Israel & Palästina "Siedlungen schwächen den Zionismus"

Vor dem Besuch von Israels Premier Netanjahu in Berlin: Der Historiker Tom Segev über die Siedlungspolitik und die Aussichten auf Frieden

Tom Segev, israelischer Historiker und Autor

Tom Segev, israelischer Historiker und Autor

Frage: Herr Segev, Obama übt auf Israel großen Druck aus, den Bau von Siedlungen zu stoppen. Wird er Erfolg haben?

Tom Segev: Es ist noch zu früh zu sagen, ob Obama damit Erfolg haben wird. Seit dem Sechstagekrieg 1967 sind Städte entstanden, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind. Selbst wenn Obama das verlangt. Leider. Wir hätten es niemals so weit kommen lassen sollen. Wir hätten die damals eroberten Gebiete und insbesondere Jerusalem nicht länger als einen Tag behalten dürfen. Wer Ost-Jerusalem erobert, wusste, dass damit Frieden so gut wie unmöglich wird. Weil man Ost-Jerusalem nicht zurückgeben kann.

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Frage: Israel wird die Siedlungen nicht räumen?

Segev: Das ist noch schwerer geworden, seitdem die islamistische Hamas nach dem israelischen Rückzug aus Gaza die Macht übernommen hat. Zudem hat Israel die Siedler kleinlich behandelt und nicht ausreichend entschädigt. Das war ein großer Fehler. Tausende Siedler aus Gaza haben noch immer keine neue Existenz. Die Siedler in der Westbank haben das ganz genau beobachtet.

Frage: Der amerikanische Druck nutzt nichts?

Segev: Doch. Wenn Obama Druck ausübt, verschwinden plötzlich 30 Straßensperren in der Westbank. Dann ist es möglich, von Bethlehem nach Jenin zu fahren ohne einen einzigen Checkpoint. Ich hoffe auch, dass Obama weiter darauf beharrt, dass Israel die Friedensverhandlungen mit Syrien wieder aufnimmt. Es ist möglich, den Golan zurückzugeben. Das würde ich selbst Netanjahu zutrauen. Bei den Siedlungen sieht das anders aus. Auch wenn wir Obama zusichern, dass wir keine Siedlungen mehr bauen, ändert das nichts. Die Siedler bauen hier und dort weiter. Unsere Beziehung zu den USA beruht zum Teil darauf, dass Washington ein Auge zudrückt.

Frage: Ist die Siedlungspolitik Teil des zionistischen Projekts?

Segev: Nein, die Siedlungen schwächen den Zionismus, die ursprüngliche Idee, einen liberalen jüdischen Staat zu schaffen. Ich möchte nicht den Ausdruck Apartheid verwenden, weil ich historische Begriffe nicht aus dem Kontext reißen will. Aber jetzt entwickelt sich ein Staat, in dem zwei ethnische Völker nebeneinander wohnen, und das eine Volk beherrscht das andere.

Frage: Wie verändert sich die Diskussionskultur innerhalb der israelischen Gesellschaft?

Segev: Inzwischen sind selbst die Schulbücher offen für eine differenziertere Sicht unserer Geschichte. Diskussion ist legitimer geworden. Es gibt nicht mehr nur eine historische Wahrheit. Sehr viel mehr Israelis verstehen heute, dass die Palästinenser auch ihre Tragödie haben. Lange war vielen Israelis gar nicht bewusst, dass die Nakba, also der palästinensische Verlust ihrer Heimat durch die Staatsgründung Israels, zwischen uns steht.

Frage: Die Politik gegenüber den Palästinensern hat das aber nicht verändert?

Segev: Israel hat es den Palästinensern seit 40 Jahren nicht ermöglicht, ihre Nationalität zu entwickeln. Weil wir immer noch nicht den zionistischen Traum aufgegeben haben, dass wir den Palästinensern Fortschritt bringen, wenn sie nur auf ihre nationalen Träume verzichten und geduldete Minderheit sein wollen.

Frage: Glauben Sie noch an den Frieden?

Segev: Ich denke, wir sollten den Konflikt besser managen, nicht nach Frieden suchen – den finden wir derzeit nicht.

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