Wahlkampfzeit ist Märchenzeit. Im Kampf um die meisten Stimmen versprechen die Parteien viel und reden die Bilanz ihrer bisherigen Regierungszeit schön. ZEIT ONLINE hat deswegen den Lügendetektor ausgepackt. In den kommenden Wochen bis zur Wahl nehmen wir uns regelmäßig zentrale Aussagen der Parteien vor und prüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. Im zweiten Teil unserer Serie beleuchten wir das Eigenlob von CDU und SPD in Sachen Arbeitsmarktpolitik.

"Wir haben gezeigt, dass wir die Zahl der Arbeitslosen reduzieren können. Mit unserer Wachstumspolitik haben wir erreicht, dass die Zahl der Arbeitslosen im Herbst 2008 unter drei Millionen gesunken war und wir erstmals über 40 Millionen Erwerbstätige hatten", schreibt die CDU in ihrem Wahlprogramm.

Es stimmt, im Oktober 2008 sank die offizielle Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen. Schon 2007, im zweiten Jahr des Aufschwungs, war sie so schnell gefallen wie nie zuvor, und die Zahl der Erwerbstätigen lag im Herbst desselben Jahres über 40 Millionen.

Doch die Union präsentiert ihr Eigenlob verdächtig geschickt. "Unter drei Millionen" lag die Zahl der Arbeitslosen nämlich nur zwei Monate lang. Im Dezember 2008, als die Wirtschaftskrise auch den Arbeitsmarkt erreichte, stieg sie schon wieder auf 3,1 Millionen. Dass dies passieren würde, war im Herbst absehbar, und es war erst recht bekannt, als das Wahlprogramm der CDU in Druck ging.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit, der schon im Dezember ungewöhnlich stark begann, wurde Mai und Juni zwar vorübergehend gestoppt. Doch der Negativtrend ist noch nicht gebrochen: Im vergangenen Monat waren 3,46 Millionen Menschen arbeitslos. Bis zum Jahresende werden es noch mehr sein, sagen Ökonomen, unter ihnen der Wirtschaftsweise und Arbeitsmarktexperte Wolfgang Franz. Im Wahlprogramm der CDU freilich ist davon allenfalls am Rande die Rede. Viel lieber verkündet die Partei die frohe Botschaft, dass es ihr möglich sein werde, "Arbeit für alle" zu schaffen.

Darüber hinaus lässt sie unerwähnt, dass das tatsächliche Ausmaß der Unterbeschäftigung die Drei-Millionen-Ziffer schon im vergangenen Herbst deutlich überstieg. Wer sich nämlich weiterbildet, einen Ein-Euro-Job annimmt, krank wird oder mit Hilfe von Staatszuschüssen versucht, sich selbständig zu machen, hat zwar keine reguläre Stelle, und er sucht auch aktiv nach einer Erwerbsmöglichkeit. Dennoch gilt er nicht mehr als registrierter Arbeitsloser. Im Durchschnitt des vergangenen Jahres, berechnete die Bundesagentur für Arbeit (BA), nahmen etwa eine Million Menschen an "arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen" teil. Sie alle fielen deshalb aus der Statistik.

Auch im Juli 2009 – neuere Daten sind noch nicht verfügbar – lag die Zahl der unterbeschäftigten Menschen der BA zufolge bei 4,53 Millionen, mehr als eine Million über der offiziellen Ziffer. Noch gar nicht eingerechnet ist die sogenannte "stille Reserve": Menschen, die keinen Job suchen, aber dennoch jederzeit ein Angebot annehmen würden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg schätzt ihre Zahl für 2009 auf 600.000 Personen. Und gäbe es keine Kurzarbeit, wären gegenwärtig wohl weitere 350.000 bis 400.000 Menschen arbeitslos. In der Summe sind das 5,5 Millionen Menschen.