Pop von Jack Peñate "Baudelaire war Punk"

Kunst? Das ist ein Handwerk wie Klempnern, sagt der britische Popsänger Jack Peñate. Sein zweites Album vibriert zwischen Pop, Afrobeat, Elektro und Indierock

ZEIT ONLINE: Mister Peñate, Sie sind erst kürzlich von zu Hause ausgezogen. Sehr ungewöhnlich, es als Popmusiker so lang bei Mama auszuhalten.

Jack Peñate: Ich finde das eigentlich gar nicht ungewöhnlich. Aber wahrscheinlich passt es nicht zum Image eines Popmusikers. Ich habe vor allem deswegen solange bei meiner Mutter gewohnt, weil ich so viel auf Tour war und nie länger als eine Woche am Stück zu Hause. Als ich mit der neuen Platte begann, zog ich aus. Plötzlich hatte ich sehr viel zu erzählen. Zum Beispiel über das Erwachsenwerden und meine Eigenständigkeit.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Sie haben mit 23 das erste Mal darüber nachgedacht?

Peñate: Ja, darum dreht sich eigentlich das ganze Album. Um das Gefühl, zum ersten Mal wirklich selbstständig zu sein.

ZEIT ONLINE: Sie kommen aus einer kreativen Familie – Maler, Videokünstler, Tänzer. Was haben die Ihnen beigebracht?

Peñate: Die wichtigste Lektion war, dass das Künstlerdasein nicht bedeutet, etwas vorzugeben. In der Kunst geht es nicht um den Schein, sondern um den Ausdruck. Der Künstler ähnelt dem Klempner oder Elektriker – seine Arbeit ist Handwerk. Man lernt es, Einfallsreichtum allein reicht dazu nicht. Kunst sollte auch komödiantische Züge haben. Der Künstler sollte sich auch mal aufs Korn nehmen können. Kunst ist ein Spiegel des Lebens, und nichts, das lediglich den Künstler gut aussehen lässt.

ZEIT ONLINE: In deutschen Medien liest man, Sie hätten ein Jahr lang klassische Musik studiert.

Peñate: Ach, das wäre toll! Nein, ich habe Classics studiert, also Klassische Philologie, Homer, Sophokles und Konsorten. Um ehrlich zu sein, hatte ich nur ein paar Gitarrenstunden, kann auch gar nicht richtig Noten lesen. Aber Philologie hat mir Spaß gemacht. Ich bin zur Uni gegangen, um herauszufinden, was ich machen will. Ich dachte mir, wenn dann der dringende Wunsch aufkäme, Musiker zu werden, würde ich das Studium einfach sein lassen. Und so kam es.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie diesen Wunsch nicht gehabt hätten, was würden Sie dann gern arbeiten?

Peñate: Tischlern finde ich toll, Möbel herstellen. Wenn nicht Musik, dann würde ich irgendeine körperliche Arbeit machen. Vielleicht nehme ich mir in fünf Jahren eine Auszeit, um zu lernen, wie man Möbel baut.

ZEIT ONLINE: Wie wär’s mit Kochen? In Ihrem Twitter-Feed geht es eigentlich viel um Musik und Essen.

Peñate: Wirklich? Ist mir gar nicht aufgefallen. Das ist auch irgendwie deprimierend, dass ich so besessen von Nahrung bin (lacht). Aber Musik und Essen sind schließlich meine Lieblingsdinge.

ZEIT ONLINE: Warum twittern Sie? Aus Werbegründen?

Peñate: Ja, meine Plattenfirma möchte es. Ich finde das komisch. "Lass uns wissen, was Du machst." – "Ich gehe aufs Klo." Also bitte! Und das Schlimmste ist, ich werde süchtig danach. Ich twittere jetzt seit mittlerweile zwei Jahren. Alle drei Tage vielleicht.

ZEIT ONLINE: Sie haben 6600 Followers.

Peñate: Denen muss verdammt langweilig sein.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sich so intensiv mit griechischer Lyrik und Prosa beschäftigt haben, gibt es sicherlich auch moderne Schriftsteller, die Sie beeinflusst haben.

Peñate: Ich habe in diesem Jahr viel von Charles Baudelaire gelesen. Es gibt diese großartige Sammlung namens Le Spleen de Paris. Darin ist ein Prosagedicht namens Evrivez-vous, das hat mich sehr erheitert. Baudelaire fragt nach dem Sinn des Lebens, wenn man nicht in einem Zustand ist, indem Herz und Geist sich öffnen und man die Dinge anders sieht. Also fordert er zum Trinken auf. Das ist ziemlich Punk, und er hat das im 19. Jahrhundert geschrieben!

ZEIT ONLINE: Dieser Gedanke findet sich auf Ihrem Album wieder, beispielsweise im Lied Let’s All Die.

Peñate: Ja, und in Give Yourself Away. Jetzt fällt mir auf, dass beide wohl von Baudelaire inspiriert sind. Ich höre auch viel HipHop. MF Doom ist mein Held, er schreibt großartige Texte: "Got more soul than an a sock with a hole." In einigen Liedern habe ich versucht, zu reimen wie er. Schnell, nicht besonders nett, eher fies, das mag ich. Aber der allergrößte Liedtexter ist David Byrne. Seine Texte sind so einfach aber intelligent.

ZEIT ONLINE: Einfach und intelligent – sind das auch Kriterien für gute Popmusik im Allgemeinen?

Peñate: Guter Pop bewegt dich körperlich und emotional, das klingt jetzt ein bisschen peinlich. Es gibt einige Songs, an denen ich mich orientiert habe, weil sie das so vorbildlich umsetzen: Tear Drops von Womack & Womack, eines meiner absoluten Lieblingslieder. (singt) "Whenever I hear goodbyes, reminds me, baby, of you." So rührend und trotzdem so energisch, da will man sofort tanzen. Oder Running Up That Hill von Kate Bush, einer der besten Popsongs aller Zeiten. Herzzerreißend. Mein Stück Tonight’s The Day sollte so ähnlich werden. Fröhlich und melancholisch. Das ist ein großes Thema des Albums.

ZEIT ONLINE: Sie waren ein Teenager, als Sie Ihr erstes Album geschrieben haben. Jetzt sind Sie 24 und benutzen ganz andere Stilmittel. Haben Sie als Solo-Künstler vielleicht größere Freiheiten als eine Band, die ein Gruppenimage definieren muss?

Peñate: Solisten brauchen den Freiraum, um sich selbst zu finden. Denken Sie an David Bowie – er ist unvergleichlich aber ein gutes Beispiel. Er hat als ziemlich schlechter Folkmusiker angefangen. Dann hat er sich umgeschaut, und es hat Klick gemacht. Ich gehe lieber seinen Weg und riskiere, dass ich möglicherweise nicht so viele Leute mit meiner Musik erreiche.

ZEIT ONLINE: Sie klingt, als hätten Sie sich an House-Rhythmen, Elektro und ein wenig am Funk orientiert. Ist das Musik, die Sie gern hören?

Peñate: House und Dance höre ich nicht so viel. Funk und Soul aber sehr gern. Und ich habe ein bisschen Afrobeat und brasilianische Musik gehört. Es klingt vielleicht nach House, aber eigentlich ist es nur Jack Peñate, der versucht, Afrobeat zu machen. Ich bin wie eine musikalische Elster, stibitze überall, was mir gefällt. Keine Ahnung, ob das gut ist oder schlecht, aber so arbeite ich eben.

ZEIT ONLINE: Einige Wissenschaftler behaupten, dass alle Melodien, die unser Tonsystem hergibt, bereits geschrieben wurden. Weil wir eben nur zwölf Töne in der westlichen Skala haben. Wenn Sie an die aktuellen Plagiatsprozesse denken – Joe Satriani und Cat Stevens gegen Coldplay –, wird es schwieriger, neue Musik zu komponieren?

Peñate: Ja, aber an dieser Stelle greift die Produktion. Die Produktionsmittel sind genau das Gegenteil von der tonalen Beschränkung: Es gibt immer wieder neue Möglichkeiten, Klänge zu generieren. Ich habe mich noch nicht so sehr mit Produktion beschäftigt, aber ich würde es gern. Mit diesem Future Sound, wie man es nennt. Geräusche! Noise! Da finden sich bestimmt neue Wege, aufregende Musik zu machen. Im Singer-Songwriter-Bereich hingegen wird es verdammt schwierig.

ZEIT ONLINE: Die Produktion Ihres neuen Albums klingt sehr viel aufwendiger als die des ersten. Da sind Chöre, viel Hall, viel Atmosphäre. Und Sie wollen erzählen, Sie hätten sich noch nicht mit Studiotechnik beschäftigt?

Peñate: Das war Paul Epworth, mein Produzent, einer der besten Englands. Die Zeit im Studio mit ihm war mir wie eine Lehre, wirklich erstaunlich. Am Anfang hatte ich nur Worte, um zu beschreiben, wie das Album klingen sollte: warm und offen, weiträumig. Also haben wir am Sound rumgetüftelt. Ich wollte nie nach Hause gehen, so toll war es. Ein Job, montags bis freitags, beinahe von 9 bis 5.

ZEIT ONLINE: Wie komponieren Sie?

Peñate: Mittlerweile oft im Studio. Früher habe ich meine Lieder immer allein geschrieben, das war kein Spaß, sondern oft eine sehr einsame Pflichtübung.

ZEIT ONLINE: Dann empfinden Sie also nicht jeden Tag den inneren Drang, Dinge festzuhalten, die Ihnen durch den Kopf gehen.

Peñate: Ich denke, so geht es vielen Musikern. Es kommt in Zyklen. Man muss den richtigen Zeitpunkt erwischen. Eine Woche lang kann gar nichts passieren und dann: "Oh Mann, wo ist die Gitarre. Schnell!" Und es ist so dringend, dass man alles andere stehen und liegen lässt.

ZEIT ONLINE: Woher kommen diese Impulse?

Peñate: Aus dem Kosmos? (lacht) Das weiß niemand. Außer Paul McCartney und John Lennon. Die alten Schlitzohren. Die hatten eine Standleitung zum Kosmos. Genauso wie Bob Dylan. Ich suche immer noch verzweifelt nach der Leitung.

Das Gespräch führte Rabea Weihser

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.

 
Leser-Kommentare
  1. Interessantes Interview. Sehr guter Künstler, der der Popmusik endlich wieder mehr Farbe gibt und nicht nur als kommerzielle Ausschlachtung gesehen wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service