Männer-Mode Die edle Seide von KreuzbergSeite 2/2

Die Geschichte mit dem Kummerbund geht so. Eines Tages saß der junge Unternehmer im Pan Asia in Mitte, und nebenan saß Leyla Piedayesh, die Gründerin des erfolgreichen Labels Lala Berlin, "mit ihrer Mädelsentourage". Man kam ins Gespräch und darauf, dass man zur selben Party unterwegs war, zur Berlinale-Party von Boss. Partys sind für den jungen Unternehmer ideale Orte zum Netzwerken und Arbeiten. Das Ergebnis konnte das staunende Publikum während der letzten Fashion Week erleben. Der Mann von Welt trägt den Kummerbund nicht mehr nur zum Smoking, sondern nun auch zu Jeans und Shorts, gern auch mal geblümt. Das ist mal eine ganz neuartige Antwort auf die Frage, was man eigentlich anziehen soll, wenn auf der Einladung als Dresscode "smart casual" steht. Auch für modebewusste Ladys gibt es seitdem Kummerbunde.

Fast zärtlich streicht er über die Stoffe in den altmodischen Musterbüchern im 4. Stock. Die Musterbücher sollen auf jeden Fall bleiben, "die vermitteln uns das haptische Erlebnis, das ein Computer nicht bringen kann".

Der junge Chef sagt von sich, dass er "eine richtige Partymaus" sei. Er geht gern in Clubs, liebt das Cookies, fühlt sich aber auch im Weekend wohl, und verabredet sich gern zum Lunch bei Monsieur Vuong oder im Borchardt. Inzwischen zeigen auch Michael Michalsky und Wolfgang Joop ihre neuen Kollektionen mit Accessoires aus dem Hause Edsor Kronen. Er hat sie einfach angesprochen wie er auch den Regierenden Bürgermeister angesprochen und ihn gebeten hat, künftig mehr Kreuzberger Krawatten zu tragen.

Übrigens hat der Juniorchef keinerlei Problem damit, zu verraten, wofür "Edsor" eigentlich steht. Das war eine Abkürzung für "Edle Sorte". Die Goldenen Zwanziger waren die große Blütezeit des Unternehmens. Jetzt kommt offenbar die zweite Blüte. Mit dem Brillendesigner Dieter Funk hat er eine Kooperation verabredet. Ausgewählte Krawattenstoffe werden demnächst in dessen Brillen gepresst, dann kann man Brille, Schleife und Kummerbund passend kombinieren. Das gibt’s ab November. Mit Lala Berlin entsteht eine Kollektion von Vintagetüchern aus den schönsten Stoffen der letzten 30 Jahre. Man kann sie sehen in einem eigenen Raum, Stoffballen mit für ihre Zeit typischen Dessins, schöne Seiden mit Marienkäfern, Blümchen, Teddys, Herzen oder Streifen. "Manche sind älter als ich selber", sagt Scheper-Stuke fast erstaunt.

Vielleicht wird er auch das optische Aushängeschild von Edsor Kronen, er weiß es noch nicht so genau, aber er posiert gern, hat diesen ernsten Blick drauf und liebt das Wort "authentisch". Sein Gesicht wird sich einprägen, keine Frage. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er bei seiner Liebe zum Dandylook kein bisschen blasiert wirkt. In seiner maßlosen Begeisterung für die noch neue Aufgabe kommt er richtig nett rüber.

Er wohnt in Mitte in der Sophienstraße, findet seine derzeitige Wohnung aber zu laut und wäre beinahe nach Charlottenburg an den Lietzensee gezogen. Freunde überzeugten ihn, dass das gar nicht gegangen wäre. "Ich brauche den Pulsschlag." Ursprünglich kommt er aus Lohne. "Wir haben zu Hause Ländereien", sagt er. "Da laufen echte Kühe rum." Seine Eltern haben ein Import-Export-Geschäft, das mal eben so 1000 Schweine von Argentinien nach Russland verschickt.

Bislang hat Edsor Kronen 15 Mitarbeiter in der Zentrale und 60 Heimarbeiter, die teils im Umland von Hand die Krawatten nähen. In Berlin gibt es sie zum Beispiel im KaDeWe zu kaufen, bei Peek & Cloppenburg und bei Wormland, aber im Versandraum stehen Pakete für viele Städte innerhalb und außerhalb des Landes. Eine halbe Million Seidenkrawatten gehen aus Kreuzberg jährlich in gehobene Geschäfte in ganz Europa, neuerdings auch nach Japan.

Wer Krawatten als Geschenk unoriginell findet oder einen ausgewiesenen Muffel missionieren möchte, könnte sich mit einer weiteren Neuerung anfreunden. Für 129 Euro kann man nämlich eine 90-minütige Führung durch die Manufaktur buchen. Inbegriffen ist eine handgefertigte Krawatte, deren Stoff man sich am Ort aussuchen kann. Für Touristen könnte das Knut-Motiv ein Hit werden. Aber auch ohne Führung kann man sich bei Edsor Kronen Accessoires nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen.

Draußen, auf der Skalitzer Straße, im Zentrum des alternativen und unprätentiösen Kreuzberg, sucht man das edle Tuch aus dem Hause Edsor Kronen noch vergebens. Aber das kann sich ja ändern. Wie so vieles, was der Mann mit dem Dachshaarpinsel in die Hand nimmt.

Führungen durch die Manufaktur können unter der E-Mail-Adresse besichtigung@edsorkronen.com angefragt werden.

 
Leser-Kommentare
  1. In der Tat das unnötigste kleidungsstück. Soweit aus eigener Erfahrung tragen nur noch Banker und Japaner diese stilistische Gehhilfe.

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