Männer-Mode Die edle Seide von Kreuzberg

Die Berliner Firma Edsor Kronen fertigt seit 100 Jahren feinste Krawatten. Der neue Juniorchef hat große Pläne

Der Hinweis könnte unauffälliger nicht sein. "Edsor Kronen" steht auf einem verwitterten Messingschild in dem Kreuzberger Hinterhof in der Skalitzer Straße. Im Vorderhaus ist ein türkischer Grill untergebracht. In dieser Gegend der Stadt war lange das Epizentrum der Maikrawalle. Niemand käme auf die Idee, dass ausgerechnet von hier aus seit nunmehr hundert Jahren Europas Anzugträger mit edlen handgemachten Seidenkrawatten ausstaffiert werden. Edsor, das klingt so britisch, wie nach Edward Windsor, und wenn man so eine Krawatte im KaDeWe in die Hand nimmt, wiegt die Seide schwer auf der Hand, und im Etikett steht der Hinweis "Italian Silk, handmade".

"Ich liebe diese Manufaktur und das, was ich mache", sagt der Juniorchef von "Edson Krone", Jan Henrik Scheper-Stuke

"Ich liebe diese Manufaktur und das, was ich mache", sagt der Juniorchef von "Edson Krone", Jan Henrik Scheper-Stuke

Seit Anfang des Jahres weht ein frischer Wind in diesem Hinterhof. Ach was "ein Wirbelwind", murmeln die resoluten Kreuzberger Näherinnen respektvoll. "Ein Sturm!"

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Der Sturm sieht aus wie ein britischer Dandy, ist 27 Jahre alt und heißt Jan Henrik M. Scheper-Stuke. Er trägt einen selbst entworfenen Anzug aus braunem Sommertweed, dazu eine blaue Brille, ein fliederfarbenes Hemd mit weißem Kragen und eine seidene Schleife in vielen lila Karos. Die blonden Haare hat er akkurat nach hinten gegelt, in der Hand hält er einen Dachshaarpinsel, "weil ich immer was in der Hand brauche". Aus jeder Pore atmet er so ziemlich das Gegenteil aller Kreuzberger Klischees, mit denen diese Ecke der Stadt behaftet ist.

Aufgewachsen ist er im feinen Internat Louisenlund, der jüngeren Schwester der Eliteschmiede Salem, war dort Schülerpräsident. Später hat er in Berlin Betriebswirtschaft studiert. Zusammen mit dem 59-jährigen Patenonkel Günther Stelly, dem künstlerischen Kopf des Unternehmens, will er die Manufaktur nun mit Schwung ins 21. Jahrhundert bringen. "Hier lief ja alles noch wie in den sechziger Jahren."

Jetzt nicht mehr. Als erstes hat er WLAN eingerichtet, damit er überall mit dem Laptop auf Empfang gehen kann. 332 Fans hat das Unternehmen schon auf seiner neuen Facebook-Seite im Internet. Tendenz, wie alles hier, steigend. Der Blick aus dem Fenster des Showrooms fällt auf viel zu lange nicht gestrichenes Kreuzberger Hinterhoffassadenbraun. Innen stehen noch Art-déco-Möbel aus der Blütezeit des Unternehmens in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine mit schönem Samt bespannte, uralte Polstergarnitur, des Patenonkels Tiffanyvasen-Sammlung, zwei Pferdeköpfe als Krawattenhalter. Aber im Notebook läuft ein wildes Musikvideo namens In My Blood über den Schirm, das in diesen Räumen gedreht wurde, mit Jay ft. Nik Valentino und coolen Cocktail-Trinkern.

Die Veränderungen, die bei Edsor Kronen seit Anfang des Jahres stattgefunden haben, sind freilich noch wilder als das Video. "Ich liebe diese Manufaktur und das, was ich mache", sagt Jan Henrik Scheper-Stuke. Das merkt man ihm an.

Rund 1600 Stoffe entwirft Günther Stelly, der Designer des Unternehmens jährlich, sie alle werden in einer Seidenfabrik in Como in Italien gefertigt. Neben Krawatten für Damen und Herren entstehen hier Schleifen ("Fliege sagt man nicht", meint der Juniorchef, "die gibt’s nur in der Luft"), Schals und seit neuestem auch Kummerbunde für Damen und Herren.

Leser-Kommentare
  1. In der Tat das unnötigste kleidungsstück. Soweit aus eigener Erfahrung tragen nur noch Banker und Japaner diese stilistische Gehhilfe.

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