell verbreitet werden, und zwar lange bevor Unternehmen damit volle Profite einstreichen könnten. Das wird in großen Technologieblasen erreicht. Viele Leute verlieren Geld, aber die Gesellschaft bekommt eine neue Infrastruktur.

ZEIT ONLINE: Geben Sie doch mal ein paar Beispiele.

Perez: Die Installationsperiode der Eisenbahnmanie in den 1840ern in England, zum Beispiel, hat ganz Großbritannien mit Schienen bedeckt, bevor irgend ein anderes Land das bekam. Diese verlässliche und schnelle Transportart, zusammen mit dem Telegrafen, dessen Leitungen entlang der Schienen verlegt wurden und dem Dampfmotor, der Eisenbahnen wie Produktionsmaschinen antrieb, verschaffte der britischen Industrie einen gewaltigen Vorteil. Nach der Eisenbahnpanik von 1847 und der folgenden Rezession kam aber erst der viktorianische Boom. Es war ein goldenes Zeitalter. Es dauerte zwei Jahrzehnte und katapultierte Großbritannien in die Position eines mächtigen Empire. Andere europäische Länder folgten erst mit Verspätung nach und mussten ihre Eisenbahnnetzwerke mit staatlichen Geldern finanzieren.

ZEIT ONLINE: Das war also ein Crash, der schnell überwunden war ...

Perez: Ja, aber dieser Zusammenhang gilt selbst für die Zeit vor dem bisher größten Crash aller Zeiten, den Roaring Twenties in den USA. Die brachten das Zeitalter des Automobils, Petroleum, Radio, Luftfahrt, Massenproduktion. Auch da entstand eine riesige Blase mit massiven Investitionen in all diese Industrien, und auch hier nahm das Land, wo die meisten technologischen Innovationen umgesetzt wurden, in diesen Fall die USA, die Führungsrolle in der Welt ein. Das Straßen- und Highway-Netzwerk ersetzte die Eisenbahnen, das Auto ersetzte die Pferdekarren. Der Crash von 1929 brachte dann die Große Depression, und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann das Goldene Zeitalter mit dem neuen Weltfinanzsystem von Bretton Woods, dem Ausbau der Wohlfahrtstaaten und anderen Keynesianischen Politikverschreibungen, die in den verschiedenen Ländern für ökonomisches Gleichgewicht sorgten.

"Erst musste der Staat das System neu balancieren!"

ZEIT ONLINE: Der Staat hatte also seinen Anteil?

Perez: Ja, in beiden Fällen wurden das massive Wachstumspotenzial und die sozialen Errungenschaften erst dann voll realisiert, als der Staat das System neu balancierte und als Produktion, nicht Finanzwirtschaft, die Kontrolle der Wirtschaft übernahmen.