"Land Grabbing" : China im globalen Wettlauf um Nahrung

Länder wie China und Saudi-Arabien sichern sich riesige Agrarflächen in Entwicklungsländern, statt auf freien Handel zu setzen. Die als "Neo-Kolonialismus" bezeichnete Vorgehensweise der Investoren könnte die Ernährung der lokalen Bevölkerung gefährden – Experten fordern eine internationale Charta

Die Regierungen in Pakistan, Sudan und einigen anderen afrikanischen Ländern bekommen in diesen Wochen häufig Besuch: Mal sind es saudische Regierungsvertreter und Geschäftsleute. Mal sprechen Emissäre der Regierungen Chinas , Katars , aber auch Libyens vor. Und alle wollen nur das eine – Land. Sie sind die Vorboten eines sich beschleunigenden globalen Rennens um Agrarflächen, das erheblichen politischen und wirtschaftlichen Sprengstoff birgt.

Mehr als ein Dutzend Regierungen wasserarmer oder bevölkerungsreicher, vor allem aber kapitalstarker Länder versucht derzeit, sich in großem Maßstab in Entwicklungsländern fruchtbare Anbaugebiete zu sichern – zur exklusiven Versorgung der Investorenländer.

Die Fläche der Pacht- und Kaufverträge, über die seit 2006 verhandelt wurde und wird, schätzen Experten auf 20 Millionen Hektar. Dabei geht es um sehr viel Geld: "Das Volumen der Investitionen dürfte rund 30 Milliarden Dollar betragen", schätzt Joachim von Braun, Präsident des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington . Genau weiß das niemand, weil sich das "land grabbing" meist im Verborgenen vollzieht – aus gutem Grund, wie ein Geschäft zwischen Katar und Kenia zeigt: Der arabische Staat pachtete 40.000 Hektar für den Frucht- und Gemüseanbau und "zahlte" dafür mit dem versprochenen Ausbau eines Hafens im Wert von 2,3 Milliarden Dollar. Kuwait bot Kambodscha im Gegenzug zum Recht auf Getreideanbau die Bezahlung von Dämmen und Straßen an. Sogar Indien hat etlichen Unternehmen Geld geliehen, damit sich diese etwa in Äthiopien in großem Maßstab Land sichern können.

Das geopolitische Rennen um Nahrung beschäftigt mittlerweile immer mehr Regierungen und auch Geheimdienste. Denn die verständliche Suche der Investorenländer nach einer sicheren Lebensmittelversorgung sorgt häufig für politische Unruhen. Höhepunkt war der Sturz der Regierung in Madagaskar im vergangenen Jahr. Auslöser war damals ein Abkommen mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo, das dem asiatischen Staat gleich ein Viertel der Ackerfläche des Inselstaates überschrieb. Auch in Kenia probten betroffene Bauern den Aufstand, als sie von dem Geschäft mit Katar erfuhren.

Der Mechanismus ist immer gleich: Weil in vielen Entwicklungsländern in Afrika oder Asien Kapital rar ist, haben ausländische Investoren oft ein leichtes Spiel. Sie versprechen nicht nur hohe Summen, sondern auch den Transfer von Know-how im Agrarbereich unter anderem für den Reis- oder Gemüseanbau, aber auch für die Fischzucht auf den Philippinen . Mit dem südostasiatischen Land verhandeln offenbar gleich mehrere Staaten, etwa Bahrain , Kuwait, Katar und die Vereinigten Emirate.

Aus Sicht von Ländern wie etwa Saudi-Arabien sind die Geschäfte auch sinnvoll. Jahrelang hatte die Regierung in Riad versucht, die Wüste mit großem Aufwand für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Doch angesichts der Verschwendung des kostbaren Guts Wasser muss der Wüstenstaat künftig verstärkt auf Lebensmittelimporte setzen. Um die Ernährung der wachsenden Bevölkerung zu sichern, unterstützt die Regierung in Riad ganz offiziell die geplanten Milliardenkäufe saudischer Investoren im Ausland. Oft wird dabei in großen Maßstäben gedacht – etwa bei den Verhandlungen mit Tansania über eine langjährige Pacht von 500 000 Hektar.

Andere Länder wie China verfolgen teilweise eine andere Strategie. Denn seit den Unruhen in Madagaskar sind Regierungen in Entwicklungsländern vorsichtiger bei Großprojekten geworden. Dafür kauft sich China nun unterhalb der internationalen und oft auch nationalen Wahrnehmungsschwelle in einzelne Farmen etwa im ostafrikanischen Land Mosambik ein – und bringt zur Bewirtschaftung oft gleich noch chinesische Bauern mit.

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Kommentare

46 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

@ Redaktion - Ohne den inkriminierten Beitrag

gelesen zu haben, muß ich heftig protestieren.

VoI mag ja mit Ihrer politischen Meinung nicht konform gehen, Ihren Direktiven nicht entsprechen, aber der Vorwurf des Sozialdarwinismus wird dem Kommentator gewiß nicht gerecht, dazu kenne ich seine Beiträge zu gut.

Mag sein, daß Ihre Praktikanten für sprachliche Formen wie Ironie, Zynismus, Sarkasmus, Verfremdung, das muttersprachliche Feingefühl für Nuancen vermissen lassen, das aber ist keine Entschuldigung.

Zensur ist aller Laster Anfang

Leichter Protest genügt ;)

Es war so, dass ich gedacht hatte dieser Zusammenhang wäre nicht schlecht um die Begriffe "Selbstverantwortung", "Freiheit" und "Leistung" in einen Kontext zu bringen in dem für jeden auf einen Blick erkennbar ist, dass es zu einfach ist jedes gesellschaftliche Problem anhand dieser Grundbegriffe lösen zu wollen.
Allerdings dachte ich schon beim Schreiben des Kommentars, dass einige das ernst nehmen könnten und ehrlich gesagt hätte ich, wenn ich gekonnt hätte, meinen Beitrag schon selbst gelöscht (vor allem weil er inhaltlich nicht viel beitrug). Interessant finde ich aber, dass der Beitrag gerade wegen Verdachts des Sozialdarwinismus gelöscht wurde, was (obwohl der Beitrag nicht ernst gemeint war) zwar kein ganz fernliegender Vorwurf war, aber der Beitrag fügte sich aus meiner Sicht in eine Argumentatsionsrichtung ein, die in der aktuellen öffentlichen Diskussion durchaus üblich ist. Ein Philipp Mißfelder z.B. wurde durch derartige Argumentation doch erst so richtig bekannt und bisher hatte die Zeit keine besonderen Hemmungen dessen Thesen zu verbreiten.

Aber das ist mir schon vorher aufgefallen: Wenn Josef Joffe in der Zeit einen Hitlervergleich anstellt wird das gedruckt, aber wenn ein Kommentator diesen Vergleich, mit Verweis auf Joffe, aufgreift wird er zensiert. Wenn die Journalisten sich mehr trauen dürfen als die Kommentatoren ist das natürlich Unfair, aber man darf sich da nichts vormachen. "Waffengleichheit" herrscht ohnehin nicht, weil den Artikel viel mehr Leute lesen als die Kommentare. Außerdem muss die Zeit im Zweifel für die Inhalte die in den Leserkommentaren stehen haften und da wird dann lieber zu viel als zu wenig gestrichen und da kann man von den Praktikanten einfach nicht verlangen, dass sie das Perfekt machen.

"Außerdem muss die Zeit im

"Außerdem muss die Zeit im Zweifel für die Inhalte die in den Leserkommentaren stehen haften und da wird dann lieber zu viel als zu wenig gestrichen und da kann man von den Praktikanten einfach nicht verlangen, dass sie das Perfekt machen."

Tja, so ist das wohl. Da sieht man wieder, wie man sprachlich alles glätten kann.

Mein Vorwurf an die Zensoren, sie übten sich in "vorauseilendem Gehorsam", sagt nix anderes aus, wurde aber äußerst unfreundlich aufgenommen.

Aber darum geht es nicht, ich kann auch konzilianter formulieren.

Mir geht es darum, daß eine unabhängige Presse sich vehement gegen eine solche Gängelung gewehrt hätte, statt sie lammfromm an die Leser/Kommentatoren weiterzugeben.

Ein Blick in die wenigen kritischen Print- und die schon zahlreicheren Online-Medien zeigt, daß der Spielraum für dem Mainstram widersprechenden Beiträgen wohl doch größer sein muß, als in den "seriösen Blättern" anerkannt wird.

Das erinnert stark an die Praxis der Politik, unliebsame - aber durchaus gewollte, oft selbst initiierte - Regelungen mit dem Hinweis auf Brüssel durchzusetzen.

Vom Beispiel der Chinesen lernen!

Die Chinesen sind seit 6000 Jahren hervorragend auf dem Gebiet der Agrikultur. Unter ihrer Leitung wird die teils vergammelte Landwirtschaft mancher rückständiger Länder wertvolle Impulse empfangen. Gebt einem Hungrigen ein Brot, und er wird es verspeisen. Gebt ihm einen Pflug, und er wird sein Leben lang nie wieder hungrig sein.

Chinesen sind nich überall willkommen

wenn das dann noch ein Einheimischer ist und kein Chinese.

Im Artikel steht bereits:
und bringt zur Bewirtschaftung oft gleich noch chinesische Bauern mit.

In Algerien haben sich kürzlich arbeitslose Einheimische gegen chinesische Bauarbeiter gewehrt, hier der Bericht der britischen Financial Times:

http://traxfer.ft.com/cms...

Es leben nach offiziellen Angaben bereits 35.000 Chinesen in Algerien, die Einheimischen schätzen die Zahl weit höher ein.

Ich denke, wir werden Vorkommnisse dieser Art in Afrika noch häufiger erleben.

Die Chinesen...

... machen den selben Fehler wie sie ihn in Tibet und Co gemacht haben. Sie scheinen zu glauben, sie könnten sich ohne Probleme überall breit machen, notfalls wird sie ihr Militär schon schützen.

Es ist absehbar, dass die ethnischen Konflikte, die daraus entstehen, nicht nur für deren unschuldige Nachkommen, sondern auch für die Einheimischen jahrzehntelange blutige Folgen haben wird. Wie fast überall, in der eine Volksgruppe versucht hat die andere zu zersiedeln oder irgendwie zu dominieren oder einfach nur besser bzw. anders lebte. Mir wird ganz Angst und Bange, wenn ich mir Nordirland, Kurdistan, Tibet usw. hundertfach auf Afrika projeziert vorstelle. Hoffentlich fliegt den Chinesen der Laden so schnell wie möglich um die Ohren oder sie lassen zumindest ihre Bauern zu Hause.

Witzigerweise ist das alles indirekt eine Schuld von uns "Westlern" denn China ist nur deshalb so groß und mächtig, weil es weltweite Freihandelsabkommen gibt und China in die WTO aufgenommen wurde, ungeachtet der Tatsache, dass dort ein menschenverachtendes Regime an der Macht ist, welches überdies das internationale kapitalistische Instrumentarium (Währungsmanipulation, Gewerkschaftsunterdrückung etc.) hervorragend zu spielen beherrscht.

Die Bestürzung europäischer Politiker ist reine Heuchelei.
Fakt ist, dass grosse Konzerne aus unseren Ländern wesentlich gnadenloser vorgehen, riesige Flächen in Entwicklunsländern für Hungerlöhne ausbeuten und im Gegenzug ein paar Ausfuhrsteuern im Land lassen, die durch ausgiebige Lobbyarbeit oder schlicht Erpressung niedrig gehalten werden. Technologische Entwicklung im Land ist dabei nicht erwünscht, um die Löhne niedrig zu halten.
Hier der Worldmapper zum Früchteimport.
Beigefügtes Zitat: "The net fruit imports of Western European territories are four times greater than the combined net fruit imports of territories in any other region."
Hier zum Gemüseimport.
Hier zum Fleischimport.
Ob sich die Frau Politikerin nicht in erster Linie um ihren wohlverdienten Sonntagsbraten fürchtet?

Wo nehmen die Staaten das Land her, das sie verpachten?

Darauf geht der Artikel nicht ein. Große Flächen unbewohnten, fruchtbaren Staatslands kenne ich keine. Schon jetzt herrscht in weiten Teilen Afrikas harte Konkurrenz zwischen Viehhirten und Bauern um die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Für die traditionell extensiv bewirtschafteten Flächen besitzt die lokale Bevölkerung keinen Eigentumstitel: Womöglich werden nun die Dörfler enteignet, um riesige Monokulturen anzulegen, deren Bewässerung diese sowieso schon spärliche Ressource aufbrauchen wird.
Oder wurden die paar noch existierenden Naturschutzgebiete verhökert? Ich kann mir kein ethisch vertretbares Szenario vorstellen, wie dieser Ausverkauf Afrika nutzen könnte!
(Und darüber, wieviel Geld in die Taschen der zuständigen Minister etc. gewandert ist, steht in dem Artikel übrigens auch nichts zu lesen.)