Norman Mailer hielt William S. Burroughs für den einzigen zeitgenössischen amerikanischen Literaten, "der möglicherweise von Genie besessen ist". Burroughs selbst bemerkte später einmal: "Ich glaube, dass ich einer der wichtigsten Leute auf dieser verdammten Welt bin." Die Beatles sahen das genauso und verewigten ihn auf dem Plattencover von Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band .

Burroughs war ein Junkie, schwul und verheiratet. Er schoss seiner Frau Joan im Drogenrausch, bei einer wahnwitzigen "Wilhelm-Tell-Nummer", das Gehirn weg und ging ins selbst auferlegte Exil, nach Tanger und hierhin und dorthin. Manche nannten ihn "El Hombre Invisible", wegen seiner distinguierten, aristokratischen Erscheinung. Jahrelang wohnte er in dem umgebauten Umkleideraum einer YMCA-Turnhalle, dem legendären "Bunker".

Er war ein Waffennarr mit reaktionären Anwandlungen, ein amerikanischer Pionier im Geiste. Man begrub ihn mit seinem Lieblingsrevolver, einer geladenen 38er, einem Joint und einer kleinen Tüte Heroin in der Tasche. William Seward Burroughs (1914-1997) schrieb Naked Lunch , eines jener drei, vier Bücher, deren Einfluss auf die Gegenkultur der sechziger und siebziger Jahre gar nicht recht zu messen ist.

"Mir fehlt jegliche präzise Erinnerung an das Schreiben dieser Aufzeichnungen", bemerkte Burroughs in seinem Epilog Protokoll: Aussage über eine Krankheit , der den vorangegangenen Aberwitz mehr schlecht als recht zu domestizieren sucht. "Den Titel hat Jack Kerouac vorgeschlagen. Erst nach meiner kürzlich erfolgten Genesung habe ich verstanden, was der Titel bedeutet. Der Titel bedeutet genau das, was die Worte sagen: ein NACKTER Lunch – ein gefrorener Augenblick, in dem ein jeder sieht, was auf den Zinken jeder Gabel steckt." Eine Bewusstseinsprotokoll im bewusstlosen Zustand, ein akribisch mitstenografiertes Drogendelirium. Der Legende nach soll der Boden seines Hotelzimmers in Tanger mit vollgeschriebenen Blättern übersät gewesen sein, als seine Freunde Allen Ginsberg und Jack Kerouac ihn besuchten. Man musste das Buch nunmehr zusammensetzen. Die beiden Freunde haben mehrfach mitgeholfen.

Der Widerstand gegen jegliche Form von Kontrolle war Burroughs’ Hauptimpuls. Im Schreiben bäumte er sich auf gegen das Reglement, durchbrach Beschränkungen. Er befreite sich mithilfe von Drogen aus den Fängen der Ratio und floh in ein Land der frei flottierenden Phantasmen. Der so entstandene chaotische, fragmentarische Text ließ sich eben nicht nur als Affront gegen das autoritäre Prinzip lesen, sondern auch gegen einen in jenen Jahren sich allzu repressiv gerierenden Obrigkeitsstaat.

Und der hat das dann auch verstanden – und Naked Lunch erst einmal für ein paar Jahre indiziert, bis der oberste Gerichtshof der USA dem Buch "einen ausgleichenden gesellschaftlichen Wert" bescheinigte, der das unzweideutig Pornografische wettmache. Mittlerweile gehört Naked Lunch zum Kanon. Jugendschützer haben ihr Augenmerk auf andere Medien gelegt. Aber dieser Text enthält sadistische Visionen und Vergewaltigungsfantasien, so bizarr und abstoßend, dass man sicher sein kann: Hätte ein unbekannter Autor in den neunziger Jahren dies geschrieben, es wäre ein Skandal gewesen.

"Dies ist kein Roman", schärfte Burroughs seinem US-Verleger ein. Trotzdem hat man Naked Lunch immer wieder so bezeichnet – auch James Grauerholz und Barry Miles, die Herausgeber der aktuellen Neuausgabe, beugen sich den Marktkonventionen. Aber was dann? Ausschweifende Sucht-Anekdoten, Fantasien, satirische Attacken gegen die Heuchelei in Wissenschaft, Politik und Business. Eine Reise in den inneren Kosmos, der unter dem Einfluss von Drogen freilich ziemlich abseitig erscheint. Allerdings, darauf hat Burroughs immer wieder hingewiesen, ist er nicht minder real. Die gleißend grelle, bisweilen berückend schöne Evokation dieser anderen Wirklichkeit ist Burroughs große Leistung.