"Land Grabbing"China im globalen Wettlauf um Nahrung

Länder wie China und Saudi-Arabien sichern sich riesige Agrarflächen in Entwicklungsländern, statt auf freien Handel zu setzen. Die als "Neo-Kolonialismus" bezeichnete Vorgehensweise der Investoren könnte die Ernährung der lokalen Bevölkerung gefährden – Experten fordern eine internationale Charta von Andreas Rinke

Die Regierungen in Pakistan, Sudan und einigen anderen afrikanischen Ländern bekommen in diesen Wochen häufig Besuch: Mal sind es saudische Regierungsvertreter und Geschäftsleute. Mal sprechen Emissäre der Regierungen Chinas , Katars , aber auch Libyens vor. Und alle wollen nur das eine – Land. Sie sind die Vorboten eines sich beschleunigenden globalen Rennens um Agrarflächen, das erheblichen politischen und wirtschaftlichen Sprengstoff birgt.

Mehr als ein Dutzend Regierungen wasserarmer oder bevölkerungsreicher, vor allem aber kapitalstarker Länder versucht derzeit, sich in großem Maßstab in Entwicklungsländern fruchtbare Anbaugebiete zu sichern – zur exklusiven Versorgung der Investorenländer.

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Die Fläche der Pacht- und Kaufverträge, über die seit 2006 verhandelt wurde und wird, schätzen Experten auf 20 Millionen Hektar. Dabei geht es um sehr viel Geld: "Das Volumen der Investitionen dürfte rund 30 Milliarden Dollar betragen", schätzt Joachim von Braun, Präsident des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington . Genau weiß das niemand, weil sich das "land grabbing" meist im Verborgenen vollzieht – aus gutem Grund, wie ein Geschäft zwischen Katar und Kenia zeigt: Der arabische Staat pachtete 40.000 Hektar für den Frucht- und Gemüseanbau und "zahlte" dafür mit dem versprochenen Ausbau eines Hafens im Wert von 2,3 Milliarden Dollar. Kuwait bot Kambodscha im Gegenzug zum Recht auf Getreideanbau die Bezahlung von Dämmen und Straßen an. Sogar Indien hat etlichen Unternehmen Geld geliehen, damit sich diese etwa in Äthiopien in großem Maßstab Land sichern können.

Das geopolitische Rennen um Nahrung beschäftigt mittlerweile immer mehr Regierungen und auch Geheimdienste. Denn die verständliche Suche der Investorenländer nach einer sicheren Lebensmittelversorgung sorgt häufig für politische Unruhen. Höhepunkt war der Sturz der Regierung in Madagaskar im vergangenen Jahr. Auslöser war damals ein Abkommen mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo, das dem asiatischen Staat gleich ein Viertel der Ackerfläche des Inselstaates überschrieb. Auch in Kenia probten betroffene Bauern den Aufstand, als sie von dem Geschäft mit Katar erfuhren.

Der Mechanismus ist immer gleich: Weil in vielen Entwicklungsländern in Afrika oder Asien Kapital rar ist, haben ausländische Investoren oft ein leichtes Spiel. Sie versprechen nicht nur hohe Summen, sondern auch den Transfer von Know-how im Agrarbereich unter anderem für den Reis- oder Gemüseanbau, aber auch für die Fischzucht auf den Philippinen . Mit dem südostasiatischen Land verhandeln offenbar gleich mehrere Staaten, etwa Bahrain , Kuwait, Katar und die Vereinigten Emirate.

Aus Sicht von Ländern wie etwa Saudi-Arabien sind die Geschäfte auch sinnvoll. Jahrelang hatte die Regierung in Riad versucht, die Wüste mit großem Aufwand für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Doch angesichts der Verschwendung des kostbaren Guts Wasser muss der Wüstenstaat künftig verstärkt auf Lebensmittelimporte setzen. Um die Ernährung der wachsenden Bevölkerung zu sichern, unterstützt die Regierung in Riad ganz offiziell die geplanten Milliardenkäufe saudischer Investoren im Ausland. Oft wird dabei in großen Maßstäben gedacht – etwa bei den Verhandlungen mit Tansania über eine langjährige Pacht von 500 000 Hektar.

Andere Länder wie China verfolgen teilweise eine andere Strategie. Denn seit den Unruhen in Madagaskar sind Regierungen in Entwicklungsländern vorsichtiger bei Großprojekten geworden. Dafür kauft sich China nun unterhalb der internationalen und oft auch nationalen Wahrnehmungsschwelle in einzelne Farmen etwa im ostafrikanischen Land Mosambik ein – und bringt zur Bewirtschaftung oft gleich noch chinesische Bauern mit.

Leserkommentare
  1. [...] (Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die als Sozialdarwinismus verstanden werden. Vielen Dank, die Redaktion /ft)

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    [Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Die Redaktion{ mwe]

    • keox
    • 19. August 2009 0:21 Uhr

    gelesen zu haben, muß ich heftig protestieren.

    VoI mag ja mit Ihrer politischen Meinung nicht konform gehen, Ihren Direktiven nicht entsprechen, aber der Vorwurf des Sozialdarwinismus wird dem Kommentator gewiß nicht gerecht, dazu kenne ich seine Beiträge zu gut.

    Mag sein, daß Ihre Praktikanten für sprachliche Formen wie Ironie, Zynismus, Sarkasmus, Verfremdung, das muttersprachliche Feingefühl für Nuancen vermissen lassen, das aber ist keine Entschuldigung.

    Zensur ist aller Laster Anfang

  2. Die Chinesen sind seit 6000 Jahren hervorragend auf dem Gebiet der Agrikultur. Unter ihrer Leitung wird die teils vergammelte Landwirtschaft mancher rückständiger Länder wertvolle Impulse empfangen. Gebt einem Hungrigen ein Brot, und er wird es verspeisen. Gebt ihm einen Pflug, und er wird sein Leben lang nie wieder hungrig sein.

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    • hede
    • 18. August 2009 23:23 Uhr

    das die Ernten dann den Einheimischen zu Gute kommen, oder?

    Allenfalls der Bauer, der für die Fremden arbeitet, wird noch einen Hungerlohn erhalten, wenn das dann noch ein Einheimischer ist und kein Chinese.

    (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Stereotypisierungen. Die Redaktion/jk)

  3. [Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Die Redaktion{ mwe]

    Antwort auf "Endlich Freiheit!"
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    • keox
    • 19. August 2009 0:23 Uhr

    die Praktikanten/Redakteure schrieben die Kommentare gleich selbst?

  4. Die Bestürzung europäischer Politiker ist reine Heuchelei.
    Fakt ist, dass grosse Konzerne aus unseren Ländern wesentlich gnadenloser vorgehen, riesige Flächen in Entwicklunsländern für Hungerlöhne ausbeuten und im Gegenzug ein paar Ausfuhrsteuern im Land lassen, die durch ausgiebige Lobbyarbeit oder schlicht Erpressung niedrig gehalten werden. Technologische Entwicklung im Land ist dabei nicht erwünscht, um die Löhne niedrig zu halten.
    Hier der Worldmapper zum Früchteimport.
    Beigefügtes Zitat: "The net fruit imports of Western European territories are four times greater than the combined net fruit imports of territories in any other region."
    Hier zum Gemüseimport.
    Hier zum Fleischimport.
    Ob sich die Frau Politikerin nicht in erster Linie um ihren wohlverdienten Sonntagsbraten fürchtet?

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    Zwei von den Links funktionieren leider nicht. Man kann aber die Karten auf der Seite von Worldmapper anschauen unter www.worldmapper.org "Map Categories" und dann "Food". Der link "Früchteimport" funktioniert.

    • mousso
    • 18. August 2009 20:16 Uhr

    Darauf geht der Artikel nicht ein. Große Flächen unbewohnten, fruchtbaren Staatslands kenne ich keine. Schon jetzt herrscht in weiten Teilen Afrikas harte Konkurrenz zwischen Viehhirten und Bauern um die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Für die traditionell extensiv bewirtschafteten Flächen besitzt die lokale Bevölkerung keinen Eigentumstitel: Womöglich werden nun die Dörfler enteignet, um riesige Monokulturen anzulegen, deren Bewässerung diese sowieso schon spärliche Ressource aufbrauchen wird.
    Oder wurden die paar noch existierenden Naturschutzgebiete verhökert? Ich kann mir kein ethisch vertretbares Szenario vorstellen, wie dieser Ausverkauf Afrika nutzen könnte!
    (Und darüber, wieviel Geld in die Taschen der zuständigen Minister etc. gewandert ist, steht in dem Artikel übrigens auch nichts zu lesen.)

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    • keox
    • 19. August 2009 0:29 Uhr

    all das ist Volkseigentum.

    Die Privatisierung von Volkseigentum zu Gunsten einer winzigen asozialen Minderheit ist weltweit die Regel.

    Gierige Eliten und korrupte Politiker gibt es nicht nur im Westen.

  5. Wie sieht genau das rechtliche Modell aus? Das wäre sehr interessant zu wissen, denn mir kommen einige Zweifel hinsichtlich des beschriebenen Mechanismus. Nehmen wir mal an chinesische Investoren würden in Entwicklungsländern Flächen pachten und bewirtschaften. Wohin würden die liefern? Doch wohl dahin, wo das meiste Geld zu verdienen ist und das ist Westeuropa, Japan und die USA. Weshalb sollten sie nach China liefern, wo doch eh noch riesige Flächen sehr extensiv bewirtschaftet werden? Weshalb sollte in Entwicklungsländern für Krisenzeiten investiert werden, wo doch dort keinerlei Rechtssicherheit besteht, ganz besonders dann wenn es hart auf hart kommt?
    Übrigens ist es meiner Meinung nach nicht richtig von "China" zu sprechen, denn die Flächen gehen ja nicht in chinesisches Hoheitsgebiet über. Sicherlich unterstützen chinesische Politiker auf ihren Stastsbesuchen Investoren, das ist aber nichts aussergewöhnliches.
    Meiner Meinung nach geht es einfach darum, dass Investoren, sowohl chinesische, als auch westeuropäische etc., gucken wo die besten Renditen winken und das ist zur Zeit im Lebensmittelsektor. Die führenden Konzerne bekommen gerade Konkurrenz, deshalb der Aufschrei.

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    Ich finde die "China"-Berichterstattung in der ZEIT auch ziemlich seltsam. Die Journalisten sollten sich die britische Presse zum Vorbild nehmen, und immer die handelnde Organisation und die handelnde Institution benennen. Dann weiß man wenigstens, wer der Vertragspartner war, und welches Budget oder Haushalt dahinter steckt.

    Über den geistigen Gehalt der anderen Kommentatoren kann man nur den Kopf schütteln - vor allem über die kaum versteckte rassistischen Stereotypen vom fleißigen chinesischen Arbeitern und rebellischen afrikanischen Bauern.

    Die Leute sollten sich einmal heuristisch überlegen, wo sich politischer Unmut rascher zusammenbraut - bei einer urbanen, proletarischen chinesischen Arbeiterbevölkerung oder bei zerstreut lebenden ländlichen afrikanischen Bauern. Ein Blick auf die Zahl der gemeldeten Streiks und Landbesetzungen sollte ausreichend sein, um zu zeigen, dass es genau andersrum ist: die städtischen chinesischen Arbeiter sind widerspenstig und die afrikanischen Bauern sind lethagisch. Soviel zu ihrem rassistischen Diskurs.

    Die seltsame Idee vom verantwortungsvollen Westen spare ich aus, da die Kommentatoren überhaupt keine Vorstellung von den Interessensgegensätzen beiderseits des Atlantiks haben - oder jemals etwas vom Nord-Süd Gegensatz gehört zu haben scheinen. Auch hier sollte man differenzieren lernen zwischen Verbraucherinteressen, Agrarlobbies, Parlament, Kreditinstitutionen etc.

  6. Zwei von den Links funktionieren leider nicht. Man kann aber die Karten auf der Seite von Worldmapper anschauen unter www.worldmapper.org "Map Categories" und dann "Food". Der link "Früchteimport" funktioniert.

    Antwort auf "Die Bestürzung"
    • boddhi
    • 18. August 2009 21:03 Uhr

    Der einzige Grund warum China sich nicht mehr selbst versorgen kann ist das China zu sehends mehr und mehr Fleisch verzehrt. Vegetarisch könnte der Planet auch noch 20 Milliarden Menschen ernähren. Fürs Klima wärs auch besser und für unsere Gesundheit ohnehin.

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    Die Produktivität der Landwirtschaft ist in China teilweise sehr niedrig. Die Kapazitäten sind noch lange nicht ausgeschöpft.

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