Afghanistan wählt Afghanische Vetternwirtschaft
Präsident Karsais Regierungsstil ist undemokratisch, heißt es. Doch ist unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Demokratie nach westlichem Vorbild gar nicht möglich
© Pedro Ugarte/AFP/Getty Images

Wahlkampf für Präsidentschaftskandidat Abdullah Abdullah: Das Interesse an der Wahl ist in Afghanistan sehr groß
"Ihr helft dieser neuen Demokratie nicht nur zu überleben, sondern zu gedeihen", gab Ex-US-Präsident Georg Bush seinen Soldaten 2001 mit auf den Weg nach Afghanistan. Und dass, obwohl die Regierung der USA zunächst kaum davon zu überzeugen war, dass es in Afghanistan mehr zu tun gab als nur Osama Bin Laden zu jagen. Kein Wunder also, dass jeder Wahlgang in Afghanistan als Maßstab von Erfolg oder Misserfolg der Intervention angesehen wird.
Die diesjährige Wahl werde ein völliger Reinfall, glaubt man den Leitartikeln der jüngsten Zeit. Die Sicherheitslage sei derart schlecht, dass am Wahltag viele Wahllokale nicht öffnen werden, vermuten selbst Regierungsmitglieder. Und der Hoffnungsträger Karsai ist in vielen Augen zu einem Teil des Problems geworden. Er täte zu wenig gegen die Taliban und den Drogenanbau. Auch sein Regierungsstil sei nicht sehr demokratisch: Zu viel passiere hinter geschlossenen Türen, zu viel Vetternwirtschaft.
Nur kann ein Regierungschef in Afghanistan kaum anders vorgehen. In fast allen Ländern, deren politische Institutionen nach Kriegen zerstört waren, dominiert der Klientelismus. Afghanistan ist keine Ausnahme. Wer oben ist, verteilt Ressourcen und sichert sich so Loyalität. Dieser Regierungsstil geht natürlich zulasten der Allgemeinheit, aber immerhin sichert er etwas Stabilität. Zumindest dann, wenn sich der Oberste in der Verteilungspyramide einigermaßen geschickt anstellt.
Zudem ist es in Afghanistan seit mindestens 250 Jahren gebräuchlich, dass der Herrscher in Kabul sich die Zustimmung der Stämme und anderer Lokalfürsten erkauft - entweder mit Geld oder mit Privilegien. Spielt der Herrscher dieses Spiel nicht mit, greift die Peripherie zu den Waffen. Der "Eiserne Emir", Abdur Rahman, wollte mit den "unerträglich grausamen und tyrannischen Männern" auf dem Land nichts zu tun haben. Er entmachtete in den 1880er Jahren die Mullahs und drängte den Einfluss der Stammesfürsten zurück. Die Folge: Mehr als vierzig Aufstände musste er in seiner 20-jährigen Regierungszeit niederschlagen. Dazu richtete er ein stehendes Heer ein - die Kosten übernahm das Britische Empire.
Ohne Hausmacht kann der Herrscher von Kabul nur den Ausgleich suchen. Dazu muss er ideologisch flexibel sein. Denn Prinzipien gelten nicht viel in Afghanistan, schreibt die Politikwissenschaftlerin Christia Fotini. Die meisten Konflikte würden durch Verrat entschieden, nicht durch Waffengewalt. Oder auf demokratischere Verhältnisse gewendet: Nicht der Wahlausgang ist entscheidend, sondern die Koalitionsverhandlungen.
Getreu der eingespielten Fähnchen-im-Wind-Regel wollten viele Taliban 2001 und 2002 die Seite wechseln, doch auf Geheiß der USA wurden sie inhaftiert. Im Februar 2002 wollte der bekannteste Vertreter der gemäßigten Taliban, ihr Außenminister Wakil Ahmad Mutawakil, sich der neuen Regierung anschließen. Doch auf Anweisung der USA wurde er festgenommen und steht auch heute noch unter Hausarrest.
- Datum 04.09.2009 - 16:18 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Endlich mal wagt sich ein Journalist in den deutschen Medien die ganze Wahrheit zu erzählen. Afghanen haben ein Spruch " Ein krumm verladener Fracht wird sein Ziel nicht erreichen." Wieso wundert man sich über die dürftigen Ergebnissen der Pseudo-Demokratie - erstarkten Taliban, Korruption, unzufriedene Bevölkerung - , wenn man schon die Weichen falsch gelegt hatte? Es tut mir Leid für allen Humanisten und Idealisten, die tatsächlich an der Wiederaufbau der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen geglaubt haben.
Jüngst war im Spiegel in seltener Offenheit zu lesen: "Er gilt als blutrünstigster Milizführer: Kurz vor der Wahl in Afghanistan kehrt Abdul Raschid Dostum nach Kabul zurück. Doch statt mit einer Gefängniszelle rechnet der General mit einem Regierungsposten. Schamlos nutzt Präsident Karzai Kriegsverbrecher wie ihn zum Erhalt seiner Macht."
Was ist an dieser Regierung Kasai demokratisch? Demokratie, da lachen doch die Hühner. Diese schlechte Komödie wir uns als Fortschritt verkauft.
Wo bleiben die eifrigen Fahnder des Serbentribunals?
... Sache mit den lokalen Fürsten.
Ich habe nun schon einige Berichte gelesen, dass genau dies der größte Fehler der Amerikaner war. Denn die Taliban geniessen einiges Ansehen in der Bevölkerung, weil sie die korrupten Kleinmonarchen absetzen und abstrafen, auch wenn sie ansonsten nicht sehr beliebt sind. Tja ist halt so eine Sache mit den Eroberungskriegen, wie man es macht, man macht es falsch. Sicher dachten die Amis: vorhandene Struktur nutzen, Tradition beibehalten, eigene Truppen sparen, fremde Taliban vertreiben. Beißt sich mit den Demokratiegeschwafel? Egal, damit war es den USA ja eh nie ernst, Rechtfertigungen fürs Volk, nichts weiter.
"In fast allen Ländern, deren politische Institutionen nach Kriegen zerstört waren, dominiert der Klientelismus."
Richtig. Aber Afg. kennt doch faktisch nichts anderes, immerhin herrscht da seit Jahrzehnten irgendwie Krieg. Es wäre ein sinnvolles Ziel gewesen, diesen "Klientelismus" zu entmachten und eine weniger korruptionsanfällige politische Struktur zu etablieren. Das hätte die Bevölkerung (die eigentlich über die Taliban-Vertreibung ganz froh war) viel sicherer hinter die Besatzer gebracht. Aber dazu hätte es mehr Truppen gebraucht und die brauchte man ja für den nächsten Angriffskrieg...
Aber das ist natürlich einfach geschrieben, an Afg. sind bisher alle gescheitert.
"Doch ist unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Demokratie nach westlichem Vorbild gar nicht möglich."
Ja, wie auch, da gibts ja noch gar kein Banken und Großkonzerne, die die Politik entsprechend schmieren. Aber im ernst, die wären wahrscheinlich tatsächlich froh, selbst wenn sie nur so ein erbärmliches System wie eine "Demokratie nach westl. Vorbild" bekommen würden.
daß die USA absolut nicht daran interessiert waren/sind, eine starke Zentralregierung zu fördern.
Nix Neues also. Teile und herrsche.
Interessant ist folgende Bemerkung:
"Die meisten Konflikte würden durch Verrat entschieden, nicht durch Waffengewalt. Oder auf demokratischere Verhältnisse gewendet: Nicht der Wahlausgang ist entscheidend, sondern die Koalitionsverhandlungen."
Gestern Abend (leider mal wieder spät) gab es eine sehr gute Reportage über die Bundeswehr dort! Sehr objektiv mit Hintergrundinformationen. Dort wurde nicht nur der Irrsinn gezeigt sondern auch erwähnt, das sich diedeutsche Politik auf recht kriminelle "Fürsten" stützt, so zb Steinmeier mit einem "ehemaligen" Drogenbaron. Karsai umgibt sich auch mit zweifelhaften Getreuen und er braucht zur Sicherung der Macht sog. Warlords. Ein Verwandter und großer Drogenschmuggler und -Händler machte karsai dann zum Chef der Antikorruptionsbehörde!!
Da sieht man auf welche Leute sich der Westen und somit auch die nunmehr kämpfende und immer weiter gehasste Bundeswehr stützt! Aber es ist ja offiziell kein Krieg!!! Unsere armen Soldaten werden wirklich veräppelt! Das haben unsere Soldaten nicht verdient und die Öffentlichkeit auch nicht! Entweder neuer Kurs oder raus da!
Die Doku müsste in der Ndr mediathek zu finden sein! Aktuell und sehenswert..
Auch die Geschichte aller westlichen Länder begann einst mit jahrhundertelangen blutigen Fehden zwischen kleinen Stammesfürsten. Wir sollten nicht erwarten, dass die Völker des Mittleren Ostens binnen weniger Jahre die gleiche Entwicklung vollziehen, zu der wir selbst tausend Jahre benötigten.
...Abdullah heißen.
Der ist die letzten Jahre
um die ganze Welt getingelt
und hat sich mit den entschei-
denden Leuten getroffen.
Mal sen, wie er an die Macht kommt.
Es ist jedoch ziemlich sicher - echt.
Afghanistan wird kurz- und mittelfristig keine Demokratie westlicher Prägung sein können, denn dafür braucht es eine entsprechende Kultur und Frieden, darüber hinaus ein funktionierenden Rechtssystem. Und das alles ist nicht gegeben.
Diese Menschen leben in Stammesgemeinschaften und nach islamischer Tradition. Deshalb können nur diese aus unserer Sicht archaischen Systeme Grundlage für den afghanistanischen Staat sein.
Den Afghanen die westliche Demokratie überstülpen zu wollen ist Besatzung. Und genau mit diesen Argumenten punkten auch die Befreiungskämpfer aka Taliban. Und wir sollten die Wahl des afghanischen Volkes respektieren, denn es muss mit ihren System jeden Tag leben.
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