Intimflohmarkt Die Hosen runterlassenSeite 2/2

Genau bei diesem Redebedarf setzt Müller nun bei ihrem "Intimflohmarkt" an. Sie lässt Menschen erzählen. Und die tun das bereitwillig. Obwohl es ein heißer Sonntagnachmittag ist, drängen sich die Besucher in der Galerie an der Schönhauser Allee. Vielleicht liegt es daran, dass sich inzwischen so viele Menschen mit der Inszenierung ihrer öffentlichen Identität beschäftigen, dass sie überwältigt sind, wenn auf einmal eine einzelne Person eine reale Geschichte von ihnen hören will.

Ein Schnäppchen? Für einen fünfminütigen Erfahrungsbericht über das Thema "Sich dumm vorkommen" bekommt man die Quietsche-Ente

Ein Schnäppchen? Für einen fünfminütigen Erfahrungsbericht über das Thema "Sich dumm vorkommen" bekommt man die Quietsche-Ente

Seit Mai hat Müller an der Performance gearbeitet, bei ihren Freunden Klamotten, Schmuck und Bücher gesammelt und die einzelnen "Preise" dafür festgelegt - zum Beispiel ein Gespräch über "Unschuld" für eine weiße Bluse. Als Gesprächsthemen hat sie sich gleich die großen Themen vorgenommen: Geld, Sex, Liebe und Sünde. Sie sei einfach davon ausgegangen, worüber sie selbst gerne rede, sagt Müller und gibt dann zu: "Na ja, ich bin schon eine kleine Exhibitionistin." Aber: "Wenn jemand zum Beispiel mit mir nicht über Sex reden will, können wir uns auch auf ein anderes Thema einigen."

Auch Banina aus Argentinien schüttelt erstmal den Kopf, als sie auf dem Schild für ein geblümtes T-Shirt liest: "5 Minuten über eine exhibitionistische Neigung sprechen". Doch nach kurzer Bedenkzeit fragt sie ganz cool: "Can I pay in English?" und läuft zielstrebig in das kleine Kabuff. Fünf Minuten später ist Müller um eine Geschichte reicher und hat Banina kennengelernt als eine Theaterschauspielerin, die schon einmal splitterfasernackt auf der Bühne gestanden ist.

"Genau das sind die Geschichten, die das Projekt so spannend machen", sagt Müller. Insgesamt zehn Leuten konnte sie am ersten Tag des Intimflohmarktes ihre "Daten" entlocken. Besonders redselig sei eine Frau gewesen, die 20 Minuten lang über die Energie ihres Sternzeichens gesprochen habe. "Sie hat so viel geredet, dass ich ihr kaum eine Zwischenfrage stellen konnte."

Der Intimflohmarkt in der Galerie TÄT (Schönhauser Allee 161A), ist vom 12. bis 28. August jeweils mittwochs bis sonntags von 15 bis 22 Uhr geöffnet. Ab dem 4. September zieht er in die alte Post um (Karl-Marx-Str. 97-99)

 
Leser-Kommentare
    • keox
    • 12.08.2009 um 13:59 Uhr

    demnächst kann die gute Frau tausende Schiffsladungen von Quietsche-Entchen in China ordern, soviel wie Schäble weiß keiner zu erzählen.

    Da gibt´s auch kein Gezicke um die Themenwahl

    • Euwie
    • 12.08.2009 um 14:22 Uhr

    Interessantes Projekt. SOZIALES Leben! Was ist eigentlich mit dem Begriff "Globales Dorf" geworden? Irgendwie hat das was anheimelndes. Etwas intimes. Jeder weiß über jeden alles.... Ääh, das ist ja wohl nicht gemeint? Doch!

    Die Wahrheit ist doch, dass intime Geständnisse Kapital sind. Welche Vorlieben jemand hat, seine Antipatien, seine Sünden... das sind Sachen, die Geld wert sind. Werbung kann gezielt angepasst werden, Sünden als Druckmittel gezielt angewendet werden.

    Doch ist die Sache nicht wie mit dem Geld? Wenn es zuviel davon gibt, ist es wertlos? Inwiefern kann es sich auszahlen, wenn man weiß, das der Kollege schwul ist, als Kind einen Joint geraucht hat oder fremdgeht? Die Rechtsgeschichte geht davon aus, dass Gerichte Sache des Volkes sind. Die meisten Gerichtsverfahren sind öffentlich. Wer ein 'richtiger' Spanner ist, der geht doch als Zuschauer ins Gericht!
    Und dort bekommt er zu hören: Nichts! Das sind alles Langweiler wie ich!

    Und wie ist das in der katholischen Beichte? Sicher bekommt nur der Priester was davon mit. Aber unbewusst wird nicht davon ausgegangen. Vielleicht ist die Beichte etwas, was uns heute wirklich fehlt. Vielleicht ist uns in der modernen Zeit da irgendwas abhanden gekommen.

    Die Idee wird aber erst Früchte zeigen, wenn jemand, der KEINE Angriffspunkte hergibt, ein Problem hat. Wenn die Liebe den Hass überwiegt. Und ich fürchte, das kann noch lange dauern.

    • ztc77
    • 13.08.2009 um 14:23 Uhr

    Genaugenommen ist Ihre Überschrift "Die Hosen runterlassen" beleidigend für das Projekt von Alexandra Müller, eine interaktive Partizipationsperformance. Text und Beschreibung ihres Projekts weisen in eine ganz andere Richtung als die reißerische Überschrift auf ZEIT-Online! Natürlich ist einE KünstlerIn darauf angewiesen, dass die Öffentlichkeit von ihrem Projekt Notiz nimmt, aber nichts am Projekt ist öffentlichkeitsgeil!

    Eine Bereicherung wäre es gewesen, wenn Frau Will sich die ZEIT genommen hätte, um sich den Vorstellungen von Frau Müller über "IntimiTÄT" ein wenig zu nähern! Fast JedeR versteht darunter etwas anderes! Unwillkürlich setzt man sich dabei mit der gesellschaftlichen Neigung zur fast schon zwanghaft gewordenen Selbstdarstellung auseinander. Das kann bereichernd sein! Wahrscheinlich meint aber Frau Will, dass das Reißerische ja nur wohlwollend gemeint war!

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