Wirtschaftskrise Kein "German Wunder" auf dem Arbeitsmarkt

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Wolfgang Franz, rechnet mit Steuererhöhungen und steigenden Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. Im Gespräch erklärt der Arbeitsmarktexperte, warum sich sein Mitleid für die künftigen Bundesminister in Grenzen hält und wie schlimm die Job-Krise Deutschland treffen wird

Frage: Herr Franz, das Ausland spricht über das German Wunder, weil die Arbeitslosigkeit hier lange Zeit weit weniger zunahm als in anderen Ländern. Zu Recht?

Wolfgang Franz: Nein, von einem Wunder kann man nun wirklich nicht sprechen. In Deutschland hat die Politik das Instrument Kurzarbeit eingesetzt - das verschleiert, wie sehr die Nachfrage nach Arbeitskräften tatsächlich gesunken ist. Wenn man unterstellt, dass jeder, der in Kurzarbeit ist, ein Drittel weniger arbeitet, und das in Vollzeitstellen umrechnet, hätten wir über 400.000 Arbeitslose mehr.

Anzeige

Frage: Hat die Bundesregierung die falsche Maßnahme ergriffen?

Wolfgang Franz: Nein, unter dem Strich ist es sinnvoll. Die Möglichkeiten staatlicher Arbeitsmarktpolitik in einer Rezession solchen Ausmaßes sind außerordentlich begrenzt. Die Kurzarbeit hat immerhin einige Vorteile. Für die Beschäftigten liegt er vor allem darin, dass sie zwar weniger arbeiten, aber nicht direkt und komplett den Kontakt zur Arbeitswelt verlieren. Und die Unternehmen verlieren kein betriebsspezifisches Wissen und müssen nach der Krise nicht nach passenden Arbeitskräften suchen.

Frage: Für die Bundesregierung liegt der Vorteil vor der Bundestagswahl ja auch auf der Hand...

Wolfgang Franz: ...da kann ich nicht widersprechen.

Frage: War es richtig, die maximale Dauer von 18 auf 24 Monate zu verlängern?

Wolfgang Franz: Nein. Aus ökonomischer Sicht ist es es bedenklich, Mitarbeiter zu lange künstlich in einem Unternehmen zu halten, vor allem wenn sie später doch entlassen werden müssen.

Frage: Was spricht denn dagegen, wenn es sich Unternehmen leisten können – und wollen?

Wolfgang Franz: Die Leute stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Auch in einer Rezession werden Arbeitskräfte nachgefragt, beispielsweise von neugegründeten Unternehmen, wenngleich natürlich markant weniger als in einer normalen Konjunktursituation.Schließlich halten Unternehmen bei Kurzarbeit ja genau die Arbeitskräfte, die auf dem Arbeitsmarkt rar sind und von denen sie annehmen müssen, dass sie hinterher weg sind. Das wirkt strukturkonservierend.

Leser-Kommentare
    • Manul
    • 17.08.2009 um 18:34 Uhr

    Man wird schon müde manches zu kommentieren, deshalb nur kurz. Wolfgang Franz ist kein unabhängiger Experte, wie man hier nachlesen kann:
    http://www.jungewelt.de/2...
    und die INSM ist nichts anderes, als ein neoliberaler Thinktank, der, grob gesagt, für viele sozialen Schweinereien verantwortlich ist, die in den letzten Jahren uns zugemutet wurden - und wahrscheinlich noch zugemutet werden. Es so also kein Wunder, dass es für diesen Experten keine Alternativen zur Kürzung von Ausgaben und zur Erhöhung von Steuern, die alle treffen (ist ja schliesslich auch gerecht, insbesondere denen gegenüber, die schon ohnehin ihr gesamtes Einkommen 'verfressen').

  1. Leicht abstrakt bedenkt man das es hier um Menschen geht, so denke ich mir das eigentlich seitdem wir uns gerne als Modern, und Fortschrittlich betiteln...

    Seltsam dann so theoretisch zu lesen das bei Mio. von Arbeitslosen "diese künstlich gehaltenen Kurzarbeiter dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen"... Wieviele Arbeitslose sollen es denn sein bevor man sich mal Alternativen zum Glauben an die Märkte überlegt?

    Strukturerhaltend sind für mich u.a auch die Verfilzung von Kapital und Politik sowie die andienenden Lobbyisten

    Ich bin nach wie vor dafür das in guten Zeiten die Investoren ihre Profite mehren, diese aber in schlechten Zeiten wieder abgeben und nicht konstant beleidigt in Steueroasen parken. Dies würde etwa der kürzung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld in guten Zeiten entsprechen. Wobei diese Massnahme ja eh negative Folgeerscheinungen nach sich zieht solange die Arbeitslosenrate nicht gegen 0 tendiert.

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  2. Die verfälschung der Arbeitslosenstatistik fügt dem Deutschen Staat ungeheuren Schaden zu, da die hier erforderliche Debatte über geeigente Massnahmen vermieden wird. Das Versagen wirtschaftlicher Mechanismen nötigte den Staat sich verlustreich zu engagieren. Die voraussichtlich neue Regierung von CDU/FDP fordert Steuerentlastungen in beträchtlichem Ausmass ohne überhaupt konkrete Gegenfinanzierungen vorzulegen. Dies bedeutet zwangsläufig, dass die Sozialversorgung vieler Bürger leiden wird. Man kann nicht einerseits die Wirtschaftskrise dem Staat aufbürden und gleichzeitig den Sozialkonsens aufkünden. Die ins Verhältnis gesetzten Belastungen werden für 70% der Bevölkerung steigen. Aber eines ist klar, wo sämtliche Rücklagen verbraucht sind, kann nichts mehr geholt werden. Wie dann die Verteilungsfrage geregelt wird, bleibt abzuwarten.

    • Chali
    • 18.08.2009 um 6:06 Uhr

    Ach, da bin ich ja beruhigt.

    Ich dachte ja schon, ICH müsste das finanzieren.

    - - - - - - - - -


    "Aristoteles war kein Belgier. Die Hauptbotschaft des Buddhismus lautet nicht: 'Jeder kämpft für sich selbst'. Und die Londoner Untergrundbahn ist keine politische Bewegung."
    A Fish called Wanda

  3. Die Besitzstandswahrer sind die Finanzterroristen in Banken und Versicherungen, die die Krise eiskalt berechnend herbei geführt haben - und die die Kosten ihrer Zockerei mit Hilfe schmieriger, halbkrimineller Lobbyisten auf uns Steuerzahler verlagern wollen.

    Jetzt geht es darum, die Verursacher in ihren Villenvirteln erstmal finanziell bis zur Armutsgrenze an den Hammelbeinen zu packen und auszupressen. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Gewaltaufrufe. Die Redaktion/jk) Zu Recht haben sich die Weitsichtigen unter den Wohlhabenden bereits Ausweichquartiere in mittleren Wohnlagen gesucht. Denn sollten die Terroristen sich durchsetzen und mit einer korrumpierten Regierung Gesetze entstehen, bei denen die arbeitende Bevölkerung die Lasten des Kasino-Kapitalismus zu tragen hat, dann wird großer Zorn auf jene nieder gehen, die die Reichen per Gesetz vor den Reparationszahlungen schonen wollen, wie z.B. die Schleimbeutel von der NISM.

    F. Mayer

    [Anm.: Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und verzichten Sie auf eine beleidigende Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • medwed
    • 18.08.2009 um 10:06 Uhr

    Und wenn die nach Ihrem Geschmack Verantwortlichen für die Krise an den Hammelbeinen gepackt, ausgepresst, wahrscheinlich noch an den Bäumen aufgehängt – wie auch schon zu lesen war – und deren Häuser abgefackelt worden sind, dann geht es Deutschland richtig gut. Dann kehrt Wohlstand für alle ein, die Arbeitslosigkeit verschwindet, Hochkonjunktur hält Einzug und überhaupt ist Friede, Freude, Eierkuchen. Immer dann, wenn Häuser angezündet wurden, ist’s so gekommen und prima geworden, ja? Übrigens – Ihr Aufruf könnte genau so gut von einem Islamisten-Fundi oder der RAF geschrieben worden sein. Auch bei denen ist Gewalt statt Gehirn vorhanden. Darum sind sowohl die einen wie die anderen so ungeheuer sympathisch und für die Gesellschaft wertvoll.
    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik trotz allem sachlich. Die Redaktion/jk)

    • medwed
    • 18.08.2009 um 10:06 Uhr

    Und wenn die nach Ihrem Geschmack Verantwortlichen für die Krise an den Hammelbeinen gepackt, ausgepresst, wahrscheinlich noch an den Bäumen aufgehängt – wie auch schon zu lesen war – und deren Häuser abgefackelt worden sind, dann geht es Deutschland richtig gut. Dann kehrt Wohlstand für alle ein, die Arbeitslosigkeit verschwindet, Hochkonjunktur hält Einzug und überhaupt ist Friede, Freude, Eierkuchen. Immer dann, wenn Häuser angezündet wurden, ist’s so gekommen und prima geworden, ja? Übrigens – Ihr Aufruf könnte genau so gut von einem Islamisten-Fundi oder der RAF geschrieben worden sein. Auch bei denen ist Gewalt statt Gehirn vorhanden. Darum sind sowohl die einen wie die anderen so ungeheuer sympathisch und für die Gesellschaft wertvoll.
    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik trotz allem sachlich. Die Redaktion/jk)

    • medwed
    • 18.08.2009 um 10:06 Uhr

    Und wenn die nach Ihrem Geschmack Verantwortlichen für die Krise an den Hammelbeinen gepackt, ausgepresst, wahrscheinlich noch an den Bäumen aufgehängt – wie auch schon zu lesen war – und deren Häuser abgefackelt worden sind, dann geht es Deutschland richtig gut. Dann kehrt Wohlstand für alle ein, die Arbeitslosigkeit verschwindet, Hochkonjunktur hält Einzug und überhaupt ist Friede, Freude, Eierkuchen. Immer dann, wenn Häuser angezündet wurden, ist’s so gekommen und prima geworden, ja? Übrigens – Ihr Aufruf könnte genau so gut von einem Islamisten-Fundi oder der RAF geschrieben worden sein. Auch bei denen ist Gewalt statt Gehirn vorhanden. Darum sind sowohl die einen wie die anderen so ungeheuer sympathisch und für die Gesellschaft wertvoll.
    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik trotz allem sachlich. Die Redaktion/jk)

    • Piepe
    • 18.08.2009 um 17:04 Uhr

    senkt nicht die Zahl der Arbeitslosen.
    In den USA beziehen 34 Millionen Menschen Lebensmittelmarken.
    Der Anteil der Hartz IV - Empfänger an der Gesamtbevölkerung dort liegt bei 12%. Und das bei fehlendem Kündigungsschutz.
    Vor dem Juni 2007 bezogen 29 Millionen Amerikaner Lebensmittelmarken im Wert von 132 Dollar monatlich.

  4. Eine bedrückende und doch leider wohl richtige Analyse der Situation. Auch um den höchstwahrscheinlichen Wahrheitsgehalt der Prognosen werden wir nicht herumkommen - auch wenn es hier einigen Kommentatoren nicht paßt und sie zetern. Sie prügeln auf den Falschen ein; die Schuldigen sitzen seit über 10 Jahren in der Regierungsverantwortung.

    Wer jetzt hier meckert und auf den Boten mit Steinen wirft - die Regierung füttert die falschen Ferkel und wird dann als nackter Mann ... sorry, wir haben ja eine Richtlinienbestimmerin ... dastehen. In die Tasche fassen? Oh gerne, aber wo ist sie?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service