Lester Young (hier während eines Auftritt 1953) hatte kaum eine Kindheit, blieb zeitlebens kindlich und starb mit 50. An wen erinnert uns das? © Hulton Archive/Getty Images

Eine seltsame Ode schrieb Charles Mingus für Lester Young kurz nach dessen Tod 1959: "Goodbye Pork Pie Hat" – Lebewohl, Schweinefleischpastetenhut. Mingus' elegische Komposition, Theme for Lester Young untertitelt, wurde eine seiner bekanntesten. Der Titel war nicht spaßig gemeint, er beschreibt lediglich Youngs Markenzeichen, einen flachen Hut, der nach seiner Ähnlichkeit mit dem englischen Gericht den Namen Pork Pie Hat bekam.

Lester Youngs Stil, im Auftreten wie in der Kleidung, gehören zu seinem Nachruhm mindestens ebenso wie sein Spiel. Seine enge Freundin Billie Holiday nannte ihn Prez, für Präsident. Young bildet bis heute mit Coleman Hawkins und John Coltrane die heilige Dreifaltigkeit des Saxofons.

Lester Young kam aus einfachen Verhältnissen: "Mein Vater war ein Karnevalsmusiker. Er konnte alle Instrumente spielen, obgleich er die Trompete am liebsten mochte. Er gab auch Gesangsunterricht und reiste unentwegt durch die Lande", erzählte er. Die Eltern ließen sich scheiden, als Lester, am 27. August 1909 in Woodville, Mississippi geboren, etwa zehn war.

Der Vater Willis Handy Young zog nach Minneapolis und gründete mit seinen Kindern Lester, Irma und Lee eine Familienband, die zur Karnevalszeit durch Minnesota, Dakota und Kansas tourte. Lester lernte Geige, Trompete und Schlagzeug, bevor er mit 13 sein erstes Altsaxofon in den Händen hielt.

Gerade 18, verließ Lester die Band des Vaters, mit dem er sich regelmäßig stritt. Er ging zunächst zu Art Bronsons Bostonians und spielte neben Bariton- und Alt- jetzt auch Tenorsax, das später so sehr sein Hauptinstrument wurde, dass es heißt, er habe den Jazz "tenorisiert". 1934 kam er erstmals zu Count Basie, bevor er bei Fletcher Henderson vorübergehend dessen Saxofonisten ersetzte, den legendären Coleman Hawkins.

Doch Lester Young hatte da schon einen eigenen Stil entwickelt, der zu dem von "Hawk" im Gegensatz stand: Statt forsch und extrovertiert spielte Young laid back, entspannt, kombinierte er die Leichtigkeit eines Jimmy Dorsey mit einem dunkleren, bluesigeren Ton, ließ seine Soli über dem Rhythmus schweben, nahm den Cool Jazz der fünfziger Jahre vorweg. In Hendersons Band kam er damit nicht gut an, sie wollten, dass er wie Hawk spiele. Also ging Young.

Mit Count Basie und Billie Holiday gab Young in den dreißiger Jahren Konzerte, nahm einzigartige Alben auf. Wenn er allein oder mit seinem Bruder Lee eigene Bands gründete, wurde sein Spiel ziellos. Young hatte einen großen Teil seiner Kindheit auf der Bühne verbracht. Weggefährten sagen, er habe sich auch als Erwachsener ein kindliches Gemüt bewahrt. Ein Agent beschrieb es so: "Lester hat die Sensibilität eines Charles Baudelaire oder James Joyce. Er lebt in einer eigenen Welt, und was außerhalb dieser Welt ist, ist Prez’ Überzeugung nach nicht auf der Welt. Aber: Diese seine eigene Welt ist eine wunderbare Welt, die mild und freundlich und lieblich ist." Der Schlagzeuger Jo Jones meinte, "alles, was irgendein menschliches Wesen verletzt, verletzt ihn."