IntersexualitätDer Mythos von den zwei Geschlechtern

Mann oder Frau? Die Athletin Caster Semenya muss dies prüfen lassen. Dabei könnte es sein, dass sie beides nicht ist. Die Vorstellung von zwei Geschlechtern ist überholt von Christiane Meister

Caster Semenya nach ihrem Erfolg: Aber ist die 18-Jährige überhaupt eine Frau?

Caster Semenya nach ihrem Erfolg: Aber ist die 18-Jährige überhaupt eine Frau?  |  © Olivier Morin/AFP/Getty Images

Diesmal sind es keine Dopingskandale, die von der gerade zu Ende gegangenen Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Erinnerung bleiben. Zwar konnten einzelne Sportler überführt werden, doch niemand erregte so viel Aufsehen wie die Athletin Caster Semenya aus Südafrika.

Im Finale über 800 Meter holte die Läuferin Gold. Aber nicht die sportliche Leistung Semenyas weckte Zweifel, sondern die Frage, ob die erst 18-jährige tatsächlich eine Frau ist.

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In der Tat erscheint der muskulöse Körper mit dem Sixpack und der flachen Brust eher wie der eines Mannes. Und auch ihre tiefe Stimme fanden einige Beobachter auffällig. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF ordnete deshalb schon vor ihrer Ankunft in Berlin eine Geschlechtsüberprüfung an.

Ein interdisziplinäres Team aus Wissenschaftlern soll nun herausfinden, ob Semenya männlich oder weiblich ist. Doch selbst wenn sich herausstellen sollte, das Semenya biologisch ein Mann ist – kann man ihr es als Täuschungsversuch anlasten, dass sie glaubt, eine Frau zu sein?

Wohl nicht, denn es ist recht wahrscheinlich, dass es den Wissenschaftlern nicht gelingen wird, das Geschlecht der Sportlerin eindeutig zu bestimmen. Die gängige Vorstellung, dass sich alle Menschen in zwei Geschlechter einteilen lassen, ist nämlich nach heutigem Stand der Wissenschaft veraltet.

Immer wieder kommen Kinder auf die Welt, deren Geschlecht sich in keine von beiden Kategorien einordnen lässt. Für dieses Phänomen hat sich der Begriff Intersexualität etabliert. Die Ursachen dafür sind mannigfaltig.

Leserkommentare
    • zetti
    • 25. August 2009 15:05 Uhr

    Eine knifflige Situation, in die sich bei Bestätigung der Intersexualität
    alle Sportverbände dieser Welt bringen.

    Muß künftig vor jeder Sportkarriere die Sexualität eindeutig festgestellt werden?
    Wird für Intersexuelle eine eigene Sparte neben "Männer" und "Frauen" geschaffen?
    Wird diese Sparte akzeptiert?
    Und wenn nicht: Wie geht ein Sportler mit dieser Diskriminierung um, wie reagiert sein Umfeld?
    Darf unter diesen Umständen der Nachweis überhaupt gefordert werden?
    Werden in Zukunft alle historischen und kommenden sportlichen Leistungen nicht immer einen Makel haben?

    Sind sich die Verantwortlichen eigentlich bewußt, was für ein Faß mit dieser Untersuchung aufgemacht wurde?
    Zetti

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    Alles wird noch um Größenordnungen komplexer, sobald man die Ebene der biologischen Zuschreibungen verlässt. Ist etwa eine Frau mit kurzen Strubbelhaaren, betont maskulinem Habitus und Auftreten noch eine Frau (diametral/spiegelbildlich für "feminine" Männer)? - Die Antwort ist nicht mehr trivial, sobald man die "soziale Verfaßtheit" der Geschlechterdefinitionen konsequent ernstnimmt. Ich meine mich an eine Passage bei Nietzsche zu erinnern (google hilft hier nicht recht weiter), bei dem ein Freund über die Spaltung der Menschheit in die beiden Geschlechter lamentiert hatte. Nietzsche sinngemäß: "Na und - wäre es dir lieber, es gäbe nur ein Geschlecht, oder tausend?" - So, und jetzt kommen wir mit unserer Multisexualität und womöglich bald der Perspektive auf Genetic Engineering, um auf Goldmedaillen programmierte Hermaphroditen hervorzubringen. Der Name Semenya wird sich vielleicht einmal damit verbinden, wie alles anfing...

  1. ein Beitrag aus dem dradio, April 2009: 'Sag es keinem anderen' über die Geschichte der Hermaphroditen, von Kirstine Schwenger.

    'Unser Recht kennt nur zwei Geschlechter: Männer und Frauen und Kinder männlichen oder weiblichen Geschlechts. Vor 200 Jahren tauchte im Allgemeinen Preußischen Landrecht noch ein drittes Geschlecht auf - ein "Zwitterparagraf" regelte die Rechte der Hermaphroditen, Menschen die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen. Später wurde der Paragraf gestrichen, Recht und Gesellschaft verlangten Eindeutigkeit. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert.'

  2. Da kann die Berliner Genetikerin Heidemarie Neitzel noch so schlau daherreden, für sportliche Wettkämpfe muss eine praktikable Lösung gefunden werden und eine entsprechende Untersuchung ist daher statthaft. Würde man den Athleten Wahlfreiheit lassen, zu welchem Geschlecht sie sich bekennenn, und auf Kontrollen verzichten, wäre dies wiederum den XX-Frauen gegenüber unfair.

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    • Deftone
    • 31. Dezember 2009 7:44 Uhr

    Die Frage ist doch, ob strickt nach Mann und Frau zu trennen ist, oder ob die Realität von mehreren geschlechtern akzeptiert werden sollte. Einer Frau zu sagen, sie sei keine, aufgrund ihrer Chromosome und sie aufgrund dieser Tatsache zu benachteiligen, mag vielleicht pragmatisch sein in einem Sport, der ein ideal verfolgt und keine menschlichkeit kennt. Dennoch ist es inhuman und ein großes Gesellscahftliches Problem. Mit der strickten biologischen Trennung zwischen Mann und Frau scheint man psychische und andersartige geschlechterpluralität ignorieren zu wollen. es ist in der tat ein seltsames Thema, wo man doch mit der Überzeugun zweier existierender Geschlechter aufwächst. Es scheint ein Thema zu sein, dass eine Gesellschaftsstruktur und ihre Rollenbilder zersprengt. Schon allein deswegen ist das hier keine pragmatische Sportfrage, sondern eine Gesellschaftliche Frage, sie sich auch der Sport stellen muss. Justiz und Sportjustiz können sich nicht einfach der Realität wiedersetzen und jede kritik und forschung ignorieren. Die Auseinandersetzung mit diesem problem muss vernünfitg und ergebnissoffen diskuttiet werden.

  3. Alles wird noch um Größenordnungen komplexer, sobald man die Ebene der biologischen Zuschreibungen verlässt. Ist etwa eine Frau mit kurzen Strubbelhaaren, betont maskulinem Habitus und Auftreten noch eine Frau (diametral/spiegelbildlich für "feminine" Männer)? - Die Antwort ist nicht mehr trivial, sobald man die "soziale Verfaßtheit" der Geschlechterdefinitionen konsequent ernstnimmt. Ich meine mich an eine Passage bei Nietzsche zu erinnern (google hilft hier nicht recht weiter), bei dem ein Freund über die Spaltung der Menschheit in die beiden Geschlechter lamentiert hatte. Nietzsche sinngemäß: "Na und - wäre es dir lieber, es gäbe nur ein Geschlecht, oder tausend?" - So, und jetzt kommen wir mit unserer Multisexualität und womöglich bald der Perspektive auf Genetic Engineering, um auf Goldmedaillen programmierte Hermaphroditen hervorzubringen. Der Name Semenya wird sich vielleicht einmal damit verbinden, wie alles anfing...

    • Bakwahn
    • 25. August 2009 16:38 Uhr

    Seit 2 bis 3 Jahrzehnten ist es in der Medizin, der Genetik und der Sexualwissenschaft unbestritten, dass es neben den beiden grundlegenden Kategorien Mann – Frau noch eine dritte Unterscheidung gibt: die Gruppe von Menschen, bei denen es keine eindeutige Zuordnung gibt: die Intersexuellen oder Hermaphroditen.

    In Zweifelsfällen, wie es offensichtlich hier bei dieser Sportlerin oder diesem Sportler oder das Sportler Caster Semenya der Fall zu sein scheint, ist es schwierig und aufwendig beim heutigen Stand der Wissenschaft, das Geschlecht eindeutig, schnell und zweifelsfrei festzustellen. Wie dieser Aufsatz uns Lesern und Laien sachkundig klarmacht, dauert es Monate, bis ein zweifelsfreies Ergebnis feststehen wird. Und selbst das dann vorliegende Ergebnis wird von verschiedenen Seiten, Interessengruppen etc. verschieden interpretiert werden.

    Meine Frage ist:
    * Wieviele Menschen sind von dieser Abweichung von der Norm betroffen?
    * Wieviele Babys eines Geburtenjahrgangs weisen solche Anomalien, solche biologischen und genetischen Abweichungen auf?

    Mir scheint, es handelt sich bei uns in Deutschland um eine kleine Minderheit!
    Ein Mensch von Tausend, vielleicht sogar nur einer von Zweitausend ist davon betroffen.
    Es steht zu vermuten, dass es bei allen anderen Völkern und Ethnien nicht anders sein wird.
    Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind die Intersexuellen eine Miniminorität.

    Was ist jetzt aber strittig?
    Unsere Gesellschaft sollte die Reife haben, diese Gruppe der Intersexuellen nicht zu diskriminieren!
    Weder rechtlich noch im privaten Umgang noch sonst irgendwie.
    Sie müssen den „Normalos“ völlig gleichgestellt sein.

    Der Aufsatz berichtet, dass in der Vergangenheit Mediziner oft genug auf chirurgischem Wege eingegriffen haben, um dem Baby, dem Kind, dem Heranwachsenden eine eindeutige sexuelle Identität zu verpassen.
    Das sollte in Zukunft unterbleiben. Hier benötigen wir klare rechtliche Regelungen, die das (sexuelle) Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt stellen.

    Im Sport ist die Intersexualität aus Gründen der Chancengerechtigkeit ein Problem.
    Der Mann ist im Mittel um ca. ein Drittel körperlich leistungsfähiger als die Frau.
    Ein Blick in die Rekordlisten der verschiedenen Sportarten beweißt das.
    Hier braucht der Sport die Unterstützung der Wissenschaften.

    Aber in Grenzfällen – und ich unterstelle jetzt einmal der Fall Caster Semenya ist ein solcher – wird es sehr schwierig und äußerst diffizil sein, eine klare Entscheidung, eine eindeutige Bestimmung zu fällen. Denn auf durch die Wissenschaft festgestellte Fakten wird man sich nur sehr bedingt stützen können, denn in solchen Grenzfällen wird es auf die Interpretation der Fakten ankommen.

    Da sehe ich für den Sport in der Zukunft Diskussions- und Zündstoff.

  4. Das Problem ist, dass im Sport (wie beim Militärdienst) immer noch wie in den Jahrtausenden zuvor nach den alten Kriterien der zwei Geschlechter von Mann und Frau differenziert wird. Wieso im Sport nicht alle Wettbewerbe als Unisex-Veranstaltungen organisieren? Das führt dann zwar dazu, dass höchstwahrscheinlich ein Mann die Kraft- und Geschwindigkeitswettbewerbe gewinnen wird. Beim Synchronschwimmen werden es jedoch Frauen sein. Und beim Eiskunstlaufen für Paare sollen auch homosexuelle Paare zugelassen werden. ...
    Oder ist es doch keine so gute Idee? Heute differenzieren wir nur nach Mann/Frau und ohne Behinderung/mit Behinderung (siehe Behindertenolympiade). Aber wieso nicht die Lauf- und Schimmwettbewerbe nach Rassen differenzieren? Der schnellste weisse 100-m-Läufer, der schnellste schwarze Brustschwimmer. Nur so kann deren Benachteiligung aufgehoben werden. Und wieso nicht der schnellste Übergewichtige? Schliesslich gibt es auch Laufwettbewerbe für (anderswie) Behinderte! Jetzt bin ich wahrscheinlich schon wieder ins Fettnäpfchen getreten und als Rassist abqualifiziert.
    Wollen wir konsequent sein, dann gibt es nur die Unisex-Lösung als einigermassen akzeptable.

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    Nein, die Unisex-Lösung ist eine Scheinlösung, da sie in mindestens 90 % aller Sportarten Frauen keine Chance im Hochleistungssport geben würde. Vielleicht hilft der Vergleich mit dem Behindertensport? Dort ist die Vergleichbarkeit von Leistungen ein großes Problem, und es gibt wohl allein in den leichtathletischen Disziplinen diverse Klassen, in die die Sportler entsprechend ihres Handicaps eingeteilt werden. Dies führt natürlich zu einer gewissen Unübersichtlichkeit, ist aber eine anerkannte Lösung für die Problematik. In vielen Sportarten gibt es ebenfalls solche Einteilungen, nur erfolgen sie nach dem Kriterium "Gewicht". Selbst im Rudern sind die "Leichtgewichte" inzwischen olympisch. Auch in den Kampfsportarten ist die Einteilung nach Gewichtsklassen selbstverständlich.
    Wir leben inzwischen in einer Welt, in der das binäre Denken in Geschlechtern nicht mehr selbstverständlich ist. Es ist deshalb auch wünschenswert, dass dies in einem gesellschaftlich wichtigen Bereich, dem Sport, einen Niederschlag findet. Mein Vorschlag: Im Prinzip bleibt alles wie es ist. Der olympische Fahrplan wird aber noch um ca 10 Sportarten ergänzt, in denen Menschen antreten können, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig fühlen.

    darf ich sie kurz daran erinnern dass das unterteilen der menschheit in rassen ebenfalls ein veraltetes denkmodell ist?

    sie werden auch seriösere quellen finden aber ich habs mir einfach gemacht und zitiere wikipedia:
    In der Biologie wird der Mensch heute weder in Rassen, noch in Unterarten unterteilt. Molekularbiologische und genetische Forschungen haben gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und der fließenden Übergänge geographischer Populationen nicht gerecht würde. Zudem wurde herausgefunden, dass der Großteil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist.

    mfg

  5. Ein Blick in die Vergangenheit: press

    • diona
    • 25. August 2009 17:54 Uhr

    David Beckham und Seal sich ihre Fingernägel lackieren, ist Intersexualität doch chic.

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    manche Leute persönliche Marotten wie lackierte Fingernägel schon für ein sexuelles Phänomen halten, ist sie auch ein "Problem".

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