Modeblog aus Kairo"Der Schleier wird zum Modeaccessoire"

Im Blog "Cairo Looks" erklären junge Ägypter ihren persönlichen Kleidungsstil. Die Ethnologin Friederike Köppe über Trendfarben und modische Tricks von 

ZEIT ONLINE: Frau Köppe, Sie sind Ethnologin und haben im Auftrag des Goethe-Instituts mehrere Monate lang das Straßenmode-Blog Cairo Looks betreut. Was trägt man gerade in Kairo?

Friederike Köppe: Mich hat total überrascht, was für knallige Farben und enge Klamotten die jungen Leute tragen. Im vergangenen Herbst, als die meisten Umfragen gemacht wurden, sah man überall schreiendes Gelb und Grashüpfer-Grün. Inzwischen geht der Trend zu Hellblau und Pink – gerne auch in Kombination miteinander. Der Hippie-Stil hat sich ebenfalls durchgesetzt, Flickenröcke, lockere, luftige Materialien oder Röcke im Karo-Stil.

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ZEIT ONLINE: Inwiefern diktiert der Islam die Mode in Kairo?

Köppe: Das Kopftuch bestimmt zunehmend das Straßenbild. Etwa 80 Prozent aller Frauen in Kairo tragen den Hijab, das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den letzten Jahren. Gleichzeitig wird das Kopftuch immer mehr zu einem Modeaccessoire.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Köppe: Als ich 2004 in Kairo war, waren Kopftücher eher einfarbig und sahen sehr traditionell aus. Inzwischen sind bei den jungen Frauen knallige Farben angesagt. Viele arrangieren drei verschiedene Tücher übereinander, gerafft, mit Spitze, aus unterschiedlichen Materialien. Die Frauen spielen sehr mit diesem Element. Sie binden das Tuch zum Beispiel so, dass ein langes Dreieck am Rücken herunterhängt, damit es so aussieht, als würde der Wind in langem Haar spielen. Manchmal habe ich mir sogar gedacht, dass der Hijab sexier ist als offene Haare. In jedem Fall stehen die Frauen mindestens so lange vor dem Spiegel, um sich das Kopftuch zurechtzustecken, wie andere brauchen, um ihre Frisur zu stylen.

ZEIT ONLINE: Worauf ist diese "Kopftuch-Mode" zurückzuführen?

Köppe: Die gecrashten Kopftücher, die richtig aufgebauscht wirken, gehen auf eine sehr beliebte Fernsehmoderatorin zurück, die Jugendsendungen moderiert. Ganz viele junge Mädchen kopieren ihren Stil. Ein weiteres Vorbild ist die Hauptdarstellerin der türkischen Soap Opera Noor, die eine selbstbewusste junge Frau mit Kopftuch darstellt.

ZEIT ONLINE: Welche Frauen tragen Kopftuch in Kairo und welche nicht?

Köppe: Man kann durchaus unterscheiden nach den sozialen Schichten – in der Arbeiterschicht findet man es durchgängig. In den gebildeteren Klassen weniger, dort herrscht der soziale Druck, es lieber nicht zu tragen. Das Kopftuch ist meiner Ansicht nach eher eine Frage der gesellschaftlichen Stellung als eine religiöse Entscheidung.

ZEIT ONLINE: Gibt es andere modische Beschränkungen religiöser Art?

Köppe: Was man zunehmend auf den Straßen sieht, ist ein schwarzer Überwurf mit eng anliegender Kapuze. Außerdem gibt es "Armschläuche" aus Nylon, die aussehen wie verlängerte Pulswärmer. Sie reichen bis kurz unter die Achseln und lassen den Arm bis zum Handgelenk verhüllt. Viele junge Frauen tragen sie allerdings in fleischfarben oder weiß, dann sieht es so aus, als würden sie ein kurzärmliges T-Shirt zu nackten Armen tragen.

ZEIT ONLINE: Welche "Tricks" nutzen die Frauen noch?

Köppe: Sehr beliebt ist es auch, enge Kleider oder Röcke über Leggings und Jeans zu tragen. Diese Kleidchen sind zum Teil äußerst gewagt und aufreizend – manche sehen aus wie Unterwäsche.

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Art Generationssprung in der Mode?

Köppe: Ich meine schon, dass man einen Sprung erkennen kann. Die unter 25-Jährigen kleiden sich sehr farbenfroh, formbetont und experimentell. Ab Mitte 30 aufwärts wählen die Frauen dann eher dezentere Farben und Muster und weitere Kleidung. Eine große Rolle spielt die Hochzeit. Oft erkennt man, dass junge Mädchen nach ihrer Hochzeit ebenfalls zu eher unauffälligerer Kleidung greifen.

ZEIT ONLINE: Wir haben bisher vorwiegend über Frauen gesprochen – was zieht denn der modebewusste Mann in Kairo an?

Köppe: In jungen Jahren trägt er bevorzugt ganz enge Hemden, am liebsten in Weiß. Dazu entweder enge Jeans oder dunkle Hosen und spitz zulaufende Lederschuhe.

ZEIT ONLINE: Interessant ist, dass einige junge Männer auf Cairo Looks zu sehen sind, die man anderswo als "metrosexuell" bezeichnen würde.

Köppe: Ich glaube, in diesem Alter ist das vollkommen üblich, da viele junge Männer sich an bekannten arabischen Popsängern orientieren. Die sind auch in extrem engen Klamotten und gegelten Haaren unterwegs.

ZEIT ONLINE: Erkennt man den sozialen Status an der Kleidung?

Köppe: Es gibt ziemlich klare gesellschaftliche Trennlinien in Ägypten: Die Unterschicht, also Menschen, die in Slums und in illegal errichteten Siedlungen leben. Dann eine relativ große Mittelschicht, die bedroht ist vom sozialen Abstieg und nicht so viel Geld für Kleidung zur Verfügung hat. Sie kauft vor allem in der Innenstadt ein. Die Kleidung erkennt man daran, dass sie viel Glanz vorspiegelt, aber wenig dahinter steckt. Meist handelt es sich um billig produzierte Ware aus Russland oder China. Die Oberschicht wiederum geht nur in die großen Shopping-Malls zum Einkaufen. Ihr Blick ist ganz klar auf Europa gerichtet, sie wollen möglichst wenig Ägyptisches in der Kleidung haben.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen ägyptische Designer?

Köppe: Eigentlich keine. Es gibt nur ganz wenige einheimische Firmen, die ägyptische Baumwolle nicht nur produzieren, sondern auch weiterverarbeiten.

ZEIT ONLINE: Dafür sind amerikanische Sportmarken offenbar sehr beliebt, wie man im Blog sehen kann ...

Köppe: Ja, auf jeden Fall. Man sieht zum Beispiel schwarze Umhänge, auf denen mit Glitzersteinchenen "Nike" oder "Puma" gestickt ist. Auch chinesische Fälschungen erfreuen sich in Ägypten großer Beliebtheit. Die sind ziemlich leicht zu erkennen, weil zum Beispiel nicht "adidas", sondern "adibas" oder "abidas" daraufsteht. Das scheint dort aber nicht viele zu stören.

ZEIT ONLINE: Gibt es modische Subkulturen?

Köppe: Ich denke, dass es wohl in jeder Modekultur auch Subkulturen gibt. In Kairo gibt es die mit Sicherheit auch, zum Beispiel eine Hip-Hop-Szene, die sich entsprechend kleidet. Jedoch sind diese Subkulturen sehr klein, kaum verbreitet und orientieren sich stark an westlichen Vorbildern. Außerdem bleiben sie wohl den sozialen Schichten vorbehalten, die den Luxus haben, sich mit solchen Fragen überhaupt zu befassen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern ist Kairo offener und toleranter als andere muslimische Metropolen?

Köppe: Die arabische Welt ist hier sehr divers. Während man in Beirut auch mal Mini trägt, ist das in Riad undenkbar. Ich denke, dass in Kairo durchaus Einiges toleriert wird, wie man an den schreienden Farben und den zum Teil sehr engen Kleidern sehen kann. Man darf auch nicht vergessen, dass in Ägypten fast 10 Prozent der Bevölkerung christlich sind und das Land historisch schon immer von ausländischen Einflüssen geprägt war. Das führt zu einer gewissen Offenheit.

Mit dem Einzug der internationalen Marken und dem Blick nach Westen werden in Kairo immer gewagtere Kombinationen toleriert, während traditionellere Mode mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Demgegenüber steht aber stets schichtspezifischer, sozialer Druck. Oft wird ein Modetrend generell toleriert, an der eigenen Schwester dann jedoch nicht mehr.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele

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Leserkommentare
  1. eine Seltenheit. Heute sieht man kaum noch Frauen ohne. Wenn man die 10% christlichen Frauen abzieht, dann kann man sagen, dass eine islamische Frau ohne Kopftuch eine Besonderheit ist. Permanent auf der Straße gehörte gehässige Bemerkungen machen es den Frauen Kairos leicht, sich »freiwillig« für das Tragen eines Kopftuchs zu entscheiden. Die religiösen Einpeitscher, deren Predigten man teils wie beim Charlie-Chaplin-Film »Der große Diktator« über Straßenlautsprecher zu hören bekommt und die auch im Fernsehen bedeutende Präsenz haben, tun ihr übriges.

  2. "Ein weiteres Vorbild ist die Hauptdarstellerin der türkischen Soap Opera Noor, die eine selbstbewusste junge Frau mit Kopftuch darstellt."

    Nour (im türkischen heißt sie Gümüsch) ist die Protagonistin der gleichnamigen türkischen Serie, richtig, nur weit und breit ist in der Serie nichts von einem Kopftuch zu sehen. Find ich lahm, seine Thesen mit unwahren (und für einige wenige), nicht überprüfbaren Behauptungen zu untermauern!

    Hier ein Link zu einem YouTube Video zu besagter Serie: http://www.youtube.com/wa... Auch ruhig selbst mal suchen...

    Weiter will ich den Artikel auch gar nicht lesen. Wer weiß, wie weit das Verzapfen von Unwissen noch geht...

  3. ...ich meine, wenn selbst 10 jährige kinder von bekannten größen aus film und sport etwas "komisches sonderbares" anhaben sind sie gleich "mode experten", diese entwicklung ist lachhaft genau wie die ganze branche.

    sie ist alt geworden und unglaubwürdig weil sie dinge wiederholt und nicht wirklich neues schafft, ein guter designer schafft neues, ein guter modestar erschafft nur möglichkeiten viel geld zu verdienen um noch verrückter zu werden.

    besucht mich, http://www.mode-und-preis...

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  • Schlagworte Kairo | Adidas | Nike | Puma | Ägypten | China
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