Bundestagswahl

Wahlkampf der Nichtigkeiten

Eine Dienstwagenaffäre, ein industriepolitisches Konzept, an dem keiner schuld sein will und ziemlich viel Gepöbel: Die Wähler haben einen besseren Wahlkampf verdient. Ein Kommentar.

Es ist genau eine Woche her, da hatte sich der Spitzenkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, vor der Bundespressekonferenz in Berlin eingefunden, um der versammelten Hauptstadtpresse zu erklären, wie er seinen Wahlkampf zu führen gedenke.

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Die Menschen, dozierte Steinmeier dort, hätten in diesem Jahr höhere Erwartungen an die Politik. Angesichts des schwersten Wirtschaftseinbruchs der Nachkriegsgeschichte sei eine "Casting-Show" fehl am Platz. Stattdessen versprach er einen anspruchsvollen "Wahlkampf um ehrgeizige Ziele".

Im Prinzip sieht das auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht anders. Bereits vor Monaten warnte sie auf Parteiveranstaltungen davor zu glauben, man könne in diesem Wahlkampf auf die üblichen Muster zurückgreifen. Die Menschen erwarteten diesmal mehr.

Wer sich – diese Worte im Hinterkopf – allerdings die aktuellen Debatten ansieht, kann sich nur verwundert die Augen reiben.

Statt auf die Gesundheitspolitik stürzen sich Union und FDP beispielsweise auf die sogenannte Dienstwagenaffäre, und das sogar schon in zweiter Auflage. Weil Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bei ihrem diesjährigen Sommertrip nach Spanien kein Fehlverhalten nachzuweisen war, werden nun eben die Fahrten der vergangenen Jahre unter die Lupe genommen. Ob am Ende aller Untersuchungen etwas Handfestes herauskommen wird, ist dabei durchaus zweitrangig.

Auf diese Weise bleibt die Ministerin Thema und nicht etwa ihre Politik. Der SPD-Kanzlerkandidat muss sich dafür rechtfertigen, Schmidt doch noch in sein Kompetenzteam aufgenommen zu haben, anstatt über politische Konzepte zu reden.

Die SPD wiederum hat zwar mit ihrem Deutschland-Plan ein ernsthaftes Wahlkampf-Angebot vorgelegt, doch weil darüber schon längst nicht mehr geredet wird, verlegt sich Franz Müntefering mittlerweile aufs Pöbeln. "Die Arbeitslosen sind Merkel egal", poltert der SPD-Chef und offenbart damit vor allem, wie groß die Verzweiflung der Sozialdemokraten inzwischen ist. Denn dass Merkel die Menschen ohne Job gleichgültig sind, dürfte nicht einmal er selbst glauben. 

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Leser-Kommentare

    • 18.08.2009 um 16:31 Uhr
    • jwenz

    Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken!
    Schlechtes, selbstverliebtes, überhebliches Politikervolk zeigt dem Volk endlich sein wahres Gesicht. Wenn das abgestraft wird kann ein Neuanfang ohne Selbstbedienung, Privilegien, unverdienten Pensionen mit einer neuen Richtung stattfinden. Mit Zustimmung der Bürger, egal was sie wählen. Sie werden wieder wählen gehen, da es eine Auftragsvergabe an, ein Arbeitsvertrag für die Gewählten für 4 Jahre ist, mit Anspruch auf Gleichheit, Erfolg und Ehrlichkeit. Wer das nicht möchte, muß sich nicht zur Wahl stellen. Urlaub, Transport, Pension auf Kosten der Allgemeinheit - das und vieles andere muß beendet werden. Radikal und sofort.

  1. Auch wenn es nicht direkt danach aussieht: Die Demokratie ist am Ende. EU-Europa kommt und damit das unaussprechlich totalitäre undemokratische Lissabonvertragsmachwerk. Die Politiker im Land, die ihre Verantwortung eh schon nach Brüssel abgegeben haben, tun so, als ob sie noch Machtbefugnisse hätten und inszenieren einen Kampfabtausch, der so gnadenlos lächerlich ist, dass einem schier die Penne mit Hackfleischsoße wieder hoch will.
    Politiker trachten nach guter Stellung und zelebrieren dabei ein Scheinmachtsgedöns mit Oberweite, Affären und noch niederen Agrumenten, dass es nur so eine schallende Ohrfeige für den Intellekt des politikinteressierten Bürgers ist.
    Es wird kaschiert, verheimlicht, ausgenutzt, denunziert und gelogen. Die Wahl ist eigentlich schon gelaufen, nur das dumme unmündige Wahlvieh muss noch zur Urne getrieben werden und den verquirlten Mist nur noch legitimieren. Wir haben nicht wirklich eine Wahl. Es sind alles Systemparteien, dabei muss das globalisierte Kapitalismus-System radikal auf den Prüfstand oder vollständig abgeschafft werden, auf dass der Humanismus wieder einziehen kann.

    Einfach nur widerlich dieses Scheingefechtswahlkampf!

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    Noch in die Richtige Richtung:
    Auch wenn es nicht direkt danach aussieht: Die Demokratie ist am Ende. EU-Europa kommt und damit das unaussprechlich totalitäre undemokratische Lissabonvertragsmachwerk.

    Richtig brutal falsch:
    Die Politiker im Land, die ihre Verantwortung eh schon nach Brüssel abgegeben haben, tun so, als ob sie noch Machtbefugnisse hätten...

    Warum ?
    Es sind gerade die europäischen Regierungen, also die Exekutive, die in Brüssel das Sagen haben. Wer sollen den die "in Brüssel" sein ?
    Das sind die Statthalter der Exekutiven und Brüssel ist ihr Mittel um jeweils ihre lästigen Parlamente und Verfassungen zu umgehen.

    Wenn sie den Trick mit dem allmächtigen Brüssel schlucken haben sie schon halb verloren.

    Es ödet einen an.
    Pseudodemokratie, Pseudowahlen, Pseudopolitiker.

  2. Glaube nicht, daß sich da noch groß was ändern wird. Die Politik mit ihren undurchschaubaren Strukturen zieht sich ihren Nachwuchs doch selbst heran. Jeder, der in der Politik etwas erreichen will, muß doch erstmal Jahre, Jahrzehnte lang in diesen Sumpf. Wo sollen da denn Strukturen wachsen, die mit der jetzigen Politik aufräumen könnte? Selbst die Grünen haben solange gebraucht, um oben anzukommen, daß sie inzwischen munter auf gleichem Niveau mitspielen. Da hab ich auch für andere potentielle Newcomer, wie die Piraten, kaum Hoffnung.

    Die Politik hats sich bequem gemacht, der Wähler ist der einzige Faktor, der alle 4 Jahre mal stört. Da brauchts auch keine grossen Zeitungsartikel mehr, um diese Feststellung zu machen. Das Konzepte in der Schublade verheimlicht, ja sogar bestritten werden, die Implikationen dieser Aussage braucht glaube ich niemandem mehr erklärt werden.

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    Wo sollen da denn Strukturen wachsen, die mit der jetzigen Politik aufräumen könnte?

    Zum Beispiel dadurch:

    Kumulieren

    Ersetzt natürlich Interesse, Bemühen und Intelligenz des Wählers nicht.

    Und das hier könnte dem Konformitätszwang entgegenwirken:
    der liebe Fraktionszwang

    Selbst wenn sie wollten könnte keiner der Parteien von der Linken bis zur CSU daran etwas ändern.
    Der erste Versuch das Kartell zu durchbrechen, die Grünen, sind daran gescheitert, dass sie sich haben korrumpieren lassen, die finanzielle Absicherung ihrer Klientel, die Schaffung eigener staatlicher Biotope (Umweltverbände etc.), war Ihnen wichtiger. Das kann man durchaus verstehen, passt aber kaum zu einer Partei, die diese Abhängigkeiten bei den anderen vorher so vehement kritisiert hat.

    Der Fehler lag bei ihnen, wie bei den anderen in der Arroganz, dass sie selbst ja die Guten und die anderen die Bösen wären. Dass Macht auch ohne bewusstem Willen dazu korrumpiert, dass Mitleid und Helfen wollen ebenso zu Abhängigkeiten führen, blieb in der eigenen Arroganz verborgen.

    Bleibt die Frage ob neue Strömungen, wie z.B. die Piraten hier was ändern können.
    Grundsätzlich ist das schon möglich, weil diese neuen Strömungen zunächst nicht an den Pfründen partizipieren, also keine eigene Klientel finanziell, sei es durch Subvention oder Arbeitsplätzen, verpflichtet ist.

    Deshalb empfehle ich jedem der es hören will, wählt prinzipiell Parteien, die nicht im Bundes- oder Landtag vertreten sind. Fangen Sie anschließend an, selbst Strukturen wie die etablierten aufzubauen, kann man sich bei der nächsten Wahl der nächsten Kleinpartei zuwenden. Irgendwann werden sie es dann schon lernen bzw. die positive Filterung beginnt zu wirken.
    Zusätzlich glaube ich, dass es finanziell gar nicht mehr möglich ist, eine oder zwei weitere Parteien auf die selbe Weise in das System einzubinden, damit würde bei einem Einzug solcher Parteien in den Bundestag das bisherige Tischtuch ganz schön knapp. Womit der Einfluss der Lobbyisten dramatisch abnehmen würde, da sie immer weniger attraktiv für die Parlamentarier würden, hinsichtlich der eigenen langfristigen Existenz- und Machtsicherung.

    H.

  3. Wir müssen wieder mal die Kapitalismuskritik starten. Diese Rambomania der Bänker und Manager muss doch einmal deutlich gebrandmarkt werden und das Wesen der sozialen Marktwirtschaft wieder betont werden. Das Gefasel von der "geistig moralischen Wende" zusammen mit dem ungezügelten Kapitalismus nach dem Kollaps der großen, sozialistischen System hat zu zügelloser Gier geführt, die letzlich dann zur Krise führte.

    Ein wirkliches Thema; hier könnten die SPDler doch mal richtig nachhaken, sich von Schröder distanzieren und einen echten Kampf starten.

    So sieht es ja nach einer Fortsetzung der großen Koalition aus, ohne Aussicht auf ein sozialeres Umfeld. Schade eigentlich.

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    Das Problem sind doch weniger kapitalistische Rambos, die man eh nicht ausrotten kann, als mangelnde Kontrollstrukturen in der Politik.

    Macht und Geldgier sind zwei Antriebe, die immer vorhanden sind, die auch wegen des ihnen innewohnenden Ehrgeizes es immer bis in die Führungsetagen schaffen, weil im Zweifel der Skrupellose immer einen Vorteil gegenüber den Ehrlichen hat oder denjenigen, denen auch andere Ziele nicht fremd sind.

    Ein gutes System negiert nicht diese menschliche Schwäche, sondern kontrolliert sie bzw. macht sie sich zu nutze.
    Deshalb ist Kapitalismuskritik als Systemkritik für mich der falsche Ansatz.
    Vor allem da alle bisherigen Alternativen die selben Schwächen aufzeigten, ohne auch nur ansatzweise vergleichbaren Wohlstand zu erreichen.

    Es kann also nur darum gehen wirksame Kontrolle zu schaffen, wobei uns bewusst sein muss, dass es absolute Sicherheit vor Ursurpation niemals geben wird.
    Deshalb muss die wichtigste Frage sein, warum der Staat als Kontrollorgan vollständig versagt hat, warum er sich sogar als einer der wichtigsten Akteure in diesem Spiel betätigt hat und aus Eigeninteresse sogar die Spielwiese erst geschaffen hat, die den Gierigen erst ihre Aktionen erlaubte.
    Wie staatliche Organe besser kontrolliert werden können, damit sie selbst besser kontrollieren, das muss die zentrale Frage sein. Dabei sollten alle Möglichkeiten die zu einer Selbstkontrolle, etwa durch den Markt, durch Spielregeln, der Vorzug gegeben werden, denn diese Form der Kontrolle bleibt unbestechlich (funktionieren müssen sie ja trotzdem), im Gegensatz zu direkter staatlicher Einflussnahme, die uns den Kollaps erst beschert hat, weil es die falsche war.

    H.

  4. ..wir haben in vielen Belangen auch bessere Politiker verdient... und die immer noch wachsende und unkritisch wahrgenommene selbstverständlichkeit der Hinterzimmerdemokratie sollte auch mal einer intensiven Revision unterzogen werden...

    Wer möchte mithelfen?

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  5. Ganz am Ende des Artikels steht:
    Noch haben die Parteien 40 Tage Zeit, um zu beweisen, dass sie wählbar sind.

    Da müssen sich die Parteien aber gewaltig ins Zeug legen, denn die haben seit 1430 Tagen bewiesen, das sie eigentlich unwählbar sind!

  6. Der Wahlkampf zeigt doch genau das, was der Bundeswahlleiter an der PARTEI gerügt hat: Offensichtlich mangelt es den Politikern der etablierten Parteien am gebotenen Ernst. Zu ihrem Glück dürfen sie auch ohne den antreten, denn wer schon mit mindestens 3 Abgeordneten im Bundestag vertreten ist, braucht weder Unterschriftenlisten noch jenen Ernst.

    Gut, durch Müntes Aussage, man könne eine Partei nicht an ihren Wahlversprechungen messen ist der Wahlkampf eh komplett entwertet. Die CDU fährt mal wieder auf der Pseudo-Ehrlich-Schiene ("Wir haben nichts versprochen, und werden das auch halten"), die SPD verspricht gleich Dinge für die überübernächste Legislaturperiode (Vollbeschäftigung 2020) und schreibt ansonsten das Wahlprogramm von Grüne und die Linke ab (was aber völlig unglaubwürdig ist, insbesondere bei den Linken-Punkten), und die FDP ist ja schon seit 2002 Spaßpartei.

    Und Frau Merkels Strategie ist sowieso: Ja nichts tun, was den Vorsprung dahinschmelzen lassen könnte. Das ist ihr Trauma von der letzten Wahl, und auch das Stoiber-Trauma. Das wird sie nicht nochmal machen.

    Kein Wunder, dass bei dieser Situation jede Online-Umfrage mindestens 80% für die Piraten ergibt. Das ist derzeit die einzige Gruppe, die hochmotiviert ist und etwas bewegen will. Das könnte dann Merkels Trauma Nummer 3 werden: "Todsicheres" KiPo-Thema vor dem Wahlkampf killt den schwarz-gelben Traum, hinter dem auch kein Enthusiasmus mehr zu stecken scheint. Und das fiese dabei: Das ist genau die Generation, die nur lückenhaft demoskopiert werden kann, und sowieso als "Nichtwähler" gilt.

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    "Todsicheres" KiPo-Thema vor dem Wahlkampf killt den schwarz-gelben Traum, hinter dem auch kein Enthusiasmus mehr zu stecken scheint.

    Das setzt aber voraus, dass die PP-Sympathisanten bisher CDU oder FDP gewählt haben. Wenn sie Nichtwähler waren, halbiert sich ihr Effekt. Die Mobilisierung ist online so schnell uns massiv, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sich die Wählerschaft der PP seit der europawahl vergrößert hat. Wer die Wahl ernst nimmt, wählt die PP nicht.

    Natürlich könnte man einwenden, dass dieser hochnotpeinliche "Wahlkampf" dazu führt, dass mehr Leute die Wahl nicht erst nehmen...

  7. "Bereits vor Monaten warnte sie auf Parteiveranstaltungen davor zu glauben, man könne in diesem Wahlkampf auf die üblichen Muster zurückgreifen. Die Menschen erwarteten diesmal mehr."
    Genau das macht sie aber. Die Sprüche die sie los lässt hören sich schon seit vielen Jahren gleich an, als hätte sich die Welt nicht verändert. Jeden Satz den sie loslässt hebt sich von selbst wieder auf. Also nichts sagende Sätze ,denn darin ist sie Meisterin. Was sagen aber auch nichts sagen!

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  • Von Katharina Schuler
  • Datum 22.8.2009 - 11:10 Uhr
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  • Serie opi
  • Quelle ZEIT ONLINE
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