Finanzbranche Zocken will gelernt sein

Für Stefan Bremert war Investmentbanker der Traumberuf. Heute handelt er mit Kunst. Porträt von einem, der einstieg, aufstieg und ausstieg

Für Stefan Bremert ist es eine Nebensächlichkeit, wenn er aus seiner Zeit als Investmentbanker erzählt: dass er in London 17 Stunden am Tag gearbeitet hat. Dass in besonders extremen Wochen sein Chef ihm nachts um ein Uhr gesagt hat, er könne jetzt mal schnell nach Hause duschen gehen und solle um vier wiederkommen. Ebenso beiläufig erzählt Bremer, dass er im Gegenzug für diese Schinderei bei anderen Gelegenheiten geschwänzt hat und einfach nicht zur Arbeit gegangen ist. Ärger bekam er deshalb nicht, er verdiente ja gutes Geld für die Bank.

Für Bremert war es eine Zeit der Extreme: Zehn Jahre lang hat er bei der Commerzbank als Investmentbanker gearbeitet, bei der Citigroup und bei der Deutschen Bank, in Frankfurt am Main und in London. Am Ende seiner Laufbahn hat er Hypothekenpakete an Banken und Versicherungen verkauft. Jene Finanzprodukte, wegen denen die Wirtschaftskrise vergangenes Jahr ausgebrochen ist. Kurz vor dem Kollaps der Finanzmärkte hat er den Dienst quittiert.

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Eigentlich darf er nicht reden, das ist Bestandteil seines Abfindungsvertrags und er fürchtet die Anwälte der Banken. Er erzählt unter anderem Namen vom Investmentgeschäft, das ihn im Alter von 22 Jahren angezogen hat. Eigentlich träumte er damals davon, ein eigenes Geschäft aufzuziehen. Aber um dieses Wagnis einzugehen, wollte er sich zuerst ein finanzielles Polster anlegen. Und das ging im Investmentgeschäft sehr schnell.

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann stieg Bremert 1998 als Investmentbanking-Trainee bei der Deutschen Bank ein, parallel zu seinem BWL-Studium. Er arbeitete in der Kreditabteilung. Das fand er eigentlich "langweilig, aber da konnte man viel lernen", berichtet er. Der Trainee schaute den Aktienhändlern über die Schulter – "das fand ich spannend" – bis er in der zweiten Hälfte der vierjährigen Ausbildung selbst Rentenfonds-Pakete an Finanzunternehmen verkaufte. Da verdiente er bereits 60.000 Euro im Jahr. Für ihn und seine Ausbildungskollegen war klar, dass das nur der Anfang ist. "Es haben zwar alle drumherum geredet", sagt Bremert, "aber das Ziel war für alle: schnell aufsteigen und Geld verdienen."

Die Karriereleiter in der Finanzwelt vergleicht Bremert mit einer Aufwärtsspirale: Oft wechseln und bei der neuen Firma für die gleiche Arbeit bis zu 300 Prozent mehr Gehalt bekommen – plus einen Bonus, um überhaupt anzutreten. In seinen Jahren hat er drei Mal den Arbeitgeber gewechselt.

Bei seinem ersten Job war sein Festgehalt bereits mehr als doppelt so hoch wie während seiner Trainee-Zeit: 140.000 Euro pro Jahr. "Ich habe mir davon in der Frankfurter Innenstadt eine Wohnung gekauft, den Großteil direkt bezahlt und den Kredit für den Rest im folgenden Jahr getilgt."

Die Rechnung geht aber nur in guten Jahren auf. Für Mitarbeiter, die die Gewinnvorgaben nicht erreichen, beschäftigen die Finanzinstitute hauseigene Rausschmeißer der besonderen Art. Einer ist dem Ex-Banker besonders im Gedächtnis geblieben, weil er in seinem gläsernen Eckbüro über Wochen nur dabei zu beobachten war, wie er Bücher las, sich Bildbände anschaute oder aus dem Fenster blickte.

Der vermeintliche Müßiggänger war aber die rechte Hand des Vorstands und als Top-Jurist nur dafür da, Mitarbeiter möglichst ohne millionenschwere Abfindung zu feuern. "Wenn der in dein Büro kommt, dann hast du ein Problem", warnten Bremerts Kollegen vor dem unauffälligen Vollstrecker.

Es war also besser, jederzeit hellwach zu sein und zum optimalen Zeitpunkt seine Geschäfte zu machen – "manchmal vier Abschlüsse in einer Minute", erinnert sich der Ex-Banker heute und schnipst dazu mit den Fingern. Ratzfatz ging das im Termingeschäft und beim Handel mit Unternehmensanleihen.

In einer Branche, die das schnelle Geld liebt, ist kein Platz für langes Zaudern. Was zählt sei der monetäre Erfolg, der gerne zur Schau gestellt werde. Bremert erzählt, dass der Vorstand seinen Mitarbeitern mitteilte, dass man im Büro doch wenigstens mit einem Armani-Anzüge gekleidet sein solle. Ein Chef habe wegen eines Kaffeeflecks auf dem Oberärmel sein Jackett in den Mülleimer geworfen und sich schnell einen neuen Boss-Anzug gekauft. "Und diese Selbstdarstellung ging soweit, dass die Kollegen nie zu erwähnen vergaßen, wenn sie neue Schuhe für ein paar Tausend Euro gekauft hatten", erinnert sich der Aussteiger.

Irgendwann habe ihn das Verhalten nachdenklich gemacht. Ein Bedürfnis nach mehr Bezug zur Realität der meisten anderen Menschen sei in ihm aufgekommen. An den genauen Zeitpunkt in seiner Karriere kann er sich nicht erinnern.

Vielleicht war es, als ihm ein Kollege erklärte, dass das Investmentbanking gut für die Gesellschaft sei, weil es das Geld in Bewegung halte. "Doch zu welchem Preis?", habe er sich gefragt. Die Banker selbst würden jedenfalls nicht ihren spekulativen Anlageprodukten vertrauen. Sie investieren ihr Privatvermögen konservativ in festverzinste Papiere, weiß Bremert: "Alle, die in der Branche clever sind, legen nicht in große Publikumsfonds an."

Nach zehn Jahren hatte er genug von dieser "Bigotterie, der Heuchelei und der Profitsucht" dieser Branche. Er stieg aus. Das war vor über einem Jahr – als die Seifenblase platzte. Ob vielleicht auch äußere Faktoren seinen Karriereausstieg bedingten, verrät er nicht. Wohl aber, womit er heute sein Geld verdient: Stefan Bremert betreibt eine Galerie. Ist Kunst die sicherere Anlage? Er lacht. Am meisten schätzt er an seiner neuen Tätigkeit, dass er selbst über seine Arbeitszeit entscheidet – und nicht mehr sein Chef.

 
Leser-Kommentare
    • Colón
    • 13.08.2009 um 13:42 Uhr

    In den letzten Monaten sind Investmentbanker häufig im Blick der Journalisten.
    Das Verhalten der Person dieses "Falls" ist, angesichts der Krise, aber auch sonst, recht üblich. Grundaussage: Wir machen das ein paar Jahre, legen zurück und investieren den Rest, ein Vermögen(!),einigermaßen krisenfest, um dann, mit dem angehäuften Eigentum, darum geht es, eine Anzahl von persönlichen Freiheitsgraden zu verwirklichen. Dazu kann man affirmativ schreiben, muss es aber nicht.

    Grüße
    Christoph Leusch

    • HBogon
    • 13.08.2009 um 13:47 Uhr

    Mir kommen die Tränen. Nachdem er 10 Jahre abgeräumt hat, kann er sich nun schon privilegiert aufs Altenteil in seine eigene Galerie zurückziehen. Aber immerhin hat er noch gemerkt, dass der Tanz ums goldene Kalb auf Dauer die Gesundheit und den Verstand ruiniert. Von Ethik reden wir lieber gar nicht erst, die ist in diesen Kreisen sowieso ein Fremdwort oder einfach nur lachhaft.

    Andere - der wenigen - Augenzeugenberichte aus dem Investmentbanking sind da sehr viel drastischer und erinnern stark an eine Irrenanstalt ohne Wärter, in der einfach nach dem Prinzip des Sozialdarwinismus der Brutalste gewinnt. Chef wird man, indem man alle Skrupel für immer ablegt oder besser noch: nie welche besessen hat.

    Wenn man dann noch mit schönen Worten lügen und das Ganze nach außen verkaufen kann, winkt sogar ein Vorstandsposten - die gute Vernetzung untereinander und in die Politik vorausgesetzt natürlich. Die katastrophalen Folgen dieser Negativauslese dürfen wir nun alle tragen, weil es politisch so gewollt ist.

  1. "Nach zehn Jahren hatte er genug von dieser "Bigotterie, der Heuchelei und der Profitsucht" dieser Branche. Er stieg aus."

    Dieser Artikel ist ebenfalls heuchlerisch. Wer in so kurzer Zeit so viel Geld aus dem System gezogen hat, kann sich natürlich nach 10 Jahren einen moralischen Anfall leisten und aussteigen. ICH kann höchstens einen Brechanfall kriegen, wenn ich so was lese.

  2. Ja das alles erinnert mich an meinen eigenen Werdegang. Ich wollte eigentlich Pornoregisseur werden. Dann bin ich aber nach dem Abi mehr aus Zufall und Langeweile auf eine Fete an der Uni gegangen. Irgend wann war ich 30 und kam da wieder raus. Ich hatte ein paar merkwürdige Namenszusätze auf meiner Visitenkarte und wusste über Dinge Bescheid, mit denen ich mich mit maximal 10 anderen Leuten auf diesem Planeten unterhalten konnte - von denen aber 9 etwas merkwürdig waren, so dass ich nach Möglichkeit einen weiten Bogen um sie machte, der zehnte ging nie ans Telefon.

    Ich stürzte mich also ins Erwerbsleben. Die Uni war ein merkwürdiger, weltfremder Ort voll verquerer Gestalten gewesen - das wirkliche Leben erwies sich als noch weitaus seltsamer. Nachdem ich genug Geld verdient hatte, stellte ich fest, dass Geldverdienen so wie ich es betrieben hatte, obszön ist, und es moralisch weitaus vertretbarer ist, meine Zeit damit zu verbringen, all jene zu beschimpfen, die weniger Geld hatten, und folglich noch arbeiten mussten. Mein Versuch, ein Buch mit Binsenweisheiten aus dem Management zu schreiben scheiterte aber bereits im Ansatz - ich bin über der ersten Manuskriptseite eingeschlafen.

    Bliebe da noch mein ursprünglicher Berufswunsch. Da ich aber Goldkettchen nicht mag, und meine Freundin eifersüchtig ist, wird mir die Erfüllung dieses Traumes wohl dauerhaft verschlossen bleiben.

    Aber ich bin optimistisch, denn seit kurzem lebe ich einen ganz anderen Traum: Ich spam die Online-Foren der Zeit zu. Insbesondere, wenn es sich dabei um Laberartikel handelt, die in Ihrer Sinnfreiheit das mir inhärente Mass an Bosheit so richtig schön wachkitzeln.....

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    Vielleicht hilft NGO-Altruismus á la Al Gore oder Muhammad Yunus: Man ist überall auf der richtigen Seite, sogar bei sich - verflixt: Dann doch wieder nicht. Pech!

    Dank für Ihren Beitrag.

    Vielleicht hilft NGO-Altruismus á la Al Gore oder Muhammad Yunus: Man ist überall auf der richtigen Seite, sogar bei sich - verflixt: Dann doch wieder nicht. Pech!

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  3. Vielleicht hilft NGO-Altruismus á la Al Gore oder Muhammad Yunus: Man ist überall auf der richtigen Seite, sogar bei sich - verflixt: Dann doch wieder nicht. Pech!

    Dank für Ihren Beitrag.

    Antwort auf "Mein Lebenslauf "
  4. hat keinen Blaumann an. Der Blaumann ist soetwas wie der falsche Punkt auf der Stirn des Inders. Der Blaumann garantiert null gesellschaftliches Ansehen bei größter Jobunsicherheit und absolut geringstem Verdienst.

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