Film "Iran ist wie ein Vulkan"

Die Regisseurin Sepideh Farsi hat den Alltag in Teheran dokumentiert – mit ihrem Handy von Sebastian Handke

Grün ist das Zeichen der Hoffnung. Die Filmemacherin Sepideh Farsi demonstriert damit ihre Sympathien mit der iranischen Opposition

Grün ist das Zeichen der Hoffnung. Die Filmemacherin Sepideh Farsi demonstriert damit ihre Sympathien mit der iranischen Opposition  |  © Filmfestival Locarno

Die iranische Filmemacherin Sepideh Farsi kam 1984 für ein Mathematikstudium nach Frankreich. Seitdem lebt sie in Paris und Teheran. Auf dem aktuellen Filmfest Locarno zeigt sie „Tehran Without Permission“, ein Porträt ihrer Geburtsstadt. Der Film entstand ohne Erlaubnis und ausschließlich mit einem Handy.

Frage: Frau Farsi, das Handy scheint im Alltag der Iraner eine große Rolle zu spielen.

Sepideh Farsi:Die jungen Iraner sind Technik-Freaks. Wenn man sich öffentlich nicht gehen lassen darf, nicht tanzen oder Sport treiben kann, sucht man eben andere Wege, sich auszudrücken. Junge Liebende, die ihre Zuneigung nicht zeigen dürfen, treffen sich in Cybercafés, setzen sich an verschiedene Rechner im Raum und chatten miteinander. Oder in der U-Bahn: Man muss nur Bluetooth aktivieren, schon quillt das Handy über vor Mitteilungen, Anfragen, Musik und Bildern - von fremden Menschen! Es könnte jemand sein, der neben dir steht, oder aus dem nächsten Waggon. Ist das nicht erstaunlich?

Frage: Haben Sie deshalb ihren Film mit dem Handy gedreht?

Farsi:Mit einer derart kleinen Kamera hat man immer eine Hand frei. Also konnte ich mit Menschen interagieren, Dinge kaufen, Flugblätter zu den Parlamentswahlen entgegennehmen... Aber vor allem ging es mir darum, alleine zu drehen und ohne Erlaubnis, denn es sollte ein persönlicher Film werden über die weniger sichtbaren Aspekte des Lebens in Teheran, seine Gegensätze und seine Widersprüche.

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Frage: Der private und der öffentliche Raum erscheinen fast wie getrennte Sphären.

Farsi:Zu Hause trägt man die Haare offen, hört Musik und schaut Filme, die man mag. Fernsehen empfangen die Iraner am liebsten über Satellit und aus der ganzen Welt. Dann und wann klopft ein Polizist an die Tür, vergibt einen Strafzettel und nimmt die Satellitenschüssel mit. Also geht man eine neue kaufen. In Teheran wird alles gesehen, auch CNN oder Arte. Wenn man aber auf die Straße geht, sind überall religiöse Botschaften, Propaganda und die "good moral police". Es ist schizophren. Manchmal frage ich mich, wie die Iraner das alles zusammenbringen.

Frage: Würden Sie gerne ganz nach Iran zurückgehen?

Farsi:Ich lebe seit 25 Jahren in Frankreich, aber Iran ist mein Land und ich verbringe oft die Hälfte des Jahres dort. Ich bin wie eine Amphibie: ich lebe im Wasser und auf der Erde. Aber wenn ich in Iran so leben könnte, wie ich wollte, ich würde sofort zurückkehren.

Frage: Kann es passieren, dass Sie jetzt nicht mehr einreisen dürfen?

Farsi:Darunter würde ich schrecklich leiden. Aber man kann es nicht wissen. Das weiß man erst, wenn man das Flugzeug nimmt, und am Flughafen passiert es dann.

Frage: Sie kamen kurz vor den Wahlen aus Iran zurück. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

Farsi:Ich war sehr aufgewühlt. Ursprünglich glaubte ich an keinen der Kandidaten, aber die Energie der jungen Iraner hat auch meine sonst eher skeptische Generation mitgerissen. Wir sahen all diese Menschen zur Wahl gehen, sogar in Paris. Die Schlange vor der iranischen Botschaft wollte nicht enden. Ich glaube, sie haben dort noch nie so viele Iraner auf einmal gesehen. Ich war sicher: das ist das Ende von Ahmadineschad.
Dann kamen die Ergebnisse. Wir im Ausland sahen sie ja zuerst. Ich rief meine Freunde in Iran an. "Was ist los?", fragten sie, denn die Wahllokale hatten ja gerade erst geschlossen, mit Ergebnissen war noch lange nicht zu rechnen. SMS funktionierte da schon nicht mehr. Wir hingen am Telefon und starrten auf den Fernseher. Wir standen unter Schock.

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    • Schlagworte BBC | CNN | Nokia | Film | Iran | Siemens AG
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