Börse Die Gefahr kommt aus China

Nachdem die Kurse lange stiegen, verlieren Aktien jetzt wieder an Wert - am stärksten in Fernost. Chinas Börse ist ein unsicherer Markt. Von ihr hängt auch der Westen ab

Aufregung an Chinas Börse: In Shanghai kommentiert ein Anleger die Entwicklung der Kurse

Aufregung an Chinas Börse: In Shanghai kommentiert ein Anleger die Entwicklung der Kurse

 

China ist gefährlich. Vor einiger Zeit waren die westlichen Medien voll der Sorge, China könne den etablierten Industriestaaten einst den Rang ablaufen, sobald seine Wirtschaft so stark werde, wie sie es ihren Ressourcen zufolge sein könnte. Jetzt kommt die Gefahr von einer völlig anderen Seite: Die Börsenkurse in Fernost fallen; das könnte auch die Märkte im Westen instabiler machen.

Wie unberechenbar die chinesischen Aktienmärkte sind, zeigte sich ab dem Jahr 2007. Schon zuvor hatten die Kurse schwindelerregende Höhen erreicht. Im Februar 2007 aber brachen sie innerhalb weniger Tage um sagenhafte 15 Prozent ein. Damals war das für wagemutige Investoren die Gelegenheit, einzusteigen. Die Kurse erholten sich auch schnell wieder und stiegen bis in den Herbst hinein um weitere 140 Prozent an. Dann fielen sie wieder, aber erneut nur vorübergehend. Richtig bergab ging es erst im Jahr 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

In den vergangenen Wochen ist der Shanghai Composite Index um mehr als zehn Prozent gesunken. Es war der stärkste Rückgang innerhalb von zehn Handelstagen seit Monaten. Die neue Handelswoche begann mit einem weiteren deutlichen Verlust von fünf Prozent. Ist das ein ähnlicher Weckruf wie im Februar 2007? Die Lage ist schwer zu beurteilen, denn fundamentales Umfeld, Liquiditätsversorgung und die technische Verfassung der chinesischen Märkte zusammen ergeben kein einheitliches Bild.  

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In der Krise waren die Unternehmen gemessen an ihren Gewinnen an der chinesischen Börse dramatisch unterbewertet. Der Kursanstieg der vergangenen Wochen hat die Fehlbewertung gerade einmal ausgeglichen. Zugleich hoben die Analysten ihre Erwartungen für chinesische Unternehmensgewinne nur zögerlich an. So gesehen sind die Kurse in Shanghai eher realistisch als zu hoch.

Doch die chinesischen Kurse objektiv zu bewerten, ist schwer. Analysten, die keinen direkten Zugang zu den regierungsamtlichen chinesischen Statistikern haben, können kaum entscheiden, welche Ziffer real ist und welche Wunschdenken. Böse Zungen sagen, die traditionelle Steigerungsform Lüge – Meineid – Statistik müsse um eine zuvor unbekannte Kategorie "chinesische Statistik" erweitert werden.

Deshalb lässt es aufhorchen, wenn offizielle Stellen Daten veröffentlichen, die auf einen starken Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität hindeuten. Vor Kurzem wurden neue Zahlen zum Kreditwachstum bekannt: Im März stiegen die Kredite in China noch um fast 1900 Milliarden Yuan gegenüber dem Vormonat, im Juni noch um 1500 Milliarden. Im Juli waren es gerade noch 356 Milliarden Yuan. Ohne Kredite aber kommt die Volkswirtschaft ins Stocken, und auch den Aktienmärkten fehlt der notwendige Treibstoff. Wie das beste Auto ohne Benzin stehen bleibt, werden die Aktienkurse bei knapper Liquidität gebremst. Anleger sollten das genau beobachten. 

Leser-Kommentare
    • politz
    • 17.08.2009 um 15:39 Uhr

    Die Gefahr kommt aus China - so wie in den letzten Monaten die Hoffnung vor allem aus der Volksrepublik kam. Erinnern wir uns: am 4. März vollführten die Börsen Jubelsprünge, als China sein umfangreiches Konjunkturpaket verkündete. Danach ging es nochmal kurz abwärts, aber wenig später folgte die stärkste Kursrally seit Jahren. Die Aufschwungzeichen in Ostasien verdanken wir vor allem wieder steigenden chinesischen Importen, und selbst die Auftragsbücher deutscher Unternehmer füllten sich zu einem nicht unerheblichen Teil wegen steigenden Exporten nach China, z.B. im Automobilbau.

    Der Baltic-Dry-Index wurde von der chinesischen Volkswirtschaft nach oben gepuscht, nachdem diese gigantische Rohstoffkäufe unternahm. Auch die Rally bei den Rohstoffen selber hat neben den preistreibenden Investmentbanken China zu verantworten. Die März-Rally ist also auch eine China-Rally, und sie kam, weil China seine Kreditschöpfung vervielfachte. Jetzt hört diese Entwicklung auf, und aus den kleinen Anzeichen eines "V"-Verlaufs der Konjunktur könnte nun eine Art "Blitz" werden – zumal China einen rigorosen Protektionismus eingeführt hat.

    • WIHE
    • 17.08.2009 um 16:09 Uhr

    Dass es viele gibt, die es nach dem Aufschwung der letzten Zeit mit ihren Aktien im Depot nicht mehr aushalten können, ist nicht verwunderlich.
    Die Situation schreit nach Gewinnmitnahme.
    Trotzdem, niemand kann sich sicher sein, dass die Börse nicht morgen schon wieder nach oben dreht.
    Es gibt einige, die an schwankenden Kursen immer verdienen und das sind Deutsche Börse und Co.

    Ich verkaufe irgendwann in fünf oder zehn Jahren.

  1. "Leider ist die chinesische Regierung immer noch überzeugt, dass viele Bereiche des Lebens planbar seien."

    Was ist das denn wieder für ein neoliberaler Unsinn? Natürlich sind viele Bereiche des Lebens planbar. Wie könnte es denn eine menschliche Kultur geben, wenn es nicht so wäre? Hätte der Autor lieber einen Ameisenstaat, der keine Autobahnen baut, keine Kanalisation gräbt, keine Trinkwasser- und Stromversorgung verlegt?

    Ich denke, wir haben die Finanzkrise solchen und ähnlichen Kurzstreckendenkvorgängen zu verdanken.

    Der Mensch und seine Zivilisation ist ein klein wenig komplizierter als die Regeln beim Roulette. Heutiger Städtebau muss geplant werden. Die Zeiten, wo man jedem Hanswurst überlassen konnte, wo am Bach er seine Hütte bauen will sind seit - hmm - rund ein paar Jahrhunderten vorbei. So manchen Börsen-Jünger allerdings ficht das nicht an. Staat ist böse, das weiß er wie den Dollarkurs ... der morgen schon ganz anders ist.

    Ach, ich wünschte mir die Wirtschaftsartikel würden auf ihre Billigpolemiken gegen "den Staat" so langsam mal verzichten. Das dem, selbst nach den staatlichen Milliardenstützen, nicht so ist, zeigt um so mehr, wie zart und dünn die Bretter sind, die da Tag für Tag mit Verve gebohrt werden.

  2. Waehrend in den letzten Jahrzehnten speziell Deutschland der amerikanischen Boerse als einzig selig machendes Vorbild nachaeffte, ist nun endlich ein bewusstseinerweiterndes neues Element - der Hang Seng - in die deutschen Aktien-Anleger-Gehirne eingedrungen.
    Was aber noch immer fehlt ist eine intellektuelle Selbstdarstellung der Deutschen in Bezug auf "Ihre" Aktien. Deutsche Aktien, der deutsche Aktienmarkt und speziell die deutsche Konjunktur ist so robust, dass eine eigenstaendige (Mit-)Vorreiterrolle denkbar erscheint. Deutsche Banken, deutsche Unternehmen und deutsche Wirtschaftspolitik haben den Euro zur stabilsten Waehrung der Welt aufgebaut, nicht umsonst investieren Araber ihre Oel-Milliarden in Deutschland. Wann endlich begreift der Deutsche (Aktienanleger), die deutschen Finanzinstitute und Spekulanten, dass der deutsche Aktienmarkt
    geugend Stabilitaet, Staerke und Zukunftspotential hat, die Entwicklungen weltweit zumindest mit-zu-beeinflussen.

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