Work-Life-Balance Coach dich glücklich!
Wenn der Job zur Belastung wird, kann ein Coaching helfen. Oder nicht? Ein Besuch im Schnupperkurs
Es soll ein Testangebot sein. Coaching light für Anfängerinnen. Thema: Traum – Beruf – Leben. Am Ende sollen wir wissen, warum wir auf der Welt sind, und das auch noch in einem Satz ausdrücken können. Ein hohes Ziel und vielleicht auch ein bisschen viel für drei Stunden Gruppencoaching.
Wir, das sind 15 Frauen aus Medienberufen, und die Probleme sind die altbekannten: zu wenige Aufträge, zu schlechte Honorare, Probleme, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Bei vielen Teilnehmerinnen ist auch Neugierde die Triebfeder. Schließlich ist das Seminar kostenlos. Ein Schnupperkurs für intensivere Programme, die die Trainerin im Angebot hat.
Die Coach heißt Dagmar Terbeznik. Die Coach? Terbeznik stellt klar: "Es heißt die Coach. Nicht Coachin." Also: Die Coach trägt einen grauen Hosenanzug, kurze Haare und die Regeln vor: nicht schwätzen, keine Zwischenkommentare. Außerdem Diskretion wahren und nach der Pause pünktlich sein. Damit alle mit den Regeln einverstanden sind, müssen wir die Hand heben. Die Atmosphäre ist angespannt.
Zunächst kommt der Erklärteil: Wir sollen uns Flöhe in einem Glas vorstellen, mit einem Bierdeckel darauf. Die Flöhe springen. Aber nur bis knapp unter den Deckel. "Und was passiert, wenn man den Bierdeckel entfernt?“, fragt die Coach. Keine Ahnung. Sie erklärt: Die Flöhe würden weiter nur so hoch springen, als wäre das Glas noch geschlossen. Der Deckel sei Grenze, die uns zurückhalte, alles darüber unser Entwicklungspotenzial. "Jeder Mensch ist eine Pflanze", sagt Coach Dagmar. Manche Blüten haben sich entwickelt, andere nicht. Im Coaching soll es darum gehen, auch die geschlossenen Blüten zum Blühen zu bringen.
Man muss dafür an seiner Einstellung arbeiten. Coach Dagmar liefert ein Beispiel: "Stellt euch eine Journalistin vor, die viel arbeitet und schlecht bezahlt wird. Darüber ist sie unglücklich." Kopfnicken. "Sie hat die Einstellung, der Journalismus sei hart." Darum arbeite sie umso härter und zahle einen Preis dafür. Sie schiebt vielleicht die Familiengründung auf später. Aber, sagt Coach Dagmar und hebt den Zeigefinger, eigentlich wolle es die Journalistin so. "Vielleicht bemitleiden sie ihre Eltern und geben ihr somit Aufmerksamkeit. Vielleicht will sie lieber flexibel bleiben und ist ganz glücklich ohne Kinder." Die Einstellung wirke als Motor für das Verhalten. Wer unglücklich ist, müsse nur seine Einstellung analysieren und sie verstehen. Die Medienbranche könne man nun einmal nicht ändern.
War das schon alles? Unruhe breitet sich aus. "Gibt es Studien über die Wirksamkeit von Coaching?", fragt eine Teilnehmerin. 30 Augenpaare richten sich auf die Coach. Jetzt haben wir sie. Alles Humbug! "Es ist sehr schwierig, Coachingprozesse zu evaluieren", antwortet die Trainerin. "Aber die Leute würden nicht wiederkommen, wenn es ihnen nicht guttäte.“
Wir sollen jetzt auch etwas tun, was uns guttut. Coach Dagmar will, dass wir unsere größten Erfolge aufschreiben. Rascheln, Kritzeln, Knartzen. Jede Frau soll die Ergebnisse ihrer Sitznachbarin vortragen. Die darf nichts sagen, nur zuhören.
Die junge Frau neben mir blickt skeptisch. Ich soll anfangen, sagt sie. Also erzähle ich meine Erfolgsgeschichten und komme mir komisch vor. Mein Gegenüber schaut aber plötzlich nicht mehr ernst, sie lächelt. Als sie von ihren Erfolgen berichtet, lachen wir. Jetzt wird es lauter im Raum, entspannter. Allmählich taut die Coachinggruppe auf. Die eine hat an einem Buch mitgeschrieben, die andere zwei entzückende Kinder, die nächste an einem tollen Film mitgearbeitet und die Vierte ist mit sich selbst im Reinen. Wir stellen fest, dass wir alle eigentlich recht erfolgreich sind. Und lachen. Aber wir brauchen ja gar kein richtiges Coaching, wir wollen ja nur mal gucken.
Dann ist Pause. Es gibt Früchtetee und Kekse, die Frauen reden miteinander. Einige tauschen Visitenkarten aus.
"Es tut gut, wenn man anderen Menschen von seinen Erfolgen erzählt", erklärt Coach Terbeznik. Seit 2007 macht sie ihren Job. Zuvor hatte sie selbst ein Coaching. Sie sei sehr unglücklich in ihrem ersten Beruf als Kauffrau gewesen. Lange Zeit habe sie nicht gewusst, warum. Dann habe sie verstanden, was los war: "Es war einfach nichts für mich." Dass jemand nach dem Coaching kündige, sei aber die Ausnahme. Immerhin werden Coachs überwiegend von Unternehmen beauftragt.
Die meisten ihrer Klienten sind Frauen. "Generell werden mehr Männer als Frauen gecoacht, weil Coaching überwiegend im höheren Management eingesetzt wird", sagt die Trainerin.
Weiter geht es mit dem Praxisteil. Nun sollen wir Komplimente verteilen. Drei Stück an drei verschiedene Frauen. Ich wähle meine Sitznachbarin und sage ihr, dass ich sie sympathisch finde. Sie mich auch. Wie freundlich. Es ist ein bisschen albern, aber weil wir schon aufgewärmt sind, ist es nicht mehr ganz so peinlich. Ein wenig steif fühlt sich die Situation trotzdem an. "Halt, ich brauch noch eins!", ruft eine der anderen Teilnehmerinnen. "Du hast, ähm, schöne Schuhe!"

War in ihrem ersten Beruf als Kauffrau unglücklich, heute arbeitet sie als Coach: Dagmar Terbeznik
In der Pause hatte die Coach von einer Umarmungsübung erzählt, die sie in Gruppenseminaren manchmal mache. Jetzt haben einige von uns Angst, dass wir auch gleich kuscheln müssen. Zu viel Nähe. Aber der Körperkontakt bleibt uns erspart. Stattdessen werden wir nun herausfinden, warum wir auf dieser Welt sind. Die Übung heißt Missions-Kompass.
Dafür bekommen wir einen Fragebogen, auf dem wir eine berufliche und eine private Situation eintragen sollen, in der wir uns gut gefühlt haben. Die Kernfrage ist: Warum? Welche Fähigkeiten konnten wir in dieser Situation zeigen? Ich wähle eine Diskussion, in der ich mich gut geschlagen habe, und einen Abend mit Freunden. Dann muss ich an die Tafel – und allen die Situationen beschreiben. Coach Dagmar schreibt währenddessen die Wörter auf, die häufig in meiner Erzählung vorkommen. Engagement, Neugier, Freiheit. Aus den Begriffen möchte sie mir meinen Lebenssatz basteln.
"Meine Mission ist es ...", setzt sie an. Protest regt sich. Zu pathetisch. Die anderen Frauen überlegen mit. Lieber etwas Realistisches. "Wie wäre es mit: Ich werde …?", fragt Coach Dagmar. Ja, das ist gut. Nach einigem Hin und Her kommt der Satz recht leicht über die Lippen: "Ich werde mich neugierig für die Freiheit des Wortes und des Geistes engagieren." Na, warum nicht? Und wie das klingt!
Die Sätze der anderen sind auch nicht schlecht. "Ich werde mit Engagement Menschen zu ihrem Wohle informieren." Oder: "Mit Ruhe und Kraft werde ich die Geschichten von Menschen dauerhaft festhalten."
Zum Schluss versammeln wir uns im Kreis. Umarmen müssen wir uns zum Glück immer noch nicht, auch wenn einige das nun wohl weniger befremdlich fänden. Der Austausch mit den anderen hat gutgetan. Vielleicht, weil wir viel gelacht haben. Vielleicht, weil wir Kontakte geknüpft haben. Eine regt an, sich noch einmal zu treffen, um weiterzuarbeiten. "Wir könnten ein Erfolgsteam gründen!", schlägt sie vor. Als wir uns verabschieden, weist Dagmar Terbeznik auf ihre Angebote hin. Eine Teilnehmerin bucht gleich ein Wochenendseminar.
Gute PR, denke ich gehässig. Trotzdem muss ich einräumen, dass das Coaching etwas ausgelöst hat: Verdammt, fühle ich mich beschwingt! Aber das Gefühl ist nur von kurzer Dauer. Zurück in der Redaktion will mein Kollege wissen, wie der Selbstversuch war. Mein Lebenssatz geht in seinem Gelächter unter.
- Datum 04.09.2009 - 18:11 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ich kann nicht so recht glauben, dass Coaching langfristig etwas bewirken kann. Dafür muss der Betroffene fest daran glauben, an den Grundsätzen, die aufgestellt werden, unabbringbar festhalten und sich nicht nach der Meinung anderer darüber richten. Aber genau das Letztere wird schwierig. Menschen, die schon mit sich zufrieden sind, werden eher nicht zum Coaching gehen und wenn ja keine große Veränderung bemerken. Menschen, die unzufrieden mit sich sind, richten sich meistens nach anderen, um zu sich selbst zu finden... So führt das eine zum anderen und das Ganze zu nichts.
Ich habe Coaching nicht gemacht, weiß nichts von den Umständen, würde mir für die Betroffenen wünschen, dass es klappt, glaube aber bisher nicht daran. Doch eines kann man nicht leugnen: Wenn es Menschen dazu bringt, wenn auch nur für kurze Zeit, die guten Seiten an sich zu sehen, ist es zumindest nicht schlecht!
ohne Freunde, Kumpels oder ähnlichem, mit Arbeit als Lebensersatz und Füller für die vielen Momente zwischendrin, braucht es halt einen Coach.
Gut, die Leute verdienen mit ein paar einfachen Beispielen ihr Geld, aber sie werden nie die Einsamkeit der Individuen abschaffen können, die nur hören wollen, dass ihr Leben gut ist. ( Und damit auch die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz beantwortet kommen )
Selber nachdenken ist wohl out. Und sich selber ändern noch outer,
Ein Beruf dient dem Überleben in unserer Gesellschaft. Wer sich mehr davon erwartet, gibt sich Illusionen hin die früher oder später platzen werden.
Selbstvertrauen und Befriedigung sollte man sich im privaten Breich suchen (Hobbies, Freunde, Familie). Denn selbst wenn man auch von denen enttäuscht werden kann, ist alles was in diesem Bereich passiert dauerhafter als jegliche (Pseudo-)Selbstverwirklichung in einem Beruf. Wie lange wird man für beruflichen "Erfolg" gelobt? Wie lange hält eine gute Freundschaft?
Zudem sollte man sich an Managern ein Beispiel nehmen und das Verhältnis von Gehalt zu Arbeitsleistung entsprechend anpassen. In den meisten Fällen bedeutet das, alles ruhiger angehen, öfter mal Fünfe grade sein lassen, die Verantwortung einfach nicht übernehmen, usw.
Einfach selbst nachrechnen; ein billiger Manager 250.000€/Jahr netto bei maximal 365d x 24h = 8760h/Jahr, ergibt einen Stundenlohn von 28,53€ netto. Dabei ist nicht berücksichtigt das niemand so viel arbeiten kann, also wird der Stundenlohn entsprechend höher. Und dem soll jeder sein eigenes Gehalt gegenüberstellen... .
Diese ganzen Coaches sind für Firmen eine nette Gelegenheit ihren Mitarbeitern eine Gehirnwäsche zu verpassen und sie zu noch schneller arbeitenden Schafen zu machen. Schließlich muss irgendjemand das Geld erwirtschaften das Aktionären und Managern nachgeworfen wird ;)
Meine Erfahrung mit Coaching ist durchweg positiv. Oft sieht man selbst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und manchmal reicht schon ein kleiner Anstoss, um in eine andere Richtung weiterzugehen, die mehr mit einem selbst zu tun hat. Und je länger das Training zurückliegt, desto weiter entwickelt man sich weg von dem, was ohne das coaching passiert wäre. als würde man in Fahrstühle mit verschiedenen Richtungen steigen: die einen nach oben, die anderen nach unten.
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