In dem Befehl des Stabschefs der US Army Air Force sind es nur harmlose Worte: "Maximum results" sollten die "pumpkins" bringen. Doch diese Kürbisse, wie sie die amerikanischen Generale nannten, waren Atombomben, und die maximalen Ergebnisse bedeuteten zigtausendfachen Tod von Zivilisten.

Die Enola Gay , das amerikanische Flugzeug, das am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima abwarf, tat dies, wie ein japanischer Historiker und Journalist jetzt belegen kann, offenbar in einer Art und Weise, die die "Ergebnisse" tatsächlich "maximierte": Kommandant Paul Tibbets flog ein Tarnmanöver über Hiroshima und warf die Bombe erst im zweiten Anflug. Was zunächst als Petitesse der Kriegsgeschichte erscheint, ist für Hiroshi Hasegawa der Beleg für die wahren Absichten hinter dem ersten Atombombeneinsatz der Kriegsgeschichte.

Wie er in einem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift Aera schreibt, hat Hasegawa schriftliche Berichte von militärischen Beobachtern am Boden ausgewertet und mit Überlebenden gesprochen, die bestätigen: Der B-29-Bomber flog Hiroshima nicht, wie in seiner offiziellen "Field Order" angegeben, direkt an. Die nach der Mutter des Kommandanten benannte Enola Gay umkreiste Hiroshima stattdessen zunächst einige Male, woraufhin in der Stadt Alarm ausgelöst wurde. Dann flog sie weiter nach Osten und kreiste über Harimanada, nahe der Stadt Okayama.

Erst danach flog sie über das japanische Binnenmeer zurück nach Hiroshima, um gegen 8.15 Uhr die Bombe mit dem zynischen Spitznamen Little Boy abzuwerfen. Dieses Tarnmanöver habe dafür gesorgt, meint Hasegawa, dass die Menschen in Hiroshima nicht in den Schutzräumen saßen, sondern völlig überrascht wurden. Das habe die Zahl der Opfer in Hiroshima stark erhöht – etwa 70.000 Menschen starben sofort, mindestens ebenso viele in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren an den Folgen der nuklearen Strahlung.

Hasegawa glaubt, dass Tibbets dieses Tarnmanöver nicht eigenmächtig oder spontan flog, sondern in vollem Einklang mit den Forderungen seiner Vorgesetzten handelte: Die damalige US-Militärführung und auch Präsident Harry Truman hätten den Atombombenabwurf wie ein "Experiment" durchgeführt, behauptet Hasegawa, und dazu gehörte der Überraschungseffekt zur Erhöhung der Opferzahlen.

Im Befehl des Generals Lauris Norstad, Chef des Planungsstabes der US Army Air Force vom 29. Mai 1945, den Hasegawa im Archiv der US-Luftwaffe fand und der bis jetzt unbekannt war, ist tatsächlich von der "experimental nature of the project" die Rede. Und daher, so Norstad weiter, sei das Ziel: "to get the maximum results and obtain the maximum information for further development of the weapon".

Die Waffe, die so viel Zeit, Geld und Forschungsaufwand gekostet hatte, sollte also im echten Einsatz getestet werden, um sie weiterzuentwickeln. Für Hasegawas These sprechen auch die aufwendigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die die amerikanische Besatzungsmacht nach dem Krieg in Hiroshima und Nagasaki durchführte – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Den amerikanischen Forschern sei es dabei nicht um medizinische Hilfe für die Opfer gegangen, so Hasegawa, sondern um Erkenntnisse zur Wirkung der Explosion und der Strahlung.

Die damalige US-Regierung rechtfertigte den Einsatz mit militärischen Argumenten. Die Atombomben, so wurde im Nachhinein offiziös verbreitet, hätten Japans Kapitulation herbeigeführt und damit vielen US-Soldaten und auch Japanern das Leben gerettet, die sonst im Endkampf um Japan gestorben wären. Diese Sichtweise bestimmt bis heute das Geschichtsbild der meisten Amerikaner. Präsident George Bush senior sagte 1991, die Atombomben hätten "Millionen von Leben gerettet".

 

Der apologetischen amerikanischen Sicht stand in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in Japan eine Friedens- und Opferrhetorik gegenüber, die Japans eigene Kriegsschuld verschwieg. Mittlerweile wird von Historikern auch außerhalb Japans immer stärker bestritten, dass die Abwürfe völkerrechtlich, ethisch und politisch verantwortbar waren. Florian Coulmas, Leiter des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio, betont, dass es bei der Bewertung der Bomben nicht nur um Geschichte gehe, sondern "um Gegenwart, um Identität, Stolz und Legitimation politischen Handelns"

Als erster bekannter Historiker stellte Gar Alperovitz in den sechziger Jahren die militärische Begründung infrage. Schon vor dem Einsatz hat der US-Oberbefehlshaber im bereits besetzten Deutschland, Dwight D. Eisenhower , seine Abneigung gegen den Einsatz der neuen Bombe geäußert, wie er später schrieb: "Japan suchte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Weg zu kapitulieren – mit einem möglichst geringen Gesichtsverlust."

Die Frage nach der japanischen Kapitulationsbereitschaft ist unter Historikern umstritten. Dass zumindest ein Teil der japanischen Führung den Krieg seit dem Frühjahr 1945 über sowjetische Vermittlung beenden wollte, steht außer Zweifel. Die in der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli 1945 bekräftigte amerikanische Forderung nach bedingungsloser Kapitulation und die Unklarheit über die Zukunft des Tennos nach dem Krieg stärkten in Tokio aber immer wieder die Durchhalte-Fraktion.

In den Beratungen der militärischen und zivilen Führung mit dem Tenno kurz nach den Atombombenangriffen spielten diese eine geringere Rolle als die sowjetische Offensive gegen die Mandschurei, die am selben Tag wie der zweite Atombombenabwurf auf Nagasaki am 9. August stattfand. Am 14. August entschied sich der Tenno mit einem Machtwort für die Kapitulation.

Nicht nur japanische Historiker sehen die Atombombenangriffe mittlerweile als Kriegsverbrechen. Das wirkliche Ziel sei gewesen, so Alperovitz und Coulmas, die Sowjetunion vom weiteren Vorrücken in Fernost abzuschrecken und ihr die Überlegenheit der USA zu demonstrieren.

Dass dies eine Rolle gespielt habe, glaubt auch Hasegawa. Doch nach seinen neuen Erkenntnissen, so fordert er, müsse man eine weitere, noch wichtigere Motivation hinzufügen: der Atombomben-Einsatz als mörderisches "Experiment" an Hunderttausenden Menschen.

Dass der Einsatz der neuen Massenvernichtungswaffe den Verantwortlichen nur wenige Skrupel bereitete, hatte nach Hasegawas Ansicht auch mit dem durch Kriegspropaganda verstärkten anti-japanischen Rassismus zu tun. "Ich glaube nicht, dass sie die Atombombe auf Deutschland geworfen hätten", sagt Hasegawa.

Auf die "Dehumanisierung" der Japaner während des Krieges hat schon 1992 James Weingartner hingewiesen. Ihre fanatische Kampfesweise und ihr brutaler Umgang mit Gefangenen machten sie in den Augen der US-Soldaten zu Unmenschen. Amerikanische Soldaten schändeten vielfach die Leichen gefallener Japaner oder verwendeten abgeschlagene Köpfe als Trophäen. Diese Entmenschlichung machte offenbar auch vor dem Weißen Haus nicht halt. Präsident Truman nannte Japan Weingartner zufolge ein "beast", das als solches zu behandeln sei.