Ein bisschen lebt man als Leser doch immer mit den Figuren eines guten Romans. Und nicht selten möchte man dann auch mehr über den Schöpfer dieser Figuren erfahren, ja identifiziert fiktionalen und realen Charakter vielleicht miteinander. Einer Begegnung mit einem Autor wohnt daher immer eine ganz eigene Spannung inne. Es ist dann so, als würde die Figur aus ihrer Geschichte schlüpfen oder umgekehrt, als könne der Autor die lesereigenen Vorstellungen desillusionieren.

Wie Realität und Fiktion, Figur und Schöpfer zusammenwirken, ist auch eines der Themen von Peter Stamm , Schweizer Autor, wohnhaft in Winterthur . Stamm, der 1998 seinen fulminanten Debütroman Agnes veröffentlichte, in dem jene Ebenen zwischen Realität und Fantasie ebenfalls verschwimmen, hat gerade seinen vierten, großartigen Roman herausgebracht: Sieben Jahre. Grob gesagt, geht es darin um Liebe und um die These, dass derjenige glücklicher ist, der liebt, und nicht der, der geliebt wird.

Nun steht Stamm auf Gleis 3 am Bahnhof von Winterthur. Sandfarbene Stoffhose, weißes Hemd, Ärmel aufgekrempelt, schmales Gesicht. "Also, was sollen wir uns anschauen?" Winterthur ist für seine Kunstsammlungen berühmt. Und Stamm sagt, ihn interessiere eigentlich alle Kunst. "Außer Ballett vielleicht." Als Erstes geht's die Stadthausstraße hinunter, zum Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten. Seine Kunstsammlung Europäischer Malerei kennt jeder in der Schweiz . Noch besser aber sei das dazugehörige "Römerholz", sagt Stamm, das Privathaus Oskar Reinharts, das derzeit aber leider wegen Umbaus geschlossen sei.  

Stamm, 46 , lebt seit 25 Jahren in Winterthur – aber auch mal in New York , London , Berlin und Paris. Der Ort hat 100.000 Einwohner, ist die sechsgrößte Stadt der Schweiz. Von Zürich braucht die S-Bahn knapp 20 Minuten. "Es ist hier viel ruhiger als in Zürich, und ich brauche das Zusammenspiel von Natur und Kultur", sagt Stamm. Mit seiner Freundin und den gemeinsamen Söhnen wohnt er drei Minuten vom Wald entfernt. "Außerdem kann man sich hier ein Leben noch leisten, mit Garten." In Zürich ist so etwas Luxus. In Winterthur hat Stamm einen großen Garten inklusive Baumhaus für die Kinder. Nur der See fehlt ihm manchmal.

Stamm wirkt tatsächlich ein wenig so, wie man sich ihn nach den Geschichten vorstellt: fein und natürlich. Rauchend schlendert er durch die Straßen, zeigt nach rechts auf die Fußgängerzone der Altstadt: Fachwerkhäuser, Fußgängerzonencafés und Imbisse, eine "Manta-Bar", aber auch eine Brunnenanlage von Donald Judd. In seinem neuen Roman hat die Ästhetik und Symbolik von Gebäuden eine besondere Bedeutung. Da stehen wir gerade vor dem Kunstmuseum , ein neoklassizistischer Bau von  Rittmeyer & Furrer aus dem Jahr 1915 mit wuchtigen Säulen an der Hauptseite. Leider ist das Haus ebenfalls wegen Sanierung geschlossen. Winterthur baut grad um.

Die Eingangshalle hat aber geöffnet und offeriert einen Blick auf eine breite Treppe und mächtige, etwas kitschige Kronleuchter. Früher hat Stamm hier in der Bibliothek gearbeitet. Während wir das Haus verlassen, erklärt er, warum Architektur ihn so sehr interessiert. "Architektur heißt Planung." Gebäude hätten ethische Bedeutung: "Auch im Leben planen wir. Nur kann man gerade da nicht alles planen. Vieles stößt uns einfach zu." Wie ein paar Ecken weiter. Da steht dieses Versicherungsgebäude, so hässlich, dass es fast schon wieder gut ist. Wie der Palast der Republik, nur kleiner. "Hier habe ich mal gearbeitet", sagt Stamm. Gleich daneben drängt sich das Hauptgebäude der Versicherung, eine eher faschistoide Ästhetik. "Auch interessant.“