Leiharbeiter haben in Deutschland einer Studie zufolge schlechtere Arbeitsbedingungen als in vielen anderen europäischen Staaten. Vor allem die Bezahlung sei in Ländern wie Frankreich, Großbritannien und Österreich besser geregelt, berichtete Claudia Weinkopf von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag in Berlin. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte vor allem die gravierenden Lohnunterschiede zwischen Leiharbeitern und Stammbelegschaft.

Für ihre Untersuchung hatten die Forscher verglichen, wie die Zeitarbeit in sieben westeuropäischen Ländern geregelt ist. Weinkopf verwies unter anderem auf Frankreich: Dort werde den Leiharbeitern nicht nur die gleiche Bezahlung gewährt wie den Stammbeschäftigten, sondern auch eine zehnprozentige "Prekaritätsprämie" als Ausgleich für ihr instabiles Beschäftigungsverhältnis. In Großbritannien gelte nach zwölf Wochen der Grundsatz der gleichen Bezahlung, während es in Deutschland die Möglichkeit gebe, vom "Equal Pay"-Prinzip abzuweichen.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach forderte, der Gleichbehandlungsgrundsatz für Leiharbeiter müsse vom ersten Arbeitstag an gelten. Der europäische Vergleich zeige, wie Flexibilität auch ohne "Hungerlöhne" realisiert werden könne. In Deutschland sei das Lohnniveau derart niedrig, dass jeder achte Leiharbeiter auf ergänzende staatliche Leistungen angewiesen sei. Am Mittwoch hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, Leiharbeiter seien überdurchschnittlich oft von Armut bedroht.

IG-Metall-Vize Wetzel hatte die vom DGB vereinbarten Löhne für Leiharbeiter als zu niedrig kritisiert und eine Diskussion im Gewerkschaftsbund über das Thema verlangt. Die Gewerkschaft hat in einzelnen Tarifverträgen bereits Regelungen zur Leiharbeit durchgesetzt und zudem mit einzelnen Unternehmen sogenannte Besserabkommen zur Behandlung der externen Arbeitskräfte abgeschlossen.

Ver.di kündigte an, Probleme der Leiharbeit künftig selbst regeln zu wollen. Die vom DGB abgeschlossenen Tarifverträge mit den Zeitarbeitsverbänden seien ungenügend, stimmte ver.di-Chef Franz Bsirske dem IG-Metall-Vize Detlef Wetzel zu. Leiharbeit werde derzeit als Instrument zur Lohndrückerei und Entsicherung der Arbeitsverhältnisse missbraucht. ver.di werde daher das Thema auch in den eigenen Tarifverträgen behandeln.

Seine Gewerkschaft habe bereits in den zurückliegenden Tarifverhandlungen mit den Ländern versucht, für Leiharbeiter die gleiche Bezahlung wie bei der Stammbelegschaft durchzusetzen, berichtete Bsirske bei einer Veranstaltung des Internationalen Klubs Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Dies sei nicht möglich gewesen. "Dafür hätten wir streiken müssen."

Bsirske nannte das Klinikum in Essen als Beispiel für den Missbrauch von Leiharbeit im öffentlichen Dienst. Neue Beschäftigte würden dort nur noch in einer eigens gegründeten Leiharbeitsgesellschaft zu schlechteren Konditionen eingestellt. Der Fall werde jetzt vor den Landesschlichter in Nordrhein-Westfalen gebracht.

Der ver.di-Chef verlangte eine Rückkehr zum Prinzip der gleichen Bezahlung von Stammbelegschaft und Leiharbeitern. Diese sei von den Arbeitgebern mit Unterstützung der christlichen Gewerkschaften unterlaufen worden. Der DGB habe daher auf zu niedrigem Niveau abschließen müssen. Wegen der größeren Unsicherheit sollten die Leiharbeiter seiner Auffassung nach sogar mehr verdienen als die fest angestellten Kollegen, sagte Bsirske und verwies auf derartige Regelungen im Nachbarland Frankreich.