Ihre Wangen sind eingefallen, die Haut zeigt ungesunde Blässe. Seit 22 Tagen hat Parvin Heidarian aus Oldenburg nichts gegessen. Ein wenig Zucker in den Tee, ein bisschen Salz und Vitamine aufgelöst in Wasser – mehr nimmt sie nicht zu sich. Sie hungert für die iranischen Volksmudschahedin.

Heidarian und ihre 30 Mitstreiter aus ganz Deutschland versuchen, mit ihrem Hungerstreik die deutsche Politik aufzurütteln. Sie bitten die Kanzlerin, sich für rund 3500 Exiliraner im Irak zu verwenden, denen eine Abschiebung nach Teheran drohe. Für Mitglieder der Opposition käme dies einem Todesurteil gleich, sagen die Hungerstreikenden. Auch neutrale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bezeichnen die Lage für die Volksmudschahedin im Camp Ashraf an der Grenze zum Iran als bedrohlich.

Am 29. und 30. Juli kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen irakischen Sicherheitskräften und den Volksmudschahedin in dem Camp. Ashraf ist die Basis der Volksmudschahedin im Irak. Die irakische Regierung gab an, in dem Lager eine Polizeiwache aufbauen und für Ordnung sorgen zu wollen. Dagegen behaupteten die Volksmudschahedin, dass Bagdad dem Regime in Teheran einen Gefallen tun und deswegen das Lager auflösen wolle. Sie sorgen sich vor allem um die 1000 Frauen im Camp Ashraf. Sollten sie in den Iran vertrieben werden, drohen ihnen sicher Vergewaltigungen in den iranischen Gefängnissen. Eine Schändung sei schlimmer als der Tod.

Fest steht, dass elf Volksmudschahedin von Sicherheitskräften getötet wurden. Heidarian zeigt Fotos der Ermordeten. Sie verfolgte die Berichte über die Schlacht um Ashraf auf CNN, der BBC und las die Artikel in der New York Times. In Deutschland hingegen war das Interesse gering. Es gab einige kleine Meldungen in den Zeitungen, ein Aufschrei der Empörung blieb aus. Heidarian und andere Anhänger und Sympathisanten der Volksmudschahedin beschlossen deswegen, für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen. In Berlin, in den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Kanada und den USA begannen Exiliraner mit Hungerstreiks.

Aus ganz Deutschland reisten Exiliraner nach Berlin, sie zogen zunächst vor das Brandenburger Tor, hängten sich gelbe Schilder um den Hals auf denen auf Deutsch und Farsi "Hungerstreik" steht. Dann zog die Gruppe vor das Auswärtige Amt und errichtete dort auf einem Platz ein kleines Lager. Sie versuchen, das Interesse der Öffentlichkeit für das Schicksal der Volksmudschahedin im Irak zu wecken – bislang mit sehr geringem Erfolg.

Dass ihr Hungerstreik im medialen Abseits stattfindet, hat auch mit dem schlechten Ruf der Volksmudschahedin zu tun. Die Gruppe stand bis zum Januar noch auf der von der Europäischen Union geführten Liste der Terrororganisationen. Zwar urteilte der Europäische Gerichtshof, dass diese Einstufung nicht rechtmäßig gewesen sei, aber der Ruf der größten und aktivsten iranischen Oppositionsgruppe in Europa ist ruiniert.

Die Vereinigung wird zudem in Deutschland vom Verfassungsschutz auf Bundes- und Länderebene beobachtet. Die Gruppe sehe "die Anwendung von Gewalt weiterhin als legitimes Mittel an", schreibt der Hamburger Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2007. Bis 2002 soll der militärische Arm der Organisation in Iran Anschläge verübt haben.

Zudem stehen die Volksmudschahedin wegen ihrer straffen Führung in der Kritik. Human Rights Watch prangerte Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Volksmudschahedin an: Kritische Mitglieder und potenzielle Aussteiger würden gefoltert. Andere Gruppen werfen der Exiliraner-Organisation ihren Führerkult vor und kritisieren, dass die Volksmudschahedin zwar Demokratie für den Iran fordern, intern aber einen autokratischen Stil pflegten.