Unser Wahlkampf-Reporter Michael Schlieben ist auf Deutschlandreise (Route siehe unten). Nord, West, Süd, Ost – einmal rund durch die Republik geht es. Er bloggt , twittert – und schreibt Reportagen. Lesen Sie heute seinen Bericht vom Fuße der Schwäbischen Alb:

Und das soll eine grüne Hochburg sein? Bad Boll: ein Örtchen zu Füßen der schwäbischen Alb. In der Ferne tuckert ein Trecker über das idyllische Hügelland; morgens um neun Uhr dreißig wecken die Kirchenglocken die letzten der 5000 Einwohner; abends nach neun Uhr dreißig bekommt man hier nichts Warmes mehr zu essen. Viel ist nicht los.

Dorothee Kraus-Prause hat zu sich nach Hause geladen. Die 60-Jährige ist Bad Bolls stellvertretende Bürgermeisterin, ihre Grüne Liste die stärkste Fraktion im Gemeinderat. Auf der Terrasse wartet eine schwäbische Vesper: Hefezopf (selbstgebacken), Marmelade (selbst gemacht) und Bio-Apfelschorle aus Äpfeln vom Dorf.

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An den Erfolg der Öko-Partei in den Groß- und Studentenstädten im Ländle hat man sich schon gewöhnt: Bei der Kommunalwahl im Juni wurden die Grünen stärkste Partei in Freiburg, Heidelberg und Stuttgart – und zweitstärkste in Karlsruhe, Ulm und Tübingen. Aber selbst in Städtchen wie Bad Boll haben sie sich inzwischen zur Volkspartei gemausert. Woran liegt’s?

Das sei das Ergebnis von kontinuierlicher Arbeit, sagt Kraus-Prause. Seit 1989 ist sie Mitglied im Gemeinderat. Seither habe ihre Partei stetig an Stimmen gewonnen. Das Erfolgsgeheimnis? Man habe ideologische Debatten vermieden und sich auf ortsgebundene Aktionen konzentriert: Auf Car-Sharing oder eine Bürger-Solar-Anlage. "In kleinen Orten ist es leicht, grüne Politik zu machen", sagt sie. Weil hier die Menschen schneller die Veränderungen sehen.

Die Grünen in Bad Boll gehören inzwischen zum Establishment. Sie sind nicht mehr die Bürgerschrecken von einst, sondern älter, wohlhabender und pragmatischer geworden. Zudem hat sich die Boller Gesellschaft auf die Grünen zu bewegt. Kraus-Prause erzählt: In den neunziger Jahren habe man ihr im Gemeinderat noch vorgehalten, der Klimawandel sei eine Erfindung ihrer notorisch pessimistischen Partei. Heute traue sich das keiner mehr.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebte Bad Boll einen Aufschwung. Das Dorf wuchs, die Wählerstruktur veränderte sich. Rund um die örtliche Reha-Klinik ließen sich Therapeuten und Naturheiler nieder. Der größte Arbeitgeber ist ein Hersteller von anthroposophisch geprägter Naturkosmetik: Wala (Wärme, Asche, Licht, Asche) exportiert seine Ware bis nach Hollywood – dem internationalen Öko-Trend sei Dank. Heute hat Bad Boll einen Waldorfkindergarten und zwei Bioläden. Es entstand ein Milieu, von dem die Grünen profitierten.

Das intellektuelle Zentrum des Dorfs ist die Evangelische Akademie, eine der 17 "Denkfabriken" der protestantischen Kirche in Deutschland. Gerade findet hier eine "kreative Ferienwoche" statt. Das Motto: "Carpe Diem". Man sieht gebatikte Tücher, hört Banjos und Trommeln. Gereicht wird Birnen-Sekt aus der Region.

Joachim Beck, der Direktor der Akademie, scheut sich nicht vor Fundamentalkritik. Mit der Bundesregierung sei er "total unzufrieden", sagt er. Sie habe sich von der Sozialpolitik entfernt, vom Prinzip der wechselseitigen Verantwortung. Vor einer möglichen schwarz-gelben Regierung grause ihm schon jetzt. Zum Abschied verteilt er ein paar Postkarten. Auf einer steht "PROTESTantisch".