Wahlkampf Alles wird Schlämmer

Vera Lengsfeld wirbt mit ihrem Dekolleté, Guttenberg mit sich selbst, Steinmeier verspricht Vollbeschäftigung: Wie sich Politiker mitten im Wahlkampf zum Horst machen. Ein Kommentar

Fast die Hälfte der Deutschen weiß nicht, wann der nächste Bundestag gewählt wird – und fast zwanzig Prozent sagen, sie hätten gerne Horst Schlämmer, eine Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling, als Bundeskanzler. Ja, das passiert schon mal, wenn Wähler sich von Politikern nicht mehr richtig ernst genommen fühlen. Sie nehmen dann auch die Politik nicht mehr ernst, und dann kommt es eben nicht mehr so genau darauf an. Jedenfalls nicht bei Meinungsumfragen.

Eine Million neue Arbeitsplätze versprechen die Grünen, vier Millionen verspricht SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier, Reichtum für alle verspricht Gregor Gysi. Die Grenze zwischen E- und U-Politik wird von beiden Seiten niedergerissen, nicht ohne Folgen. So bedenkenlos, wie einst Friedbert Pflüger Vicky Leandros zur Berliner Kultursenatorin machen wollte, so bedenkenlos hält heute Vera Lengsfeld ihre Brüste ins Bild und verspricht schlicht: mehr. Mehr was? Mehr Frau, mehr Herz, mehr Sex? Man weiß es nicht. Und es ist auch egal.

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Etliche aus der ersten Reihe der Politik machen sich bei Schlämmer, im Film, selbst zum Horst, ganz freiwillig sogar, weil sie offenbar bloß nicht als Spaßbremse gelten wollen und sich dann doch lieber auslachen lassen. So posieren zur Premiere Politiker wie Claudia Roth neben Möchtegernpolitikern wie Kader Loth und wirken dabei noch weniger echt als der Scheinpolitiker Schlämmer.

Zum beliebtesten deutschen Politiker gekürt wurde vor kurzem in Rekordzeit der neue Wirtschaftsminister zu Guttenberg, von dem die meisten der Befragten bis dahin nicht viel mehr gewusst haben dürften, als dass er sehr gerne mit offenem Mund lächelt und, wie der „Stern“ festgestellt hat, ein bisschen so aussieht wie Lothar Matthäus. Ach ja, Baron ist er noch, und etwas widerspenstig. Das reicht erst mal. Und wenn die Piratenpartei nicht etwa mit einem emsigen Kinderporno-Rechercheur antreten würde, sondern mit Captain Jack Sparrow, könnte sie wohl am 27. September den Bundestag entern. Was ist da los?

Weniger, als zu befürchten – aber mehr, als gut ist. Johnny Depp segelt in der Karibik, Schlämmer kandidiert nur im Film, die Leute werden noch merken, an welchem Sonntag es gilt, und dann werden sie auch sehr viel gewöhnlicher wählen als in mancher Fantasie. Aber das Stimmungsbild ist eben auch ein Ausdruck von Überdruss, Schadenfreude und Sehnsucht. Reagan, Schwarzenegger, Berlusconi, sie alle haben von solchen Empfindungen der Wähler profitiert – aber auch ein Obama. In Deutschland gibt es zurzeit weder die einen noch die anderen. Man kann das schönreden. Es kann aber auch mal schiefgehen.

Schlämmer kann übrigens auch prima Ulla Schmidt parodieren, was nicht nur daran liegt, dass zwischen Grevenbroich und Aachen gerade mal 45 Dienstwagenminuten liegen. Auch Schmidt hat sich zum Horst gemacht, sogar ohne im Film selbst auftreten zu müssen. Es reichten schon die Erzählungen von ihren letzten paar Spanienreisen, die sich fast so anhörten, als parodiere sie Hape Kerkeling. Ganz in echt.

 
Leser-Kommentare
    • hardob
    • 20.08.2009 um 12:46 Uhr

    verehrter Herr Marold, Sie machen hier doch auch den Horst. Nicht nur Sie, viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen genau so. Schauen Sie sich einmal um. Ein Horst neben einer anderen, stieren Sie ins Dekollete oder auf geniessen die Eleganz der Erscheinung. Und das reicht ihnen. Mir reicht's auch, viel schlämmer kann es kaum noch werden, ... oder doch?

  1. Das ist der vierte Wahlkampf, den ich miterlebe, es hat sich im wesentlichen nichts geändert. Die Gesichter, Slogans, Spots und Wahlprogramme sind frei austauschbar ebenso wie die journalistischen Artikel. Ich wette, ich könnte - wenn ich nur ein paar Worte ändere - Artikel von 1998 hier einstellen und das würde keinem auffallen. Kerke macht heute das, was die Titanic vor 4 jahren gemacht, und damals war das noch lustig und das einzig Unterhaltsame. Leute, kauft euch einen Videorecorder oder schmeißt den Fernseher weg, nicht wegen Kulturkritik, sondern um der Wahlwerbung und Horstchen zu entgehen. Willkommen in der Postdemokratie.

    • HBogon
    • 20.08.2009 um 13:37 Uhr

    Horst Schlämmer ist ein Windhund, ein Quatschmichvoll, plump, schmierig und nicht so ganz helle.

    In dieser Rolle kommt er vielen dermaßen bekannt vor, dass mittlerweile 18% ihn wählen würden, wenn sie könnten. Horst unterscheidet sich nämlich in einer wesentlichen positiven Eigenschaft von anderen "Politikern": er spricht die Schweinereien, die er so denkt, wenigstens offen aus.

    Dass nun einige Vertreter unserer Politkaste aufheulen, ist deshalb nur zu verständlich, wenn man so den Spiegel vorgehalten bekommt. Hier wird nicht das Vertrauen in die Politik oder gar Demokratie beschädigt (das haben die "echten" Politiker ganz allein geschafft und arbeiten täglich weiter daran), sondern es wird eine Art Aufklärung betrieben - über die Politik als nur noch reine Darstellung von Politik.

    Wenn dann auch noch die meisten Medien nicht mehr bereit sind, Information, Analyse, Kritik, Klartext auf einer sachlichen Ebene zu liefern, nur noch Hofberichterstattung abliefern oder Nichtigkeiten aufblähen, ohne die ganz großen, die eigentlich schon unvorstellbar großen Schweinereien zu thematisieren, dann muss eben ein Horst Schlämmer ran.

    Diese enorme Glaubwürdigkeitslücke (die nun wirklich demokratiegefährdend ist) hat Harpe Kerling erkannt und trifft damit beim Publikum offenbar auf offene Ohren.

  2. Lieber Herr Maroldt,

    warum immer nur diese beilaeufige Polemik nach links? Warum nicht einmal die Wahlversprechen fuer mehr Arbeitsplaetze den Wahlversprechen der FDP und CDU nach Steuersenkungen gegenueberstellen.
    Stattdessen unsinnige Polemik wie
    "Reichtum für alle verspricht Gregor Gysi".
    Wann und wo das versprochen wurde, weiss ich nicht. Vielleicht koennen Sie uns ja erhellen.

    Die journalistische Einseitigkeit im Wahlkampf nervt langsam.

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    "Reichtum für alle verspricht Gregor Gysi".
    Wann und wo das versprochen wurde, weiss ich nicht. Vielleicht koennen Sie uns ja erhellen.

    Bitte sehr:
    Mit den Worten: "Reichtum für alle!" plakatiert die LINKE zur Zeit.
    http://www.homopoliticus....

    Gleichzeitig übrigens auch mit: "Reichtum besteuern!"
    http://www.homopoliticus....

    Sehr sinnvolle Vorschläge.

    "Reichtum für alle verspricht Gregor Gysi".
    Wann und wo das versprochen wurde, weiss ich nicht. Vielleicht koennen Sie uns ja erhellen.

    Bitte sehr:
    Mit den Worten: "Reichtum für alle!" plakatiert die LINKE zur Zeit.
    http://www.homopoliticus....

    Gleichzeitig übrigens auch mit: "Reichtum besteuern!"
    http://www.homopoliticus....

    Sehr sinnvolle Vorschläge.

  3. wird klar ,wer für wen schreibt ! Z.B. "vier Millionen verspricht SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier " , die linken und die Grünen werden genannt. Was verspricht die CDU ? Achso, die halten hinten Baum. Nein die versprechen VOLLBESCHÄFTIGUNG.
    Ist bei den jetzigen Arbeitslosenzahlen das nicht das Selbe ,wie das der SPD?

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    Die SPD verspricht 4 Millionen neue Arbeitsplätze, verrät aber nicht, wie viele alte Arbeitsplätze verloren gehen werden, weil sich das ja alles weiterentwickelt. Die CDU verspricht Vollbeschäftigung. Das ist so wie Brutto und Netto - um in 10 Jahren Vollbeschäftigung zu erreichen, brauchen wir bis dahin mindestens 8 Millionen neue Arbeitsplätze, weil ja bis dahin 4 Millionen alte verloren gehen - vom Kassierer bei Karstadt bis zum Maschinenschlosser bei Opel, die wir alle in 10 Jahre nicht mehr brauchen, weil wir unsere Einkäufe im Internet erledigen und unsere (billigen und wartungsarmen Elektro-)Autos aus China kaufen.

    Also: Steinmeier verspricht etwas, was er halten kann, und die Leute verstehen etwas, was er gar nicht sagt - nämlich Vollbeschäftigung. Und wird dafür abgestraft, weil das ja ein illusorisches Versprechen ist. Das aber verspricht eigentlich die CDU, und der lässt man das durchgehen, weil sie das ja nicht so laut macht, und eigentlich nur behauptet "wir haben die Kraft", aber ansonsten mehr den Pudding gibt, den man nicht an die Wand nageln kann.

    Dass Gysi mit "Reichtum für alle" natürlich irgendwie den echten Vollhorst gibt, ist klar.

    Die SPD verspricht 4 Millionen neue Arbeitsplätze, verrät aber nicht, wie viele alte Arbeitsplätze verloren gehen werden, weil sich das ja alles weiterentwickelt. Die CDU verspricht Vollbeschäftigung. Das ist so wie Brutto und Netto - um in 10 Jahren Vollbeschäftigung zu erreichen, brauchen wir bis dahin mindestens 8 Millionen neue Arbeitsplätze, weil ja bis dahin 4 Millionen alte verloren gehen - vom Kassierer bei Karstadt bis zum Maschinenschlosser bei Opel, die wir alle in 10 Jahre nicht mehr brauchen, weil wir unsere Einkäufe im Internet erledigen und unsere (billigen und wartungsarmen Elektro-)Autos aus China kaufen.

    Also: Steinmeier verspricht etwas, was er halten kann, und die Leute verstehen etwas, was er gar nicht sagt - nämlich Vollbeschäftigung. Und wird dafür abgestraft, weil das ja ein illusorisches Versprechen ist. Das aber verspricht eigentlich die CDU, und der lässt man das durchgehen, weil sie das ja nicht so laut macht, und eigentlich nur behauptet "wir haben die Kraft", aber ansonsten mehr den Pudding gibt, den man nicht an die Wand nageln kann.

    Dass Gysi mit "Reichtum für alle" natürlich irgendwie den echten Vollhorst gibt, ist klar.

  4. "Reichtum für alle verspricht Gregor Gysi".
    Wann und wo das versprochen wurde, weiss ich nicht. Vielleicht koennen Sie uns ja erhellen.

    Bitte sehr:
    Mit den Worten: "Reichtum für alle!" plakatiert die LINKE zur Zeit.
    http://www.homopoliticus....

    Gleichzeitig übrigens auch mit: "Reichtum besteuern!"
    http://www.homopoliticus....

    Sehr sinnvolle Vorschläge.

    Antwort auf "Polemik nach links"
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    Tatsaechlich war mir dieses Plakat nicht bekannt. Danke schoen!

    Mit den Worten: "Reichtum für alle!" plakatiert die LINKE zur Zeit.
    http://www.homopoliticus....

    Gleichzeitig übrigens auch mit: "Reichtum besteuern!"
    http://www.homopoliticus....

    Endlich ein echtes "Perpetuum Mobile"....

    Tatsaechlich war mir dieses Plakat nicht bekannt. Danke schoen!

    Mit den Worten: "Reichtum für alle!" plakatiert die LINKE zur Zeit.
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    Gleichzeitig übrigens auch mit: "Reichtum besteuern!"
    http://www.homopoliticus....

    Endlich ein echtes "Perpetuum Mobile"....

    • sudek
    • 20.08.2009 um 14:15 Uhr

    Die Wählerin und der Wählerin wollen wissen, was eine Partei machen will, wenn sie die Wahl gewinnt.

    Insofern ist jedes Programm ein Versprechen auf die Zukunft.

    Eine Partei, die nichts verspricht, die ihr Programm nicht offenbart, von der ist alles zu erwarten.

    Insofern war und ist die VERANTWORTUNG der Presse, der Journalistinnen und Journalisten im Augenblick so groß.Aber CDU und SPD werden überhaupt nicht gefragt, nicht geprüft, was sie konkret machen wollen. Man soll es instinktiv aufnehmen, fühlen. Viele der CDU/FDP - WählerInnen ahnen, dass die Krise erst richtig nach der Wahl beginnt. Und sie befürchten, dass dann mehr Geld für Arbeitslose usw.usw. bereitgestellt werden könnte/müsste. Das wollen sie n i c h t. Sie wollen ihr Geld behalten. Und diese beiden Parteien - so fühlen oder glauben sie - werden ihnen das Geld lassen. Was mit den anderen passiert ist ihnen völlig gleichgültig.

    Wenn man das, was aus der CDU-Blockpartei in Thüringen zur Zeit an die Oberfläche kommt, dann ist das pure "DDR", wie die vormalige Baudezernentin von Cottbus - sie kam aus Mannheim - so schön sagte: " Im tiefsten Unbewussten fängt für viele ehemalige DDR-BürgerInnen der Ausländer beim Westdeutschen an und das erleben wir jetzt bei Ramelow. Diese anerzogene Haltung aus DDR-Zeiten kann offensichtlich lockerleicht wieder hochgezogen werden.
    Das ist die Politik, die angeblich von Ypsilanti ausgehen sollte.

    Aber für die Medien und die Wirtschaft spielt nur eines eine Rolle:

    Hauptsache Kernenergie,
    Hauptsache keine Mindestlöhne,
    Hauptsache Leiharbeit,
    Hauptsache weiter HARTZ IV
    Hauptsache mehr Geld für die Frühaufsteher
    Hauptsache weniger sozial
    Hauptsache weniger Verteilungsgerechtigkeit

    Und welche Vergangenheit jemand hat, ist vollkommen nebensächlich!

    • sudek
    • 20.08.2009 um 14:16 Uhr

    schade, dass man nicht korrigieren kann! Mein letzter Kommentar sollte beginnen mit : "...Die Wählerin und der Wähler..."

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