Dschihadis in Gaza Böses Omen für Nahost

Israels Gaza-Krieg hat Hamas geschwächt - und noch viel radikalere Islamisten gestärkt. Es wird Zeit, dass der Westen die Organisation als Mitspieler akzeptiert

Islamisten der al-Qaida nahen Gruppe Dschund Ansar Allah am vergangenen Freitag in Rafah -  kurz vor dem Angriff der Hamas-Milizen

Islamisten der al-Qaida nahen Gruppe Dschund Ansar Allah am vergangenen Freitag in Rafah - kurz vor dem Angriff der Hamas-Milizen

Was ist davon zu halten, wenn zwei bewaffnete radikalislamische Gruppen aufeinander statt auf die Ungläubigen schießen? So ist es vor wenigen Tagen in Rafah im Gaza-Streifen geschehen, als Kämpfer der herrschenden Hamas eine Moschee mit Anhängern der Dschund Ansar Allah stürmten, zu deutsch „Armee der Helfer Gottes“.

Gut so, wenn sich die Radikalen die Köpfe einschlagen, könnte da mancher aus der Ferne meinen. Ein Fehlurteil. Tatsächlich ist die Islamisten-Schlacht von Rafah ein böses Omen, für die Zukunft Palästinas, für die Sicherheit Israels, für die Stabilität im Mittleren Osten.

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Radikaler als Hamas – geht das eigentlich? Der Armee der Helfer Gottes, einer salafistischen Gruppe von selbsternannten heiligen Kriegern („Dschihadis“), fiel es nicht schwer, Hamas mit extremen Forderungen zu überholen. Sie gehören zu einer Reihe von dschihadistischen Gruppen, die al-Qaida nahe stehen und sich im bombardierten und blockierten Gaza-Streifen festsetzen. Die Gotteshelfer hatten bereits ein Islamisches Emirat proklamiert und attackierten Israel, zumal seitdem Hamas sich mit derlei Angriffen in jüngster Zeit zurückhielt.

Hier scheint der entscheidende Unterschied zwischen islamistischen Bewegungen wie Hamas und diesen unheiligen Kriegern. Erstere arbeiten auf klar umgrenzten Territorien, letztere überall dort, wo man den Westen irgend treffen kann.

Hamas hat ein Programm und Leute mit extremen politischen Positionen, die Dschihadis träumen von Islam-Emiraten und Luftimperien, über die sich niemals verhandeln ließe. Längst haben diese salafistischen Geschwader in der Sphäre von al-Qaida Hamas und die islamistischen Muslimbrüder als Feinde ausgemacht.

Ein Stellvertreter des Terrorchefs Osama bin Laden schrieb ein geiferndes Buch gegen die Muslimbrüder. Ein Wortführer der Salafisten, Abu al-Nur al-Maqdisi, dem auch die Gotteshelfer von Gaza huldigen, verdammte jüngst den türkischen Regierungschef Erdoğan als Kostüm-Islamisten und bezichtigte Hamas, ihn zu kopieren. Diese Radikalen und nicht die säkulare palästinensische Fatah, sind der gefährlichste politische Gegner von Hamas.

Da wirkt es hochgradig weltfremd, wenn westliche und israelische Politiker weiter die falsche Weisheit verbreiten, Hamas und al-Qaida, Hisbollah und die Salafisten – das seien alles „Terroristen“, die man militärisch und geheimdienstlich bekämpfen müsse. Das Triumphgeheul israelischer Konservativer, der Gaza-Krieg habe Hamas militärisch und organisatorisch im Gaza-Streifen geschwächt, war berechtigt und dumm zugleich. Die Gotteshelfer und andere Gruppen im Fahrwasser von al-Qaida triumphierten mit. Die linksliberale israelische Zeitung Haaretz liefert die historische Pointe:

Leser-Kommentare
    • vdh
    • 19.08.2009 um 12:20 Uhr

    ...war der Anfang zum Rückfall. Mit der Entscheidung Sharons ("Arik König der Juden!), Gaza zu räumen - wohl wissend, daß das mit Risiken für Sicherheit Israels verbunden war, wäre ein Anfang für einen palästinensichen Staat in Sichtweite gekommen. Doch dann, im Dezember 2005, erlitt er einen Schlaganfall. Der wurde durch Übervorsicht nicht rechtzeitig behandelt und Sharon fiel ins Koma - bis heute ist er nicht erwacht. Sein Zögling, Tzipora („Tzipi“) Malka Livni, konnte den Weg nicht weitergehen; zuviele Gegner in den eigenen Reihen. Und Bibi Netanyahu, gehört zu den alten Zionisten mit dem unverhohlenen Ziel eines wiedergeborenen Eretz Israel.
    Englands Ex-Außenminster George Brown mal nicht betrunken...) sagte 1967 auf die Frage nach der Zukunft des Middle East:
    "There will be no solutions, only consequences."

    • Mates
    • 19.08.2009 um 12:57 Uhr

    Soll man jetzt alle eigenen Prinzipien über Bord werfen nur weil man jeden Wahnsinn noch steigern kann?

    Das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod, sonst gar nichts.

    Ich fürchte allerdings das unseren Kompromisverliebten, rückgratlosen Politikern die Idee von Prinzipien schon vor langer Zeit abhanden gekommen ist und der moralische Ausverkauf gar nicht schnell genug gehen kann.

  1. ist doch, dass es sich schlicht um keine pluralistische Zivilgesellschaft handelt. Mit Israel hat das herzlich wenig zu tun. Sobald ein Teil der palästinensischen Führung auch nur den Anschein erweckt, verhandlungsbereit zu sein, kann sie den radikalen Bodensatz der eigenen Leute nicht mehr einbinden. Das würde der Hamas genauso geschehen wie jetzt der Fatah. Es grassiert dort eben die Unkultur der Gewalt - und zwar seit jeher. Diese militanten Gruppen in Gaza hat es seit Jahren schon gegeben. Mit dem jüngsten Gaza-Krieg hat da nichts zu tun. Bereits im Vorfeld feuerten nicht zuletzt die Anhänger solcher Gruppen unablässig Raketen auf israelisches Staatsgebiet. Sie waren damit die nützlichen Idioten der Hamas, die scheinheilig behauptete, mit diesen Provokantionen nichts zu tun zu haben.

    Und was die Hisbollah anbelangt, sei daran erinnert, dass ihre Mitglieder jüngst im Iran auf iranische Staatsbürger brutal eingedroschen haben. Diese Prügeltruppe, die als Hilfstruppe Ahmadineschads ihren Terror inzwischen bereits im Iran austobt,, soll ein Verhandlungspartner sein? Wie kann man das ernsthaft vertreten?

  2. Ich schließe mich da weitestgehend den bisherigen Kommentaren an. Der Artikel verkennt völlig die Lage im Nahen Osten.

    Die einzige Lösung für dieses Gebiet ist die Entdogmatisierung auf allen Seiten und den Versuch einer möglichst aufgeklärten Bildung für alle, frei von Hass und Vorurteilen auf beiden Seiten. Denn die Falken auf Seiten der Palästinenser sind genauso in der Minderheit, wie die durchgeknallten Siedler auf israelischer Seite, die Holzhütten in die Wüste bauen und das schick finden.

    Solange die Fanatiker nicht verstummt sind, dreht sich das Rad den Wahnsinns immer weiter im Nahen Osten.

    • mhmmmm
    • 19.08.2009 um 14:24 Uhr

    Die Blüte von al-Andalus währt fast 400 Jahre. Dann droht ihr tödliche Gefahr- doch nicht von den Christen im Norden, sondern fanatischen Berbern im Süden.
    Manchen Berbern ist das verfeinerte Leben der Herren in al-AndalusnBlasphemie und Provokation. Sie legen den Koran fundamentalistisch aus [...]. Zwei Dystanien herschen nun, erst die Almoraviden, dann ab 1146 die noch strengeren kriegerischen Almohaden. Es ist der Todesstoß für das traditionelle al-Andalus.

    aus GEO Epoche Nr.31

    ...ohne Worte...

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    • mail4u
    • 20.08.2009 um 2:15 Uhr

    Ja, ja, die Legende von al Andalus...

    Jede Zeit, jede Kultur, ja jede soziale Gruppe schafft sich Mythen, in denen sie sich ihrer selbst vergewissert. Herkunftslegenden, Seinsparabeln, kleiner Aberglauben und grosse Vorsehung laden die kalte Zufälligkeit der Existenz mit Sinn auf, ordnen das Weltchaos in Gut und Böse und verwandeln Menschenhaufen in Gemeinschaften mit Seele und Tradition. Mythen sind wie magische Spiegel, die dem Betrachter jenes Bild zurückwerfen, das er von sich und seinesgleichen haben möchte.

    Einer der Lieblingsmythen der gebildeten Stände des Westens ist derjenige vom Glanz und Niedergang des maurischen Spanien. Die fast achthundert Jahre dauernde Epoche von al-Andalus, wie die Halbinsel von ihren arabischen Bewohnern genannt wurde, gilt als goldenes Zeitalter der Wissenschaften und der Künste und der christlich-jüdisch-islamischen Harmonie – unter dem Schutz eines toleranten, milden, von Vernunft durchwalteten Islam. «Für einen kurzen historischen Moment», schwärmt etwa der Herausgeber von «Das Wunder von al-Andalus», einer jüngst publizierten Sammlung arabischer und hebräischer Gedichte aus dem maurischen Spanien, «wurde der Traum von einem friedlichen Miteinander Wirklichkeit.»

    [...] Der berühmteste Jude des maurischen Spanien, der grosse Philosoph und Arzt Maimonides, verfasste sein Werk in Kairo im Exil. Als er 1149 als Vierzehnjähriger mit seiner Familie vor den Judenverfolgungen aus Córdoba floh, existierten bereits kaum mehr christliche oder jüdische Gemeinden in al-Andalus. Später schrieb er in einem oft zitierten Brief an die Juden des Jemen, die von den dortigen Pogromen berichtet hatten: «Bedenkt, meine Glaubensgenossen, dass Gott uns unserer grossen Sündenlast wegen mitten unter dieses Volk, die Araber, geschleudert hat [...]. Nie hat uns ein Volk so beschwert, erniedrigt, gedemütigt und gehasst wie sie [...], wir wurden von ihnen in unerträglicher Weise entehrt.»

    Siehe auch:

    Duldung und Demütigung, das Utilitasprinzip

    Nicht-Muslime waren Buerger zweiter Klasse, Punkt aus! Nur weil nicht ganz soviel gemordet und gebranntschatzt wurde wie sonst war Al-Andalus kein Paradies des friedlichen Zusammenlebens!

    Gruesse
    Trench

    • mail4u
    • 20.08.2009 um 2:15 Uhr

    Ja, ja, die Legende von al Andalus...

    Jede Zeit, jede Kultur, ja jede soziale Gruppe schafft sich Mythen, in denen sie sich ihrer selbst vergewissert. Herkunftslegenden, Seinsparabeln, kleiner Aberglauben und grosse Vorsehung laden die kalte Zufälligkeit der Existenz mit Sinn auf, ordnen das Weltchaos in Gut und Böse und verwandeln Menschenhaufen in Gemeinschaften mit Seele und Tradition. Mythen sind wie magische Spiegel, die dem Betrachter jenes Bild zurückwerfen, das er von sich und seinesgleichen haben möchte.

    Einer der Lieblingsmythen der gebildeten Stände des Westens ist derjenige vom Glanz und Niedergang des maurischen Spanien. Die fast achthundert Jahre dauernde Epoche von al-Andalus, wie die Halbinsel von ihren arabischen Bewohnern genannt wurde, gilt als goldenes Zeitalter der Wissenschaften und der Künste und der christlich-jüdisch-islamischen Harmonie – unter dem Schutz eines toleranten, milden, von Vernunft durchwalteten Islam. «Für einen kurzen historischen Moment», schwärmt etwa der Herausgeber von «Das Wunder von al-Andalus», einer jüngst publizierten Sammlung arabischer und hebräischer Gedichte aus dem maurischen Spanien, «wurde der Traum von einem friedlichen Miteinander Wirklichkeit.»

    [...] Der berühmteste Jude des maurischen Spanien, der grosse Philosoph und Arzt Maimonides, verfasste sein Werk in Kairo im Exil. Als er 1149 als Vierzehnjähriger mit seiner Familie vor den Judenverfolgungen aus Córdoba floh, existierten bereits kaum mehr christliche oder jüdische Gemeinden in al-Andalus. Später schrieb er in einem oft zitierten Brief an die Juden des Jemen, die von den dortigen Pogromen berichtet hatten: «Bedenkt, meine Glaubensgenossen, dass Gott uns unserer grossen Sündenlast wegen mitten unter dieses Volk, die Araber, geschleudert hat [...]. Nie hat uns ein Volk so beschwert, erniedrigt, gedemütigt und gehasst wie sie [...], wir wurden von ihnen in unerträglicher Weise entehrt.»

    Siehe auch:

    Duldung und Demütigung, das Utilitasprinzip

    Nicht-Muslime waren Buerger zweiter Klasse, Punkt aus! Nur weil nicht ganz soviel gemordet und gebranntschatzt wurde wie sonst war Al-Andalus kein Paradies des friedlichen Zusammenlebens!

    Gruesse
    Trench

    • colca
    • 19.08.2009 um 14:33 Uhr

    Herr Thumann, ich hätte nicht gedacht, mal einem Ihrer Artikel rundheraus zustimmen zu können.
    Sie haben völlig Recht. Es ist eigentlich ganz leicht zu verstehen. Die Macht bleibt nie lang ein Waisenkind - es findet sich immer jemand, der sich ihrer annimmt.
    Wer die Hamas in Gaza zerstört und gleichzeitig die Fatah in der Westbank am ausgestreckten Arm verhungern lässt, darf sich nicht wundern wenn danach Leute das Sagen haben, die noch extremistischer sind als alle ihre Vorgänger.

    Wenn es Israel nicht gelingt, einen gerechten Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen und den Palästinensern einen lebensfähigen Staat zu ermöglichen, dann hat dieses Land keine Zukunft.
    Dann wird auch die zweite jüdische Staatsgründung an ihrer eigenen Militanz scheitern.

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    Weder Hamas, noch Hizbollah oder die moslemischen Anreinerstaaten haben ein Interesse an einer Loesung des Konflikts. Hamas geht es Dank EU-Geldern ganz gut, die Korruption blueht. Als Hizbollah-Mann wird man vom Iran schoen alimentiert und die Anreinerstaaten wollen das Feindbild Israel nicht aufgeben, da es bei innenpolitischen Konflikten immer eine bequeme Ausrede bietet.

    Gruesse
    Trench

    PS.: Das Wohl der Palaestinenser geht den Anreinerstaaten/PLO/FATAH/HAMAS/Hizbollah in meiner Wahrnehmung am Allerwertesten vorbei.

    Weder Hamas, noch Hizbollah oder die moslemischen Anreinerstaaten haben ein Interesse an einer Loesung des Konflikts. Hamas geht es Dank EU-Geldern ganz gut, die Korruption blueht. Als Hizbollah-Mann wird man vom Iran schoen alimentiert und die Anreinerstaaten wollen das Feindbild Israel nicht aufgeben, da es bei innenpolitischen Konflikten immer eine bequeme Ausrede bietet.

    Gruesse
    Trench

    PS.: Das Wohl der Palaestinenser geht den Anreinerstaaten/PLO/FATAH/HAMAS/Hizbollah in meiner Wahrnehmung am Allerwertesten vorbei.

  3. was hat denn israel mit den blutigen machtkämpfen jenseits des zauns zu tun? der umstand, dass man sich in gaza mangels israelischer präsenz bzw. wegen momentaner militärischer impotenz ersatzweise gegenseitig über den haufen schießt, soll israel und den westen zur annäherung an den antisemitischen terrorverein hamas motivieren? weil der vorsatz, juden zu ermorden und israel auszulöschen bereits seit mehr als 20 jahren unverändert das 'partei-programm' der hamas ziert, ist die ungeheuerlichkeit dieser 'normalität' mittlerweile mit einem formellen protestvermerk im protokoll abgetan?
    scheinbar ist kein argumentativer winkelzug zu plump oder zu abwegig, wenn es darum geht, die logik der destruktivität im denken und handeln der prospektiven "mitspieler des westens" zu verschleiern und die verantwortung für die (selbst)zerstörerischen ausartungen dieser logik stereotyp den israelis in die schuhe zu schieben.

  4. Erst großer "Jubel" über den Tod Yassir Arafats. Jeder der unverblendet denken konnte, wusste, dass Arafat einer der gemäßigten und berechenbaren Repräsentanten der Palästinenser war.

    Dann der demokratische Sieg der Hamas und dann die unbedingte, kompromisslose Verteufelung und Isolation der Hamas durch den Westen.

    Da die Hamas dank der tumben ideologischen und faktisch bedingungslosen ökonomisch militärischen Unterstützung Israels durch den Westen keine wirklichen Erfolge vorzeigen kann, kommen jetzt die wirklich unberechenbaren Radikalen zum Zuge.

    So wird es auch in Afghanistan laufen bzw. es läuft dort bereits so.

    So lange in den westlichen Regierungen ideologisch verblendete Vertreter von kurzfristigen westlichen Partikularinteressen das Sagen haben, wird sich auch gar nichts zum Positiven ändern.

    „Wenn die Menschen wüssten mit wie wenig Verstand sie regiert werden.“ Wer war das noch?

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