Online lernen: Hochschule für alle
"Wikiversity" soll eine Universität für jeden Internet-Nutzer sein. Einige Professoren machen begeistert mit – andere sind entsetzt
Bis zu fünf Mal täglich geht Jan-Luca, 14, in die Universität – allerdings in eine virtuelle: Der hessische Gymnasiast belegt derzeit den Kurs Urheberrecht in der Wikiversity, einem Projekt des Vereins Wikimedia, der auch das Wissensportal Wikipedia betreut. Wikiversity will eine Hochschule für Internetnutzer sein, an der jeder als Dozent oder Student in jedem Fach teilnehmen darf. Jan-Luca ist zugleich Administrator und Mentor in der Online-Hochschule: Er hilft neuen Nutzern, sich in der Wikiversity zurechtzufinden, oder prüft, ob eingestellte Inhalte unbedenklich sind. "Viele Kurse sind sehr komplex und eher für Studenten gedacht, deshalb mache ich vermehrt Gemeinschaftsarbeit", sagt der Schüler.
Seit das Portal Wikiversity im August 2006 gestartet ist, haben die Nutzerzahlen stetig zugenommen: Derzeit sind rund 5700 User registriert. Im Vergleich zu den 20 000 Wikipedia-Autoren sei das Portal damit "natürlich nur die kleine Schwester" der Enzyklopädie, sagt Catrin Schoneville, Sprecherin der Wikimedia. "Das Projekt ist noch in der Pilotphase." Etwa 70 Kurse haben Nutzer bislang eingestellt – in Meeresbiologie, Algebra oder Webdesign. Wer teilnehmen will, trägt sich online in eine Liste ein. Gemeinsam erarbeiten die Nutzer dann Wikiseiten oder Literaturlisten. Sie verständigen sich über Chats und verteilen sogar Referate. In einer "Cafeteria", die man über die Startseite betritt, können alle Fragen stellen, etwa um Zitationsregeln oder Urheberrechte zu klären. Fachbereiche und einzelne Institute wurden gegründet. Einige User haben sich selbst zu Dekanen oder Projektleitern ernannt. Nur Leistungsscheine und Urkunden werden nicht verteilt.
Viele Nutzer kommen aus pädagogischen Berufen: Lehrer bearbeiten Projektseiten mit ihren Schülern, Professoren machen ihre Kurse außerhalb der Präsenzlehre zugänglich. Er nutze das Portal, um dort seinen Schülern Material zur Verfügung zu stellen, sagt Michael Reschke, Deutsch- und Geschichtslehrer in Neuss. Gleichzeitig sollen die Jugendlichen den Umgang mit wikibasierten Medien und Onlinequellen lernen. "Wiki" bedeutet, dass Webseiten gemeinschaftlich erstellt werden. Jeder kann als Autor mitarbeiten oder Einträge verfassen.
"In heißen Phasen arbeite ich bis zu zwei Stunden täglich an Portalseiten", sagt Reschke. Seine Motivation: "Die Inhalte sind, wenn die Kurse ausgelaufen sind, weiterhin für alle Nutzer verfügbar." Holger Brenner, Mathematikprofessor an der Uni Osnabrück, gehört mit seinen Algebrakursen zu den aktivsten Dozenten der Plattform: Neben den eingestellten Lernseiten beantwortet er online Fragen seiner Studierenden. Dort einen Kurs anzubieten sei "sehr zeitaufwendig"; er schaue jeden Tag ins Portal. Als Zielgruppe sieht er aber auch andere Dozenten. Es sei "eine Zeitverschwendung, wenn an 80 Unis jeder Professor regelmäßig neue Arbeitsblätter schreibt". Ihm schwebe ein Modell vor, bei dem Hochschullehrer ihre Lernmaterialien unter freier Lizenz verfügbar machen und tauschen. Bislang stoße er aber auf "abwartende Reaktionen". Dass vorrangig pädagogische Berufe Wikiversity nutzen, wundert ihn nicht: "Jemand, der außerhalb des Internets nie in der Lage wäre zu lehren, ist es auch online nicht." Die "Substanz" und "dauernde Motivation" fehle dann. "Oft steht am Anfang eine große Idee – und dann schlafen die Kurse ein."







... nachdem Hochschule, gerade im technischen Bereich, ja oft nicht mal mehr minimalen didaktischen Anforderungen entspricht und die Vorlesungen nicht selten zu gelangweilten Monologen verkommen. Und wo gleichzeitig ständig vom "Lernen lernen" und "Selbststudium" gefaselt wird, während man für eine Frage eine halbe Stunde vor der Tür des Professors warten muss, da hat eine Wikiversity es nicht schwer sich durchzusetzen.
Oder wie sagte das die gute Debora Weber-Wullf:
"Jeder kann behaupten, etwas von Informatik zu verstehen und lehren zu wollen", sagt die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Das führe aber zu "teilweise armseligen Ergebnissen".
Denn leider trifft das in den normalen Hochschulen auch oft zu. Ich hab da Sachen erlebt, da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Keine Ahnung wie das manche Hochschulen machen und genau die rausfiltern, die die Treppe im Elfenbeinturm bereits am Weitesten hochgeklettert sind und jeglichen Bezug zur Realität verloren haben. Schön für Elfenbeinturmanwärter, schlecht für die 99% der Studenten die in die Wirtschaft wollen/müssen.
nach dem Sinn, bzw. unter den vollständig Blinden ist ein farbenblinder Einäugiger König. Das Niveau dieser Kurse ist ja unterirdischst und erreicht ja meiner Meinung nach noch nicht einmal absolutes Anfängerniveau. Wer sich für ein Thema interessiert, der ist mit Sicherheit bei jeder beliebigen Einführung (egal ob Buch, Kurs (Uni/VHS)) deutlich besser aufgehoben. Und selbst wenn die momentane Lage an den Universitäten mehr als traurig ist - gegenüber der Wikiversity ist besteht immer noch ein himmelweiter Unterschied. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich stehe sog. "Neue Medien" sehr aufgeschlossen gegenüber und bin auch der Meinung, dass deren Einsatz auch im Bereich (Aus)Bildung und Forschung sehr sinnvoll ist, aber wenn Wikiversity (und eine Egomanen- und Werbeplattform wie Wikipedia) die Zukunft sein soll und sich gleichzeitig die "traditionellen" Universitäten immer mehr diesem Niveau angleichen, dann steht das nächste Dark Age bald vor der Tür.
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