Spekulation

Die Gier im Blut

Grenzenlose Habsucht ist kein Phänomen des postmodernen Kapitalismus: Sie liegt in der Natur des Menschen, lehrt die Literatur

Die Literatur ist kein Abbild der Wirklichkeit, aber sie kann uns zuweilen eine Menge über sie erzählen. Besonders in schweren Zeiten befällt viele die Sehnsucht, jemand möge ihnen beantworten, warum wir nichts mehr zu lachen haben. Das ist nur allzu verständlich – wir stecken in der Finanzkrise.

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Doch hören wir zunächst jenen zu, deren täglich Brot es ist, uns die Welt stückweise mit den unbestechlichen Werkzeugen der Wissenschaft zu erläutern. Kürzlich war das Wesen der Finanzjongleure an der Reihe. Es ist nämlich so: Forscher an der Uni Bonn haben angeblich ein Gier-Gen entdeckt.

Das wäre zutiefst menschlich. Es gäbe dem viel gescholtenen Gierschlund einen tragischen Charakter: Er kann nichts für seinen Makel. Die Habsucht wohnt ihm inne als ein angeborenes Defizit. Sie wird stimuliert und, hoppla, kommt es zum Knall.

Die Weltliteratur kennt in der Tat viele solcher Geschichten. Unzählige Werke schöpfen daraus ihren Reiz: Die Verlockung des Reichtums kommt ins Spiel, und plötzlich ist alles anders. Ohne Schande und Tod geht das selten ab. Wie in Friedrich Dürrenmatts Stück Der Besuch der alten Dame (1956): Eine steinreiche Greisin verspricht einem Dorf eine Milliarde, falls es den Mann ermordet, der sie einst schwängerte. Zu Beginn sträuben sich die Bewohner. Am Ende liegt der Mann erschlagen in einer Gasse, und die Alte stellt den Scheck aus.

Tatsächlich ist es bemerkenswert, wie wenig sich in den Jahrhunderten verändert zu haben scheint. In der Zeit des kalifornischen Goldfiebers erzählte der amerikanische Schriftsteller Frank Norris davon, wie das schnelle Geld Menschen den Kopf verdreht, im Jahr 1899 in seinem Roman McTeague, einem zu Unrecht vergessenes Buch eines jung verstorbenen Schriftstellers. Sein Held McTeague liebt Trina, Trina gewinnt 5000 Dollar, und das Unglück bricht über das Paar herein: Bald sind sie beide dem Geld verfallen; McTeague raubt Trina aus, tötet sie und verendet schließlich beim Showdown in der Wüste, angekettet an seinen ebenfalls toten Nebenbuhler.

Die Gierigen und Geizigen müssen scheitern. So erfordern es die Gesetze der Literatur. In Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten steht der vormals reiche Spekulant Sherman McCoy am Ende der Geschichte verarmt und ganz alleine da. Als Tony Buddenbrook entgegen der Familienprinzipien, aus bloßer Spekulation, einem Adligen die Jahresernte bis "auf den Halm" abkauft, verhagelt ihr ein Gewitter den Gewinn. In Balzacs Eugénie Grandet geht die Familie an der Gier des Vaters zugrunde. Und König Midas, der erste Nimmersatt der Literaturgeschichte, wünschte sich von Dionysos, dass alles, was er berührte, zu Gold werden solle – darob wäre er fast verhungert.

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Leser-Kommentare

    • 18.08.2009 um 17:36 Uhr
    • Gafra

    nicht die Manager und Finanzjongleure aus den entsprechenden Schulen mit den entsprechenden Programmen sind schuld, die Gene sind es und gegen Gene kann man ja nix machen, das wissen ja auch schon die Männer, die wahllos ihre Gene streuen müssen und deshalb zur Promiskuität gezwungen sind, die Armen. Und dann noch männliche Finanzjongleure und Manager, ein doppelt grausames Schicksal, so der eigenen Natur unterworfen zu sein!

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    oder sind für diesen sexistischen Kommentar auch entsprechende Schulen mit entsprechenden Programmen verantwortlich?

    • 18.08.2009 um 17:46 Uhr
    • Logeg

    Der Schluss von der Kunst der vergangenen Jahrhunderte auf die Natur des Menschen ist sehr gewagt. Die Menschheit gibt es auch schon etwas länger als den Kapitalismus. Komische Natur, die sich über Jahrtausende nicht bemerkbar gemacht hat.

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    dann wäre er längst ausgestorben.

    • 18.08.2009 um 17:55 Uhr
    • katah

    Der Grund, warum uns der Kapitalismus in den letzten Jahrhunderten einen so unglaublichen Wohlstand beschert hat, ist, dass er die naturgegebene "Gier" des Menschen in sozial nützliche Bahnen lenkt. Durch den Wettbewerb am freien Markt kann dort nur Profit erzielt werden, wenn die Bedürfnisse der Konsumenten besser/effizienter erfüllt werden, als durch die ebenso gierige Konkurrenz.

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    genügend Priester gibt es, die es vorbeten.

    "Der Grund, warum uns der Kapitalismus in den letzten Jahrhunderten einen so unglaublichen Wohlstand beschert hat, ist, dass er die naturgegebene "Gier" des Menschen in sozial nützliche Bahnen lenkt. Durch den Wettbewerb am freien Markt kann dort nur Profit erzielt werden, wenn die Bedürfnisse der Konsumenten besser/effizienter erfüllt werden, als durch die ebenso gierige Konkurrenz."

    Es ist genau so stimmig wie der Artikel, der behauptet, die Weltliteratur lehre, die Gier liege in der Natur des Menschen. Dann muss ich mich fragen, welcher Gattung andere Figuren der Weltliteratur, die nicht gierig waren, angehören. Ich denke z.B. an Fürst Myschkin, der Figur aus Dostojewskis "Der Idiot". Das bringt mich auf den Gedanken, dass es Menschen gibt, die gierig sind, der Rest, das sind Idioten.

    • 18.08.2009 um 18:04 Uhr
    • katah

    oder sind für diesen sexistischen Kommentar auch entsprechende Schulen mit entsprechenden Programmen verantwortlich?

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    gehört? Offenbar nicht!

    • 18.08.2009 um 18:07 Uhr
    • katah

    dann wäre er längst ausgestorben.

    Antwort auf "Natur des Menschen"
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    Ein erfolgreicher Robbenjäger der Inuit teilt selbstverständlich seine Beute. Täte er es nicht würde er alsbald verhungern, die Zeit bis zum nächsten Jagderfolg kann er meist nur überleben, weil in der Zwischenzeit ein anderer Jäger Erfolg hat, der dann genauso selbstverständlich teilt.

    Anders gewendet, die intelligenteste Form des Egoismus ist nun mal der Altruismus, Menschen sind per sé soziale Wesen.

    Bei den Inuit leuchtet das sofort ein, diese Praxis sichert das Überleben aller.

    Bei komplexen Gesellschaften gerät dieser Zusammenhang in der Regel aus dem Blick, gilt aber gleichwohl.

    • 18.08.2009 um 18:15 Uhr
    • WIHE

    siehe das Märchen vom Fischer und seiner Frau.

    Da war die Frau die unersättliche.

    Von daher ist das Märchen wohl nicht mehr politische korrekt.


  1. Gier oder auch Habsucht sind disfunktionen der endogenen Belohnungssyteme.

    Wenn sie sich Leer fühlen, Erfolg ihnen kein Glück schenkt, keine Befriedigung. Wenn sie mehr brauchen und mehr, dann leiden sie wahrscheinlich auch an einer disfunktion der Belohnungssysteme, an Habsucht.
    Auch ihnen kann und muss geholfen werden, denn Gier ist heilbar. Und ihrer Gier betrifft nicht nur sie. Ihre liebsten Menschen in Ihrer Umgebung, Menschen mit denen sie niemals direkt in Berührung kommen, sie alle leiden unter ihrer Kankheit.
    Auch für sie kann es ein erfülltes leben geben, einen Weg zurück in die Gesellschaft, die Gesellschaft von Menschen.
    Machen sie Psychotherapie, nehmen sie Pharmaka.

    • 18.08.2009 um 18:51 Uhr
    • Gafra

    gehört? Offenbar nicht!

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    Sie meinten nicht das Gegenteil von dem, was Sie sagten.

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