Google-AdWords Wahlkampf mit Genosse Google
Obama hat es vorgemacht, Internet-Wahlkampf beginnt beim Googeln. Auch hierzulande haben Parteien das erkannt und kaufen Suchbegriffe: AdWords-Anzeigen als Stimmenfang
Wer bei Google "Atomausstieg" eintippt, dem spuckt die Suchmaschine 420.000 Ergebnisse aus – die FDP würde man nicht darunter vermuten. Doch die Liberalen haben nachgeholfen. Zwischen Greenpeace, Interessensverbänden und Energieanbietern steht eine vierzeilige Anzeige: "Atomausstieg und dann?" heißt es da. "Alles was Sie über die Atomdebatte wissen müssen, finden Sie hier!" "Hier", das ist eine Webseite der FDP-Fraktion; das Suchwort "Atomausstieg", ein sogenanntes "AdWord", ein Suchbegriff, gekauft bei Google von den Wahlkampfverantwortlichen der Partei, um Suchende zu Findenden zu machen.
Denn der Internet-Wahlkampf, so die Erkenntnis in der Politik, beginnt weder auf den eigenen Webseiten, noch in YouTube-Channels oder Flickr-Galerien. 80 Prozent der Nutzer starteten ihre Suche nach Informationen auf Nachrichtenseiten oder bei einer Suchmaschine, behauptet eine Studie von Google und der UMC University of Management and Communication Potsdam, die das politische Mediennutzungsverhalten der Deutschen untersuchte. Die Webseiten der Parteien, Ministerien und Verbänden würden hingegen kaum als Startpunkt verwendet.
"Viele Menschen kennen das Internet nur über Google", heißt es in der Wahlkampfzentrale der SPD. "Die Suchmaschine ist die Schaltzentrale. Dort präsent zu sein, ist für uns extrem wichtig."
Seit 2001 befasst sich die SPD mit dem Thema Suchmaschinenoptimierung. In der Agentur A&B FACE2NET, die sich für den Internet-Wahlkampf der Partei verantwortlich zeigt, gibt es eigens einen Mitarbeiter, der sich ausschließlich mit den AdWord-Kampagnen der SPD beschäftigt. Denn so simpel, schnell und steuerbar der Einsatz von Google-AdWords auch sein mag, so kontrollaufwendig ist er auch.
"Welche Begriffe wann geschaltet werden, bedarf einer langfristigen Planung", sagt Johannes Beus, Geschäftsführer der SISTRIX GmbH, die eine Toolbox zur Suchmaschinenoptimierung und -beobachtung entwickelt hat. In einer Stichprobe hat Beus den Einsatz von Google-AdWords im Wahlkampf untersucht. In seiner Datenbank kann er überprüfen, welche Begriffe für eine Domain bei AdWords verzeichnet werden. Hierzu ruft SISTRIX wöchentlich weit über eine Millionen unterschiedliche Suchanfragen bei Google ab und wertet die Ergebnisse aus.
In der vergangenen Woche schaltete die SPD erstmals in dieser Kampagne verstärkt AdWords-Anzeigen. Mit über 300 gekauften Suchbegriffen gingen die Sozialdemokraten auf Klickjagd: Kinderbetreuung, Erziehungsgeld, Senioren, Familie, Ruhestand, Rentner, Kinderarmut, etc.
Für die CDU scheinen AdWords nur eine kleine Rolle zu spielen. Unter keiner ihrer Domains finden sich AdWords-Anzeigen. Ende 2008 und Anfang 2009 wurden jedoch einige Begriffe für die Domain bundeskanzlerin.de gebucht. Ansonsten verlinkt die Union in ihren vereinzelten Anzeigen auf ihren Wahlkampf-Channel bei MyVideo.
Ähnlich verfährt die FDP. Auch sie hat unter den einschlägigen Domains (fdp.de, fdp-fraktion.de, fdp-bundespartei.de, fdp-nrw.de) keine Anzeigen gebucht. Aber AdWords wie Westerwelle oder Wehrpflicht sind mit Videos auf YouTube oder MyVideo verknüpft.
Aktiver sind die Grünen. Offensichtlich hat die Partei in der Woche vor der Europawahl eine größere AdWords-Kampagne gefahren. Rund 100 entsprechende Suchbegriffe ließen sich finden: Umwelt, Bildungssysteme, Bildungspolitik, Europaparlament, Globalisierungskritik, Klimakonferenz, Konjunktur aber auch Namen ihrer Politiker. Interessant ist, dass die Grünen mit ihren Anzeigen auch bei den Begriffen "SPD Parteiprogramm" und "CDU Parteiprogramm" zu finden waren.
Im internationalen Vergleich ist der Wahlkampf mit AdWords nicht mehr als ein zartes Pflänzchen. Als vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich Nacht für Nacht Hunderte Autos in Flammen aufgingen und Jugendliche randalierten, reagierte Kandidat Nicolas Sarkozy nicht nur mit provokanten Aussagen, sondern auch mit der Buchung zahlreicher AdWords. Wer Anfang November über die französische Google-Seite nach Schlagwörtern wie "brennende Autos", "Banlieue", "Gewalt" oder "Randale" suchte, dem wurden rechts von den eigentlichen Treffern bezahlte Links zu Sarkozys Partei UMP präsentiert. "Unterstützen Sie Sarkozys Politik, um die Ordnung wieder herzustellen", hieß es da beispielsweise.
Die Sozialistische Partei Frankreichs, zunächst ratlos ob der massiven Google-Omnipräsenz des Konkurrenten, entschloss sich schließlich, Sarkozy mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: "Feindliche Klicks" nannte die Partei ihre Kampagne und rief ihre Sympathisanten auf, auf die Anzeigen der UMP zu klicken – denn nicht der Suchbegriff selbst, sondern jeder Klick, kostet den Anzeigenschalter Geld: Je nach Begriff und Positionierung der Anzeige kassiert Google zwischen 5 Cent und wenigen Euros pro Klick.
Vor solchen Praktiken hat die SPD keine Angst. In der Nordkurve, der Wahlzentrale, glaubt man daran, dass sich die Parteien im Wahlkampf fair verhalten. Doch auch ohne "feindliche Klicks" – die Seitenzugriffe summieren sich. Trotzdem, schätzt Johannes Beus, zahle selbst der deutsche Spitzenreiter in Sachen AdWords, die SPD, nicht mehr als 1000 Euro pro Tag für die Klicks auf ihre Anzeigen. Ein vernachlässigbarer Wert, verglichen mit einem Wahlkampfbudget von 27 Millionen. Und geradezu lächerlich, verglichen mit den 3,5 Millionen Dollar, die Barack Obama im Wahlkampf für gekaufte Suchbegriffe auf Google ausgab.
- Datum 31.08.2009 - 17:46 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 4
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Wenn man einen No-Budget Wahlkampf für die Kandidaten macht, die sich für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzten, dann braucht man keine Begriffe zu kaufen. Sucht mal bei YouTube nach "Wahlkampf spd", "Wahlkampf cdu" dort erscheinen Videos fast nur zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Weitere Suchkombinationen haben wir besetzt.
@ all
Wir bitten um Entschuldigung, uns ist ein Fehler unterlaufen. Das Zitat aus der Wahlkampfzentrale stammt nicht, wie zuerst geschrieben, von Kajo Wasserhövel. Daher ist der Name im Text nun verschwunden.
Kai Biermann
ZEIT ONLINE
Guten Tag,
mein Name ist Volker Markmiller und ich bin einer der Mitarbeiter von A&B FACE2NET welche für die SPD das Suchmaschinenmarketing im aktuellen Bundestagswahlkampf betreuen. Ich habe eine Anmerkung zu dem ansonsten sehr gut recherchierten Artikel: So etwas wie "Feindliche Klicks" mit denen man seine Konkurrenz im Netz durch eine Vielzahl von Klicks auf die geschalteten Anzeigen viel Geld kosten kann gibt es nicht! Suchmaschinendienstleister wie Google haben sehr gut funktionierende Schutzmechanismen die genau dieses Problem durch eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden bekämpfen. Wir haben in unserer Agentur noch nie Probleme in diese Richtung gehabt, egal bei welchem Kunden und niemand muss die Klicks der Konkurrenz fürchten.
Die Erkennung "unechter" Klicks mag bei normalen (wirtschaftsgetriebenen) Attacken durchaus möglich sein, wenn ein politischer Gegner seine Anhänger allerdings zum Klicken aufruft, wird es auch für Google schwer, Abweichungen vom Normalen festzustellen. Dies lieg darin begründet, dass die Herkunft der Klicks weit besser zum üblichen Klickverhalten passt und Abweichen schwer festzustellen sind. Die Aussage, dass es "feindlich Klicks" nicht gebe, halte ich folglich für recht gewagt und Interessengetrieben.
Die Erkennung "unechter" Klicks mag bei normalen (wirtschaftsgetriebenen) Attacken durchaus möglich sein, wenn ein politischer Gegner seine Anhänger allerdings zum Klicken aufruft, wird es auch für Google schwer, Abweichungen vom Normalen festzustellen. Dies lieg darin begründet, dass die Herkunft der Klicks weit besser zum üblichen Klickverhalten passt und Abweichen schwer festzustellen sind. Die Aussage, dass es "feindlich Klicks" nicht gebe, halte ich folglich für recht gewagt und Interessengetrieben.
Die Erkennung "unechter" Klicks mag bei normalen (wirtschaftsgetriebenen) Attacken durchaus möglich sein, wenn ein politischer Gegner seine Anhänger allerdings zum Klicken aufruft, wird es auch für Google schwer, Abweichungen vom Normalen festzustellen. Dies lieg darin begründet, dass die Herkunft der Klicks weit besser zum üblichen Klickverhalten passt und Abweichen schwer festzustellen sind. Die Aussage, dass es "feindlich Klicks" nicht gebe, halte ich folglich für recht gewagt und Interessengetrieben.
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