Henning Kober Wohlstandszombies große Reise
Henning Kobers Debütroman "Unter diesem Einfluss" ist rasant und voller Gegenwart. Leider hat er rein gar nichts zu erzählen
© Isabelle Graeff

Henning Kober, geboren 1981, lebt in Berlin
Henning Kobers Debüt Unter diesem Einfluss ist eines derjenigen, denen man anfangs unbedingt eine Chance geben will. Weil es so aufregend beginnt, mit Sätzen wie Discolichter, die nur hier und da ein Detail aufblitzen lassen: "Ich sitze in einer dunklen Ecke im Großen Club. Bässe hämmern, meine Ohren flimmern. Ganz dunkle Ecke, aber sitzen. Von links redet ein Schatten. Zwischen zwei Fingern glimmt ein Rest Zigarette." Kober schreibt Eindrücke, die sich in die Netzhaut brennen. Durch Berliner Schneegestöber treibt er seinen Helden Janus von einer Party zur nächsten.
Im Verlauf des Romans wird der gut betuchte Endzwanziger einmal um den gesamten Globus jetten, von London nach L.A., von Poolvilla zu Penthousewohnung. Überall trifft er Gestalten, deren Dasein sich genau so leer anfühlt wie sein eigenes. Er ist auf der Suche nach seinem Bruder Bobby, einem Schriftsteller, der sich bisweilen aus einem Exil mit pathetischen Blog-Einträgen zu Wort meldet, in denen er die Oberflächlichkeit der Welt anprangert.
Und eine Weile funktioniert Kobers Erzähltaktik ganz gut; sein Stakkato überrumpelt den Leser geradezu in seiner Gegenwartsfülle und Geschwindigkeit. Bereits nach der dritten oder vierten Station beginnt man sich allerdings zu fragen: Worauf will der Roman hinaus? Seite um Seite wird man von einem namhaften Club in den nächsten geschleift, überall hängen Leute auf Ledersesseln herum, schmeißen sich Tabletten in den Mund und ziehen sich Pulver durch die Nase. Gelegentlich werfen sie einander ein paar Wortfetzen zu, die sehr reich klingen, sehr schön und sehr belanglos.
Ratlos wagt man einen verstohlenen Blick in den Klappentext, um dort zu lesen, es gehe um die Begegnung mit Menschen, die Ekstase und echte Gefühle erleben wollen. Zurück im Text finden sich aber nur Figuren, die weder Gesichter haben noch Vergangenheit. Grundlos tauchen sie auf und wieder ab, ein Kabinett aus Wohlstandszombies, die Kober wahlweise durch die Münchener Nobelbar Schumann's scheucht oder in Berlins Schnöselmensa Grill Royal Aperitifs bestellen lässt.
Dann plötzlich: Schock, Papa im Krankenhaus! Statt der Begegnung mit ihm wird dann aber eine Poolparty vor den Hügeln Hollywoods ausführlich beschrieben. Später landet Janus’ Freundin Jackie in einer Berliner Privatklinik. Die Drogen, der Wodka. Zu echten Gefühlen hat Kober wenig zu sagen.
Es gibt grandiose Autoren, die dieses Milieu in all seiner arroganten Leere porträtieren: Brett Easton Ellis lässt in Einfach unwiderstehlich promiske Collegesprößlinge in einer stumpfen Endlosschleife kopulieren, bis sie an der Sinnlosigkeit ihres Tuns verzweifeln, oder in American Psycho einen Wallstreet-Yuppie die polierte Hochglanzoberfläche seiner Welt mit Blut bespritzen. Kober aber scheut sich, seine Figuren vorzuführen. Während bei Ellis aus der inneren Leere der entgrenzte Exzess folgt, reagieren Kobers Figuren stets abgeklärt. Selbst wenn sie verletzt werden, bleiben sie unberührbar, ungreifbar – und flach.
Blass bleibt sogar Bobby, der einzige Ausbrecher. Erst reichlich spät lässt sich rekonstruieren, worin sein heroisches Aufbegehren besteht: Er hat ein Buch geschrieben, New Order 07, auf welches das Publikum so entrüstet reagiert hat, dass er gar untertauchen musste. Man fragt sich, warum eigentlich: Ein paar Kinder deutscher Elitefamilien werden darin zu Terroristen und verüben Anschläge auf ihr Land – nichts, was es nicht bereits gegeben hätte.
- Datum 01.09.2009 - 15:32 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Das zentrale Dilemma der deutschen Gegenwartsliteratur: Warum sollte man Romane kaufen, die von Leuten handeln, die einem bereits im wirklichen Leben zu Tode langweilen?
Da haben Sie wohl recht. Ich habe schon seit einiger Zeit den (ganz subjektiven) Eindruck, deutsche Gegenwartsliteratur lässt sich in zwei Gruppen teilen: Irgendwelche Geschichten aus dem Umfeld des Zweiten Weltkriegs einerseits, irgendwelche Banalitäten von erwähnten Wohlstandszombies andererseits. Dazu noch ein paar biedere und selbstgefällige "Erzählungen" über irgendwas. Gibts da nicht irgendwo noch mehr? Wer Tipps hat - nur her damit.
Da haben Sie wohl recht. Ich habe schon seit einiger Zeit den (ganz subjektiven) Eindruck, deutsche Gegenwartsliteratur lässt sich in zwei Gruppen teilen: Irgendwelche Geschichten aus dem Umfeld des Zweiten Weltkriegs einerseits, irgendwelche Banalitäten von erwähnten Wohlstandszombies andererseits. Dazu noch ein paar biedere und selbstgefällige "Erzählungen" über irgendwas. Gibts da nicht irgendwo noch mehr? Wer Tipps hat - nur her damit.
Da haben Sie wohl recht. Ich habe schon seit einiger Zeit den (ganz subjektiven) Eindruck, deutsche Gegenwartsliteratur lässt sich in zwei Gruppen teilen: Irgendwelche Geschichten aus dem Umfeld des Zweiten Weltkriegs einerseits, irgendwelche Banalitäten von erwähnten Wohlstandszombies andererseits. Dazu noch ein paar biedere und selbstgefällige "Erzählungen" über irgendwas. Gibts da nicht irgendwo noch mehr? Wer Tipps hat - nur her damit.
Gegenwartsliteratur für Sie denn an?
"Mehr" lässt sich meiner Meinung nach noch immer finden, wenn man vielleicht auch etwas suchen muss (aber war es je anders?) - ich würde auf jeden Fall Karen Duves "Regenroman" empfehlen, ebenso die Romane von Ransmayr, wenn Ihnen biedere Wohlstandserzählungen über das kleine Glück, Unglück oder die seelenlose Leere der Zeit aus dem Halse heraushängen. Dietmar Daths "Abschaffung der Arten" könnte für Sie eventuell ebenfalls interessant sein, Thea Dorns "Marleni" wäre auch einen Blick wert und - auch wenn sie leider, leider nicht zu der deutschen Gegenwartsliteratur zählt - Patricia Dunckers "Die Germanistin" möchte ich Ihnen an dieser Stelle auch nahelegen, mich hat sie zuletzt sehr begeistert ;)
Und wenn das alles auch nichts ist, dann bleibt ja immernoch die Möglichkeit mit Bernhard kräftig "Holzfällen" zu gehen im deutschen Büchermarkt ;)
"...
Es blickt mit strahlenden Augen
aufs Wellengewell und -gejohl ...
Es hat einen - Fisch im Magen
und fühlt sich gewaltig wohl.
..."
Morgenstern und Abendsonne
Gegenwartsliteratur für Sie denn an?
"Mehr" lässt sich meiner Meinung nach noch immer finden, wenn man vielleicht auch etwas suchen muss (aber war es je anders?) - ich würde auf jeden Fall Karen Duves "Regenroman" empfehlen, ebenso die Romane von Ransmayr, wenn Ihnen biedere Wohlstandserzählungen über das kleine Glück, Unglück oder die seelenlose Leere der Zeit aus dem Halse heraushängen. Dietmar Daths "Abschaffung der Arten" könnte für Sie eventuell ebenfalls interessant sein, Thea Dorns "Marleni" wäre auch einen Blick wert und - auch wenn sie leider, leider nicht zu der deutschen Gegenwartsliteratur zählt - Patricia Dunckers "Die Germanistin" möchte ich Ihnen an dieser Stelle auch nahelegen, mich hat sie zuletzt sehr begeistert ;)
Und wenn das alles auch nichts ist, dann bleibt ja immernoch die Möglichkeit mit Bernhard kräftig "Holzfällen" zu gehen im deutschen Büchermarkt ;)
"...
Es blickt mit strahlenden Augen
aufs Wellengewell und -gejohl ...
Es hat einen - Fisch im Magen
und fühlt sich gewaltig wohl.
..."
Morgenstern und Abendsonne
Gegenwartsliteratur für Sie denn an?
"Mehr" lässt sich meiner Meinung nach noch immer finden, wenn man vielleicht auch etwas suchen muss (aber war es je anders?) - ich würde auf jeden Fall Karen Duves "Regenroman" empfehlen, ebenso die Romane von Ransmayr, wenn Ihnen biedere Wohlstandserzählungen über das kleine Glück, Unglück oder die seelenlose Leere der Zeit aus dem Halse heraushängen. Dietmar Daths "Abschaffung der Arten" könnte für Sie eventuell ebenfalls interessant sein, Thea Dorns "Marleni" wäre auch einen Blick wert und - auch wenn sie leider, leider nicht zu der deutschen Gegenwartsliteratur zählt - Patricia Dunckers "Die Germanistin" möchte ich Ihnen an dieser Stelle auch nahelegen, mich hat sie zuletzt sehr begeistert ;)
Und wenn das alles auch nichts ist, dann bleibt ja immernoch die Möglichkeit mit Bernhard kräftig "Holzfällen" zu gehen im deutschen Büchermarkt ;)
"...
Es blickt mit strahlenden Augen
aufs Wellengewell und -gejohl ...
Es hat einen - Fisch im Magen
und fühlt sich gewaltig wohl.
..."
Morgenstern und Abendsonne
Über Gegenwartsliteratur zu lamentieren, ist äußerst müde. Und so deutsch wie das, was kritisiert wird. Außerdem falsch aus meiner Sicht, es gibt neben den von Gruselett erwähnten einige Autoren, die etwas zu sagen haben oder wenigstens zu unterhalten wissen. Botho Strauß wäre da zu nennen, Judith Herrmann, Benjamin Lebert ist auch nicht uniteressant.
Von Wohlstandszombies zu sprechen, finde ich persönlich übrigens nicht nur respektlos, sondern deplaziert. Es hat immer eine Schar von Menschen gegeben, die aufgrund eines großzügig ausgestatteten Elternhauses den Luxus genießen durften, sich durch Schreiben auf Details des Lebens zu konzentrieren, die anderen trivial erscheinen, um mit Vladimir Nabokov, Thomas Mann, Robert Musil und Goethe nur einige zu nennen.
Damit will ich kein Votum für abgehobenes und elitäres Schreiben aussprechen, aber ein wenig differenziertes Bild auf die deutsche Gegenwartsliteratur fände ich schön.
Über Gegenwartsliteratur zu lamentieren, ist äußerst müde. Und so deutsch wie das, was kritisiert wird. Außerdem falsch aus meiner Sicht, es gibt neben den von Gruselett erwähnten einige Autoren, die etwas zu sagen haben oder wenigstens zu unterhalten wissen. Botho Strauß wäre da zu nennen, Judith Herrmann, Benjamin Lebert ist auch nicht uniteressant.
Von Wohlstandszombies zu sprechen, finde ich persönlich übrigens nicht nur respektlos, sondern deplaziert. Es hat immer eine Schar von Menschen gegeben, die aufgrund eines großzügig ausgestatteten Elternhauses den Luxus genießen durften, sich durch Schreiben auf Details des Lebens zu konzentrieren, die anderen trivial erscheinen, um mit Vladimir Nabokov, Thomas Mann, Robert Musil und Goethe nur einige zu nennen.
Damit will ich kein Votum für abgehobenes und elitäres Schreiben aussprechen, aber ein wenig differenziertes Bild auf die deutsche Gegenwartsliteratur fände ich schön.
Über Gegenwartsliteratur zu lamentieren, ist äußerst müde. Und so deutsch wie das, was kritisiert wird. Außerdem falsch aus meiner Sicht, es gibt neben den von Gruselett erwähnten einige Autoren, die etwas zu sagen haben oder wenigstens zu unterhalten wissen. Botho Strauß wäre da zu nennen, Judith Herrmann, Benjamin Lebert ist auch nicht uniteressant.
Von Wohlstandszombies zu sprechen, finde ich persönlich übrigens nicht nur respektlos, sondern deplaziert. Es hat immer eine Schar von Menschen gegeben, die aufgrund eines großzügig ausgestatteten Elternhauses den Luxus genießen durften, sich durch Schreiben auf Details des Lebens zu konzentrieren, die anderen trivial erscheinen, um mit Vladimir Nabokov, Thomas Mann, Robert Musil und Goethe nur einige zu nennen.
Damit will ich kein Votum für abgehobenes und elitäres Schreiben aussprechen, aber ein wenig differenziertes Bild auf die deutsche Gegenwartsliteratur fände ich schön.
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