Wochenlang haben Gesundheitsministerin und Krankenkassen darüber gestritten, wer die Impfaktion gegen die so genannte Schweinegrippe tragen soll. Am Donnerstag einigten sich beide Seiten auf einen klassischen Kompromiss: Halbe-Halbe. 50 Prozent sollen die Krankenkassen bezahlen, die andere Hälfte wird aus Steuermitteln getragen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte zuvor verlangt, dass die Kassen die Kosten vollständig übernehmen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hatte für diesen Fall mit Beitragserhöhungen gedroht. Die Gesamtkosten werden auf 0,7 bis eine Milliarde Euro geschätzt. Die Länder kritisierten die Einigung als Alleingang des Bundes.

GKV-Chef Klaus-Dieter Voß rechnet mit Kosten von etwa 30 Euro pro Patient. Wie viele Impfdosen benötigt werden, hängt davon ab, wie viele Menschen sich gegen das  H1N1/09-Virus schützen wollen. In einer ersten Impfwelle sollen zunächst die sogenannten Risikogruppen geimpft werden, also etwa ein Drittel der Bevölkerung.

Ulla Schmidt bekräftigte noch einmal, dass jeder, der sich impfen lassen will, auch eine Impfung bekommen soll. Schmidt forderte die Länder auf, sich schnell mit den Krankenkassen auf Impfvereinbarungen zu einigen, um den Ablauf der Immunisierung zu klären. Am kommenden Mittwoch soll das Bundeskabinett die Rechtsverordnung für die Amerikagrippeimpfung beschließen.

Das Robert-Koch-Institut meldete am Donnerstag 11.103 H1N1/09-Fälle in Deutschland, das sind rund 500 mehr als am Vortag. Sie verlaufen nach wie vor mild. Diese milden Verläufe sind es, die in Deutschland eine heftige Impfdebatte ausgelöst haben. Impfkritiker sprechen von einem "Menschenversuch".

Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg, kann die Aufregung nicht nachvollziehen: "Um die Pandemie zu besiegen, brauchen wir die Massenimpfung." Sonst bleibe das Virus über Jahrzehnte aktiv. Er verwies auf das Virus der Spanischen Grippe von 1918, das bis in die 40er Jahre hinein umging, oder das der Hongkong-Grippe, der letzten großen Pandemie von 1968. Das sei bis heute nachweisbar.

Kekulé sagt aber auch, dass der Amerikagrippe-Impfstoff sich von dem der saisonalen Grippe dadurch unterscheide, dass er eine Verstärkersubstanz enthalte. Diese Substanz könne zu Schmerzen an der Einstichstelle führen. "Das muss man Eltern sagen, wenn zu einem späteren Zeitpunkt auch Kinder geimpft werden sollen", sagt Kekulé. Schwangeren rät Kekulé auf jeden Fall zur Impfung. Allerdings nicht in der ersten Woche, sondern etwa zwei Wochen nach Beginn der Impfkampagne. Denn sehr seltene Nebenwirkungen ließen sich immer erst im Verlauf der Impfkampagne erkennen.

Doch nach gut zwei Wochen lägen bereits mehrere Millionen Erfahrungen mit dem Impfstoff vor. "Wenn bis dahin nichts bekannt geworden ist, ist da auch nichts", meint er. Erkennbar sei aber, dass die Amerikagrippe für Schwangere riskant sei. Dass schon Schwangere daran gestorben seien, könne aber auch daran gelegen haben, dass ihnen in den Kliniken antivirale Medikamente, wie etwa Tamiflu, vorenthalten wurden. Bei Schwangeren wollen Ärzte kein Risiko eingehen. Impfungen seien in diesem Fall das kleinere Risiko.