Was für ein Bild. Auf dem roten Teppich zur Berliner Gala-Premiere von Isch kandidiere! geben sie Interviews, direkt nebeneinander: Kader Loth, Gregor Gysi, Horst Schlämmer und Günni, während Bushido durchs Blitzlichtgewitter läuft. Das TV-Starlet, der Fraktionsvorsitzende der Linken, Kanzlerkandidat Schlämmer und dessen Kneipenwirt aus Grevenbroich in friedlicher Eintracht. "Weisse Bescheid", würde Schlämmer sagen. Fragt sich nur, wer da eigentlich wen zur Kenntlichkeit entstellt, die Show die Politik – oder umgekehrt.

Dabei hat er es nicht leicht, dieser Horst Schlämmer. 2005 hat Hape Kerkeling die Kultfigur aus Grevenbroich auf die Welt losgelassen, den ewig nur stellvertretenden Chefredakteur des dortigen Tagblatts mit seinen "Knallhart nachjefragt"-Interviews. Und nun soll dieser Provinzposer aus dem Rheinland nicht mehr nur über die Schützenkönigin (Maren Kroymann) und die Kaninchenzüchter berichten, sondern Wahlkampf machen, im Kino, knallhart, für sich selbst.

Also zieht Schlämmer los, unter der (Film)-Regie von Kerkelings Lebensgefährten Angelo Colagrossi, mit Herrenhandtäschchen, Zottelfrisur, versifftem Trenchcoat, Rückenproblemen und Schnappatmung – und rackert sich zum Kanzlerkandidaten hoch. Kriegt sooo einen Hals, weil was die richtigen Politiker nicht können, kann er noch lange. Sammelt Unterschriften für die Horst-Schlämmer-Partei, becirct seine First Lady (Alexandra Kamp als Carla-Bruni-Lookalike), isst Kartoffelsalat mit der SPD, kungelt mit der FDP in der Hollywoodschaukel und spekuliert mit Cem Özdemir über eine Fango-Koalition. Ocker, die Farbe der HSP, harmoniert gut mit Grün.

Horst Schlämmer – Isch kandidiere! folgt dem braven Rhythmus einer Nummernrevue. Cameo-Auftritt folgt auf Fake-Interview auf Double-Einlage. Ob die Nummer zündet, ist meist Sache der Mitspieler. Claudia Roth mit Gurkenmaske oder der Reigen der von Gunter Gabriel angeführten Schlagerstars sind sich für nix zu blöd (nein, es ist keine versteckte Kamera im Spiel) – und machen eben jene zweifelhafte oder peinliche Figur, die man auch sonst von ihnen kennt. Aber wenn Bushido einen HSP-Rap hinlegt (auch die Jugend will als Wahlvolk gewonnen sein) oder Jürgen Rüttgers mit trockenem rheinischem Humor für den Kollegen mit der Dornkaat-Schwäche landesväterliche Gefühle hegt, kann Schlämmer noch so sehr den Horst machen: Der Satiriker sieht blass aus neben so viel Selbstironie.

Der Performer als Polit-Guerillero hat spätestens seit Schlingensiefs Chance 2000 Konjunktur, und neben Kerkeling ist im Kino derzeit auch Martin Sonneborn mit seiner Partei“unterwegs. Schlämmer wählt eine eher plumpe Subversionstaktik: Er rennt sperrangelweit offene Türen ein. Politiker als Allgemeinplatzwarte? Korrupte Parteien? Talkshows als Quasselbuden? Bräsiges Stammtisch-Gequatsche? Geschenkt. Immerhin kann der überbissige Kandidat bei all dem Polit-Talk seine Kunst gewinnbringend anwenden, sich im Zeitlupentempo in Worten zu verheddern und sie wie Essensreste wieder hervorzupulen. Auch seine Persiflagen als polternder Pofalla, schnippische Ulla Schmidt oder mäkelnde Merkel garantieren ihm die absolute Mehrheit der Kerkeling-Fans.