Im Mittel sterben Männer fünf bis sechs Jahre früher als Frauen

Fünf bis sechs Jahre, das ist eine ganze Menge Zeit. Ein Kind kann in ihr so weit heranwachsen, dass es schulreif wird, man kann in dieser Frist ein Studium absolvieren, und Beziehungen, die so lange halten, gelten heute als fest. Fünf bis sechs Jahre, so viel länger als Männer leben Frauen in Deutschland im Schnitt. Beträgt die mittlere Lebenserwartung der einen nur 76, so haben die anderen mit 82 Lebensjahren zu rechnen. Schon lange suchen Mediziner und Demografen nach der Ursache für dieses Phänomen, das als "gender gap" (zu Deutsch in etwa Geschlechterlücke) bekannt ist. Aber statt eines Grundes finden sie viele.

Männer sind biologisch benachteiligt

Die ungleichen Überlebenschancen zeigen sich schon vor der Geburt: Fehlgeburten kommen wesentlich häufiger bei männlichen Föten vor, männliche Frühgeborene haben deutlich schlechtere Überlebenschancen. Auf der Suche nach den genetischen Gründen stößt man zuerst auf die unterschiedliche Ausstattung mit Geschlechtschromosomen, XX bei der Frau, XY beim Mann. Notfalls reicht zum Leben auch die Ausstattung mit nur einem X, während das Y seinen Träger zwar zum Mann macht, er ohne X-Chromosom jedoch nicht leben kann.

Denn das steuert lebenswichtige Vorgänge. Bei bestimmten genetischen Erkrankungen (zum Beispiel der Bluterkrankheit), möglicherweise aber auch im Alter ist es für Frauen ein Vorteil, noch ein zweites X-Chromosom in petto zu haben. Diskutiert wird auch die These, dass Frauen länger leben, weil sie über mehr körpereigene Radikalenfänger verfügen, die Zellschädigungen verhindern. Wichtige Erbinformationen dafür liegen auf dem X-Chromosom.

Auf keinen Fall kommt man auf der Suche nach biologischen Unterschieden an der hormonellen Ausstattung der Geschlechter vorbei. So sorgt etwa das weibliche Geschlechtshormon Östrogen bei Frauen vor den Wechseljahren für ein besseres Verhältnis des "guten" HDL-Cholesterins zum "bösen", gefäßschädigenden LDL-Cholesterin. Herzinfarkte treffen Frauen im Schnitt zehn bis 15 Jahre später als Männer. Selbst wenn sie deutlich zu viele Pfunde mit sich herumtragen, verteilen sich die bei Frauen eher an Oberschenkeln und Po. Als "Birnentyp" sind sie dann weniger durch Diabetes und koronare Herzkrankheit gefährdet als der "Apfeltyp", der Fett im Bauchraum speichert.

Immer wieder wird überlegt, ob auch die Menstruation dazu beiträgt, den Frauen ein längeres Leben zu schenken. Tatsächlich haben Männer im Schnitt mehr Eisen und mehr rote Blutkörperchen im Blut. Bei Verletzungen bringt das Vorteile, die für unsere jagenden Vorfahren wichtig gewesen sein könnten. Allerdings können sich bei zähflüssigerem Blut leichter Gefäßverschlüsse bilden. "Die hormonellen Unterschiede sind aber weit höher zu bewerten", sagt der Urologe und Männergesundheitsforscher Theodor Klotz, der schon 1998 ein Buch mit dem dramatischen Titel "Der frühe Tod des starken Geschlechts" verfasste.

Ein weiterer möglicher Faktor ist das Immunsystem. In den Entwicklungsländern, in denen Infektionskrankheiten als Todesursache noch eine bedeutsame Rolle spielen, sterben viermal so viele männliche Nachkommen an Parasiten und Infektionen. Inzwischen wurde nachgewiesen, dass Frauen über eine größere Anzahl von T-Abwehrzellen verfügen, eine Art Gesundheitspolizei des körpereigenen Abwehrsystems. Aus evolutionsbiologischer Sicht brauchen die Frauen das robustere Immunsystem auch, um das Überleben der Nachkommen zu sichern.