Das Arbeitsverhältnis ist nicht beendet. Noch nicht. Denn darauf wird es hinauslaufen. Gekündigt wurde es bereits – und das gleich zweimal. Einmal außerordentlich mit sofortiger Wirkung und gleichzeitig ordentlich zum 31. Januar 2010. Dabei hat Gabriele Metzger* sich lange gewehrt – trotz eines enormen Leidenswegs: Ständige Versetzungen, Schreiattacken von Vorgesetzten, öffentliche Bloßstellungen und am Ende sogar manipulierte Gehaltsabrechnungen sind nur die Spitzen des Einberges.

Ein Einzelfall? Die studierte Betriebswirtin ist nur eines von vielen Mobbingopfern in Deutschland. Ein drastischer Fall zwar, wie Johannes Schultze, Arbeitsplatzkonfliktberater in München und Mitglied im Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing (VPSM) einräumt. "Ist der Prozess erst einmal eskaliert, ist den Tätern meist jedes Mittel recht." Wegen der aktuellen Wirtschaftskrise könnte es Fälle wie diese bald noch weit häufiger geben. In Zeiten, in denen Stress und Angst am Arbeitsplatz zunehmen, nehme auch Psychoterror am Arbeitsplatz zu.

Das belegt unter anderem der Mobbing-Report 2002 der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Aus dem Bericht geht hervor, dass damals in der Gesundheitsbranche und im sozialen Bereich ein dreimal höheres Risiko herrschte, zum Mobbingopfer zu werden. Beides sind Branchen, die zu diesem Zeitpunkt unter enormen Kostendruck standen und in denen viel Personal abgebaut wurde. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Derzeit, berichten Arbeitsrechtler, häufen sich Fälle im Bankenbereich.

Dabei sind die Zahlen auch ohne Zuspitzung der Krise schon hoch genug: Im Schnitt sind aktuell jeweils drei von hundert Beschäftigten betroffen. Bei insgesamt 37 Millionen Beschäftigten sind das immerhin über eine Million Opfer. Rechnet man auch noch die Betroffenen der Vergangenheit dazu, so ergibt sich, dass jede neunte Person im erwerbsfähigen Alter schon einmal gemobbt wurde. Es sind in der überwiegenden Anzahl Führungskräfte, die zu Tätern werden, sagt Bärbel Meschkutat von der Sozialforschungsstelle Dortmund . In 40 Prozent der dokumentierten Fälle agieren sie alleine, in weiteren zehn spannen sie Mitarbeiter mit ein. Der Hintergrund dabei ist zumeist schlicht mangelnde Führungskompetenz. Diese aber wirkt sich noch massiver aus, wenn der Druck von außen steigt. Da kann es schnell passieren, dass die Vorgabe, Kosten einzusparen, einfach auf einem oder auch mehreren Mitarbeitern abgeladen wird.

Metzgers Martyrium begann, als bei ihrem Arbeitgeber, einem großen Telekommunikationsunternehmen, Umstrukturierungen im großen Stil anstanden. Statistisch belegen lässt sich ein solcher Vorsatz nicht. "Wer würde so etwas zugeben?", fragt Johannes Schultze. Der Arbeitsrechtler Gerhard Rieger aus München sieht in dem Vorgehen Methode: "Ich beobachte eine steigende Fallzahl systematischer Schikanen."

Johannes Schnell*, Mitarbeiter einer Frankfurter Bank, ist sich sicher, dass er bewusst als Opfer ausgesucht wurde. Schon seit ein paar Wochen sind sein Vorgesetzter und er nicht mehr einer Meinung. Nun bat ihn dieser zu einem Gespräch. Die Zeiten würden schlimm, verkündete er, die Arbeitsbelastung werde massiv steigen und er wisse ja, "nicht alle Kollegen können so etwas aushalten". Wer schnell von sich aus kündige, könne der Situation entgehen, so mit Arbeit überhäuft zu werden, "dass Fehler unvermeidlich sind."