H1N1 Schweinegrippe erreicht die Ureinwohner Perus
Indigene Völker könnten besonders empfindlich auf den neuen Grippeerreger reagieren. Da sie in Abgeschiedenheit leben, sind sie sehr anfällig für eingeschleppte Viren
Infektionsmediziner blicken derzeit mit Sorge nach Peru, wo sich Ureinwohner im Amazonasgebiet erstmals mit H1N1 infiziert haben. Die Amerikagrippe könnte die Gemeinden dort besonders hart treffen. Einige der abgeschieden lebenden Völker hatten bislang überhaupt keinen Kontakt zu Grippeerregern.
Die als Schweinegrippe bekannt gewordene Influenza breitet sich rasant aus, wenngleich sie nach wie vor weit weniger Todesopfer als die jährlichen saisonalen Grippeepidemien fordert. A/H1N1 konnte vor allem deshalb so schnell den gesamten Globus erfassen, weil niemand eine natürliche Immunität gegen den Erreger besitzt. Lediglich ältere Menschen, die im Laufe ihres Lebens bereits Kontakt zu ähnlichen H1N1-Viren hatten, verfügen möglicherweise über einen gewissen Schutz.
Wie viele Menschen weltweit derzeit an der sogenannten Schweinegrippe leiden oder die Infektion bereits hinter sich haben, lässt sich nicht mehr sagen. Viele Länder haben aufgehört die H1N1-Fälle zu zählen, oder haben das schon von Beginn an nicht getan. Die tatsächlichen Zahlen liegen aber mit Sicherheit über den offiziellen Angaben, da viele Menschen mit leichteren Symptomen nicht zum Arzt gehen und so auch nicht erfasst werden können.
Einen groben Überblick geben die aktuellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO dennoch: Danach haben sich seit dem ersten Ausbruch im April dieses Jahres knapp 180.000 Menschen eine Amerikagrippe eingefangen. Genauer dürfte die Zahl der gezählten Grippetoten sein: Sie wird von der WHO derzeit mit 1462 angegeben.
Von diesen Entwicklungen haben die Ureinwohner im Amazonasgebiet wenig mitbekommen. Sie blieben von der Pandemie 2009 bislang verschont. Doch nun hat es auch sie getroffen, und es könnte gefährlich für die Indigenas werden.
Wie Fernando Perez von der peruanischen Gesundheitsbehörde in Cusco mitteilte, haben sich sieben Ureinwohner der Gruppe Matsigenka mit dem neuartigen Grippevirus angesteckt. Sie seien aber bereits auf dem Wege der Genesung. "Uns ist kein weiterer Ansteckungsfall in der Gemeinschaft bekannt", fügte Perez hinzu. Die Gesundheitsbehörden überwachen die indigenen Gemeinden im Amazonasgebiet nach eigenen Angaben engmaschig. So seien auch die Fälle der Matsigenka bekannt geworden.
Die Matsigenka haben regen Kontakt zur weißen und mestizischen Bevölkerung und reisen regelmäßig in die nahe gelegenen Städte. In Peru, wo knapp 29 Millionen Menschen leben, starben bislang nach offiziellen Angaben 45 an der Schweinegrippe, 5743 Infektionen wurden registriert.
Der Anthropologe und Matsigenka-Spezialist Glenn Shepard vom College of William & Mary im US-Bundesstaat Virginia bezeichnete das Auftauchen der Amerikagrippe unter den Matsigenka als "besonders besorgniserregend, da sie in engem Kontakt zu anderen unkontaktierten Indigenen stehen". Die Nicht-Regierungsorganisation Survival International warnte vor einer verheerenden Ansteckungswelle unter indigenen Völkern, da diese keine Immunität gegen eingeschleppte Krankheiten besäßen, in Armut lebten und insgesamt eine starke Anfälligkeit für chronische Krankheiten aufwiesen, wie Diabetes und Herzkrankheiten.
Wie die Organisation berichtet, seien in Australien vermehrt Aborigines an der Schweinegrippe gestorben. In Kanada weisen First-Nation-Gemeinschaften in Manitoba eine Ansteckungsrate von 130 Menschen unter 100.000 auf, im Gegensatz zu 24 Fällen auf 100.000 Personen der übrigen Bevölkerung.
Die Epidemie brachte die Defizite der Gesundheitsfürsorge in Lateinamerika ans Tageslicht, wo Millionen von Menschen unter unhygienischen Bedingungen leben und keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben.
Im Schatten der Schweinegrippe stehen noch viel gefährlichere Krankheiten wie Dengue, Chagas, Gelbfieber und Malaria. Sie werden durch Insekten übertragen, die ihren Lebensraum im Zuge des Klimawandels stetig erweitern. So galt das von einer Stechmücke übertragene Dengue-Fieber früher als Tropenkrankheit, inzwischen gibt es auch Fälle in Regionen wie der argentinische Hauptstadt Buenos Aires, wo eher mediterranes Klima herrscht, oder der Wüste Mexikos, wo die Nächte klirrend kalt sind.
Gelbfieber galt im Süden Lateinamerikas als ausgerottet – bis 2008 eine Epidemie Paraguay, Argentinien und Brasilien erschütterte. Weder gegen Dengue noch gegen Chagas oder Malaria gibt es bislang einen wirksamen Impfstoff, der in den betroffenen Ländern großflächig eingesetzt werden könnte.
- Datum 17.08.2009 - 16:00 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, dal
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