Liebe Augenblick, verweile doch ...
Wer war der Mann, der im Bus so nett gelächelt hat? Im Online-Portal der Berliner Verkehrsbetriebe suchen Menschen wieder ganz altmodisch die Liebe auf den ersten Blick

Manchmal reicht nur der Blick eines Unbekannten im Vorbeifahren, um sich zu verlieben
Berlin Alexanderplatz. Es ist 7.30 Uhr. Die Luft ist noch kühl, dunstig. Obwohl sich ein Sommertag ankündigt, wirken die meisten Menschen nicht besonders fröhlich. Sie starren auf ihre Schuhe oder unbestimmt in die Luft.
Anna ist da anders. Sie schaut sich um, lächelt. Gleich wird sie in den Bus der Linie 100 steigen, es ist das Highlight ihres Tages. Denn seit zwei Wochen steigt jeden Tag ein junger Mann ein, Anna schätzt ihn auf Mitte 20. "Er hat immer einen Anzug an. Und er sieht so gut darin aus", sagt sie. Das "so" zieht sie dabei genüsslich in die Länge.
Der Bus kommt, wir steigen ein. Anna rutscht auf ihrem Sitz hin und her. Die 23-Jährige studiert Jura an der Humboldt-Universität und schreibt gerade an einer Hausarbeit. Lustgarten. Es ist wirklich Zufall, dass der mysteriöse Unbekannte immer an dieser Station einsteigt. Nur heute nicht. Die Enttäuschung ist Anna ins Gesicht geschrieben.
Wenn man sie fragt, warum sie ihn noch nie angesprochen hat, wird sie auf einmal schüchtern. Sie lacht nervös: "Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht." Anna hat aber auf einem anderen Weg versucht, Kontakt zu dem Unbekannten aufzunehmen: "Augenblicke" heißt das Online-Portal der Berliner Verkehrsbetriebe, auf dem Schüchterne oder Zu-spät-Entschlossene versuchen, ihre S-Bahn- oder Busbekanntschaft übers Internet ausfindig zu machen. Mithilfe einer Suchmaske kann man Zeit und Verkehrsmittel eingeben und hoffen, dass sich der Gesuchte dort gemeldet hat - oder selbst eine Anzeige aufgeben.
"Du bist circa 25 Jahre alt, 1,80 m groß und hast die schönsten grünen Augen der Welt", steht in Annas Annonce. Schon zwei Tage nach dem ersten Zusammentreffen hat sie sie auf der BVG-Seite aufgegeben. "Meistens liest Du ein bisschen in Deiner Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schaust dann wieder aus dem Fenster. Und manchmal schaust Du auch mich an."
Der Text erinnert ein bisschen an die "Gesucht & Gefunden"-Seiten eines Kleinstadt-Magazins. Doch offenbar sitzen sich auch in der 3-Millionen-Stadt Berlin täglich eine Menge heimlicher Romantiker in U- und S-Bahnen, Bussen und Trams gegenüber. 1,3 Millionen Menschen sind jeden Tag "öffentlich" unterwegs, es gäbe also zahllose Möglichkeiten anzubändeln. Doch mehr als Blicke werden selten ausgetauscht.
Francesca kann das bestätigen. Sie kommt aus Norditalien, studiert in Berlin Arabistik und findet das Flirtverhalten der Hauptstädter etwas merkwürdig: "In Italien wird man viel häufiger angesprochen." Dass dort zwei Menschen lange umeinander herum schleichen und sich beäugen, das gäbe es nicht, sagt Francesca.
- Datum 20.08.2009 - 09:40 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE 18.8.2009
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Frau Kutsche, Ihr Artikel berührt!
so ein Portal tut doch keinem weh.
Und wer hat heute noch nen Stift und n Blatt Papier bei sich, um mal kurz seine Nummer aufzuschreiben?
Da kann zukünftig gar nichts mehr schiefgehen!!
Könnten Sie's mir bitte nochmal genau aufschreiben?
Mit einer Nummer für jeden Schritt?
Allerherzlichsten Dank im Voraus,
Ihr ztc
Großes Kompliment Frau Kutsche! Fahre selten in den Berliner Bahnen, aber Sie haben mich mit auf die Reise genommen. Sah Augen, verächtliche Seitenblicke beim Zusammenfalten der Zeitung und spiegelnde Fensterscheiben. Schüchterne Sehnsucht in den Augen, auch. Grossartiges Foto ausserdem. Gibt leider nur noch eine Publikation in Deutschland, in der wir einen solchen Text lesen dürfen. Aber immerhin noch eine. Die hat gruselige Rubriken.
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