Iran : Gefangen in der Folterkammer

Schläge, Verbrennungen, Scheinhinrichtungen, Vergewaltigungen: Anhänger der iranischen Opposition berichten von grauenhaften Erlebnissen in den politischen Haftanstalten des Regimes. Eltern ermordeter Gefangener werden bei öffentlicher Trauer bestraft

Verhaftet wurde der 21-jährige Student nahe der Teheraner Universität. Als die beiden Busse im Polizeigefängnis Kahrizak ankamen, ging sofort ein Dutzend Wachleute wie die Furien auf die Gefesselten los, rissen ihnen die Kleider herunter, überschütteten sie mit Wasser und prügelten mit Gürteln und Ketten auf sie ein. "Danach war kein Leben mehr in unseren Körpern. Wir waren zu schwach, auf unseren Füßen zu stehen." Es sollte noch schlimmer kommen. Einige aus der überfüllten Zelle wurden für Stunden mit den Füßen an die Decke gehängt, anderen die Hände und Füße in heißem Teer verbrannt. Die Jüngsten bekamen eine Schlinge um den Hals, wurden aufgehängt und nach einigen Sekunden wieder auf den Boden heruntergelassen. "Sie dachten erst, sie sterben, dann waren sie wieder zurück im Leben", beschreibt der Augenzeuge diese Scheinhinrichtungen.

Das Schlimmste aber seien die Vergewaltigungen gewesen. Aus seiner Zelle habe es drei getroffen. Die Peiniger holten sie einmal am Tag, "wir konnten sie schreien hören“. Danach jagten sie ihren Opfern eine Beruhigungsspritze in den Körper und brachten sie zurück. Und doch haben alle aus seiner Zelle überlebt – er selbst mit ausgeschlagenen Zähnen, gebrochenen Rippen auf der rechten Seite und Taubheit im linken Ohr. "Hauptsache, ich lebe noch", sagt er. Und "natürlich" will er weiter demonstrieren.

Andere waren nicht so glücklich – so Mohsen Ruholamini, Sohn von Abdul-Hossein Ruholamini, Chef des renommierten Pasteur-Instituts und Spitzenberater des konservativen Präsidentschaftskandidaten Mohsen Rezai. Der Informatik-Student sei an einer Gehirnhautentzündung gestorben, teilte der oberste Gefängnischef Teherans den Eltern mit. "Sein ganzer Körper war übersät mit Verletzungen und blauen Flecken. Anzeichen für eine Meningitis habe ich nicht gefunden", widersprach Rezais Bruder Omidvar, Abgeordneter im iranischen Parlament und Neurologe.

Der Foltertod des 25-Jährigen löste bis tief ins Lager der Konservativen Empörung aus. Viele Abgeordnete kennen die Familie Ruholamini und forderten eine Untersuchung. Das Gefängnis Kahrizak wurde daraufhin sofort als "nicht mehr dem Standard entsprechend" geschlossen – auf Intervention des Obersten Religionsführers Ali Chamenei. Angeblich ermittelt die iranische Justiz inzwischen auch gegen drei der schlimmsten Schläger.

Viele Eltern haben in den letzten beiden Wochen die zerschundenen Leichen ihrer Söhne und Töchter zurückbekommen. Zahlreiche Schicksale sind durch die oppositionellen Websites roozonline.com und gooya.com dokumentiert, auch wenn die Behörden die betroffenen Familien massiv einschüchtern, damit sie auf Trauerfeiern verzichten und keinerlei Auskünfte geben. Drei Wochen lang hatten die Eltern nichts von Amir Javadifar gehört, einem Studenten aus der im Nordwesten gelegenen Stadt Qazvin. "Als ich ihn identifizieren musste, war sein Körper übersäht mit Spuren von Folter", berichtete sein Vater. "Man hatte ihn bereits autopsiert – und uns wurde erklärt, die Todesursache sei unbekannt."

Die Mutter eines getöteten Medizinstudenten aus Kermanshah sitzt inzwischen selbst in Haft. Sie hatte sich aus Protest mit Lehm beschmiert, vor das Gebäude des Geheimdienstminsteriums gesetzt und Aufklärung verlangt.

Man braucht also nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was die 100 Angeklagten des großen Schauprozesses, der letzten Samstag vor dem 15. Revolutionsgerichtshof begann und am Samstag fortgesetzt wird, bisher durchgemacht haben. Sie habe ihren Mann ein einziges Mal besuchen können, berichtete Fahimeh Mousavinejad, die Frau des früheren Vizepräsidenten Mohammed Ali Abtahi. Er habe am ganzen Körper gezittert. Man habe ihm Pillen verabreicht, die Gedächtnisstörungen bewirken, so dass er sich an vieles nicht erinnern kann. Die Frau des bekannten Journalisten Ahmad Zeidabadi versuchte, ihrem Mann am Telefon Mut zuzusprechen. "Du bist schon früher in Isolierhaft gewesen und du hast große Widerstandskräfte." Ja, ich weiß, habe er geantwortet, "aber diesmal ist alles sehr viel schlimmer".

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Kommentare

90 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Kurze Zwischenfrage

Durch welche hellseherischen Fähigkeiten kommen sie zu der Erkenntnis beim User Manesse , das er/sie ein Iran Hasser wäre , nur weil er/sie das jetzige Regime kritisiert ?

Ebenso wenig wie die Foltermethoden anderer Länder in diesem Thread zur Debatte stehen , wenn sie dies thematisieren wollen , dann tun sie das doch in einem eigenem Thread, zum verharmlosen der hier thematisierten Vorgänge taugen sie nun mal nicht .

MfG Katana

Es gibt Leute,

bester Katana, die setzen Regime und Volk gleich. Wer die Vorgänge um die Wahlfälschung im Iran unvoreingenommen beobachtet und geprüft hat, konnte lernen, wie abwegig diese Gleichsetzung insbesondere im konkreten Fall ist. Es ist dies ein eindrucksvoller Sieg, den die tapfere iranische Opposition bereits jetzt errungen hat.

Diese mutige Opposition hat der iranischen Nation die Würde zurückgegeben, die von jenem mich kritisierenden Schreiber und den Speichelleckern des jetzigen Herrschaftsapparatas in den Staub getreten wird. Die iranische Nation hat sich seit Jahrtausenden in die Menschheitsgeschichte mit bedeutenden Kulturleistungen eingeschrieben; die jetzige Herrschaft der Frömmler wird das nicht vergessen machen. Und ich bin mir sicher, dass das iranische Volk diese große Tradition wieder aufnehmen und fortschreiben wird, wenn sie die jetzige Knechtschaft unter den Folter-Mullahs und diesem faschistoiden Pseudopräsidenten und Usurpator überwunden haben wird.

Vollkommen richtig !

Genau so sehe ich das derzeitige Regime auch und das sollte gerade uns Deutschen auch klar auffallen , spätestens seit dem ein Ahmadinedschad
Holocaust Verharmlosungen von sich gibt und gleichzeitig deutschfreundlich vor sich hin fabuliert .

Solche billigen Versuche von Westentaschen Demagogie sind einfach nur beleidigend .

Allerdings sollten die westlichen Völker ihren Politikern wesentlich kritischer auf die Finger sehen , denn die Entwicklung im Iran der letzten Jahrzehnte wurde durch die westliche Unterstützung des Schahs erst provoziert .
Vom Regen in die Traufe könnte man sagen .
Wir können nicht erwarten , das sich Demokratie durchsetzt , wenn wir ganz demokratisch Diktatoren unterstützen , nur weil uns deren politischer Kurs gerade genehm ist . Sowas muss aufhören , ansonsten werden immer wieder Regime wie das jetzige iranische an die Macht gespült .

MfG Katana

iran hasser sind die, die ständig ahmadinedschad im schutz nehmen und die gewalt des mullah-regimes durch unangebrachte vergleiche relativieren!

anstatt sich zu beschweren, dass es keine berichterstattungen über die ungerechtigkeiten wo anders auf der welt gibt, sollten sie sich doch freuen, dass es im falle iran nicht so ist, und sehr wohl über folter, gewalt, mord, vergewaltigungen usw. berichtet wird.

nun, sie würden sich freuen, wenn SIE kein iran hasser wären oder hinter der iranischen bevölkerung stehen würden.

Vorsicht manesse,

Sie haben zwar Recht, aber solche Wünsche ("mögen zu diesem Bericht bitte Stellung nehmen") gehen schneller und vor allem in einer Art und Weise in Erfüllung, wie man es dann nicht gerne hat.
SELBSTVERSTÄNDLICH werden die Ahmadinedschad-Verteidiger behaupten, das sei alles gar nicht beweisbar, westliche Propaganda und PiPaPo.

Nichts Neues unter der Sonne

Es ist aber nun wirklich keine Neuigkeit mehr, daß Folter im Iran eine lange Tradition hat, nur verdrängt man das auf deutscher Seite durchaus gerne, wenn mal wieder ein lohnender Geschäftsabschluß mit den dortigen Machthabern ansteht.

Erstaunlich, daß es den Bruder eines Parlamentariers getroffen hat, vielleicht ist das ein Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringen könnte, aber wahrscheinlich hofft man wieder mal vergebens.

Eigentlich wirklich nichts neues. Das Regime schlachtet seit seinem Bestehen sowohl im Iran als auch im Ausland politische Gegner ab und jetzt erst beginnt hier die Öffentlichkeit sich dafür zu interessieren. Nicht nur politische Gegner sondern Minderheiten wie Bahais oder auch Homosexuelle werden diskriminiert und schlimmstenfalls ermordet. Tausende Oppositionelle sind in den letzten dreißig Jahren spurlos verschwunden. Es wird Zeit, dass die Diktatur für die Greultaten verantwortlich gemacht wird.