Niedriglohn "Jeder Achte schafft den Aufstieg"

In großen Unternehmen schaffen es Geringverdiener leichter in besser bezahlte Positionen. Warum, das erklärt Jens Stephani vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

ZEIT ONLINE: Herr Stephani, wer wenig verdient, wird immer wenig verdienen. Zu diesem Ergebnis kommen mehrere aktuelle Studien zum Thema Niedriglohn. Sie arbeiten für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und haben die Aufstiegschancen von Beschäftigten im Niedriglohnbereich untersucht. Ist dieser Bereich eine Sackgasse?

Jens Stephani: Das ist eine Frage der Perspektive. Wir kommen in unserer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass etwa 13 Prozent der Beschäftigten, die im Niedriglohnsektor anfangen  – also etwa jedem Achten – der Aufstieg in einen besser bezahlten Bereich gelingt. Man kann jetzt sagen, nur 13 Prozent schaffen es. Man kann aber auch sagen: Immerhin sind es so viele. Interessant dabei ist, dass der Aufstieg Männern leichter gelingt: Jeder fünfte Mann schafft ihn, aber nur jede zehnte Frau. Erstaunlich für mich war auch, dass viele Beschäftigte im Niedriglohnsektor nicht schlecht qualifiziert sind: Rund 60 Prozent haben ein Fachabitur oder eine Ausbildung.

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ZEIT ONLINE: Frauen stellen ja einen Großteil der prekär Beschäftigten. Aber nicht nur sie sind benachteiligt, auch Menschen mit Migrationhintergrund. Stimmt das?

Stephani: Nach den von uns untersuchten Daten sind vergleichsweise viele Geringverdiener Menschen mit Migrationshintergrund. Den Aufstieg schaffen aber ebenso viele von ihnen wie von den Deutschen. Das war ein überraschendes und auch ermutigendes Ergebnis.

ZEIT ONLINE: Lässt sich aus den Daten ein Erfolgsrezept ableiten?

Stephani: Das wäre zwar schön, aber so einfach ist es nicht. Pauschallösungen kann man nicht ableiten. Aber wir haben festgestellt, dass die Größe des Betriebs beim Ausstieg aus dem Niedriglohn eine Rolle spielt. Je größer das Unternehmen, desto einfacher scheint es aufzusteigen. Umgekehrt heißt es, je kleiner der Betrieb ist, desto weniger wahrscheinlich ist ein rascher Aufstieg. Ein Grund dafür könnte sein, dass größere Unternehmen oft einen internen Arbeitsmarkt mit festgelegten Karrierelinien haben. Man fängt auf der untersten Position an und wird nach einiger Zeit befördert – und hat damit auch einen höheren Lohn.

ZEIT ONLINE: Aber auch der Wechsel in ein anderes Unternehmen hat eine positive Auswirkung? 

Stephani: Ja, wobei man annehmen muss, dass die Leute oft gerade deshalb in ein anderes Unternehmen wechseln, weil sie dort mehr verdienen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Weiterbildung?

Stephani: Das haben uns die Zahlen leider nicht verraten. Wir haben die Daten von etwa 30.000 Geringverdienern ausgewertet, die 1998 und 1999 im Niedriglohnsektor in Vollzeit beschäftigt waren – und die Entwicklung ihres Lohnes bis zum Jahr 2005 untersucht. Es hat sich aber gezeigt, dass der Anteil derjenigen mit einer hohen formalen Qualifikation unter den Aufsteigern hoch war. Und nur 1,9 Prozent der mehrjährigen Geringverdiener hatten ein Studium oder eine höhere Ausbildung.

ZEIT ONLINE: Welche Empfehlungen können Sie auf Grundlage der Untersuchung geben?

Stephani: Mit Handlungsempfehlungen tun wir uns schwer. Die Daten haben uns leider nichts über Leistungsbereitschaft, Familienstand oder weitere Informationen aus der Erwerbsbiografie verraten. Auch wissen wir nicht, ob die Geringverdiener dauerhaft aus dem Niedriglohnbereich aufgestiegen sind. Wir vermuten zumindest, dass Qualifizierungsmaßnahmen von staatlicher Seite helfen könnten.

Leser-Kommentare
  1. Sehr oft ist die Ironie des Lebens unterhaltsamer als das schönste Kabarett.

    1. Sind Zahlen aus dem Bereich 1999 - 2005 mit Verlaub gesagt steinalt und repräsentieren bestenfalls Zahlen aus dem beginnenden Strukturwandel. Wir erinnern uns an die erlahmte Hand eines Wirtschaftskanzlers.
    2. Es braucht nicht viel gesunden Menschenverstand um zu Erkenntnis zu kommen, dass der Aufstieg in größeren Firmen wahrscheinlicher ist. Fangen wir im Zwei-Mann-Betrieb an: Dort gibt es Chef und Mitarbeiter. Wohin soll der Mitarbeiter aufsteigen? Im 20-Mann-Betrieb ist die Situation nicht viel anders.
    3. Wir wollen bei aller Zahlenakrobatik nicht vergessen, daß die großen Unternehmer durch Auslagerung in Zweigfirmen, Auslagerung in Zeitarbeitsfirmen, Auslagerung in Niedrigstlohnfirmen ohne tarifliche Firmen einen Großteil der Geringverdiener erzeugt haben.
    4. Natürlich kommt es auf die Perspektive an: Man wird den Eindruck nicht los als würde das IAB nur die Ausgestaltung seines Elfenbeiturmes betreiben.
    5. Die Mitarbeiter des IAB können sich nicht ernsthaft über die Bildungsqualität der Niedriglöhner gewundert haben. Die Ausbeutung der Jungarchitekten war schon vor 15 Jahren in der Hochkonjunktur des Bauwesens bekannt. Die Ausbeutung der Praktikanten mit Hochschulabschluß ist auch kein neues Thema.
    6. Wenn 7 von 8 Niedriglöhnern der Aufstieg nicht gelingt, ist das keine Perspektive die den Betroffenen Mut machen kann. Insbesondere dann nicht, wenn über die Nachhaltigkeit und Qualität des sogenannten "Aufstieges" keine Aussage getroffen wird.

    • TDU
    • 24.08.2009 um 20:21 Uhr

    Wer schon mal Niedriglöhner war und nicht blöd ist, wird seine Chance nutzen. Insofern sind die Niedriglöhner vielleicht einsatzbereiter. Manbgels Geld haben die nichts vom Blaumachen und die Tricks des Nichtstuns bringen ihnen überhaupt nichts, wie den gut Verdienenden aber oft saturierten Mitarbeitern, die am 2 Januar schon alle Brückentage verplant und die Jahresgrippe einkalkuliert haben.

  2. ... zum einen werden endlich mal Fakten auf den Tisch gelegt, zum anderen hat es doch wieder Manipulations-Gschmäckle:

    "Erstaunlich für mich war auch, dass viele Beschäftigte im Niedriglohnsektor nicht schlecht qualifiziert sind: Rund 60 Prozent haben ein Fachabitur oder eine Ausbildung."

    Na sowas. Ist die Mär vom niedrig-Qualifizierten, oder gehen wir sogar noch weiter, die Mär vom Strukturwandel also doch totaler Blödsinn. Die Industrie in Deutschland ist nicht geschrumpft, einen Teil erledigen jetzt Billig-Leiharbeiter (Wolfgang Clement sei Dank) und ein Teil wurde gleich komplett nach China ausgelagert (auch das ist kein Strukturwandel, sondern Lohn- und Währungsdumping auf unsere Kosten).


    "Wir kommen in unserer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass etwa 13 Prozent der Beschäftigten, die im Niedriglohnsektor anfangen – also etwa jedem Achten – der Aufstieg in einen besser bezahlten Bereich gelingt"

    Die Fakten sind wirklich erschreckend, also fällt auch die Mär, jeder hätte eine Chance auf einen Aufstieg. Da fällt es sogar der ZEIT schwer was positives zu titeln "Jeder Achte schafft den Aufstieg“ kling nicht wirklich überzeugend. Man hätte natürlich auch schreiben können "7 von 8 kommen nicht mehr aus dem Niedriglohnbereich raus", das wäre irgendwie ehrlicher gewesen.

    "...Pauschallösungen kann man nicht ableiten."

    Ach? Ich schon: ordentlicher "Mindestlohn" nennt sich das. Hat die LINKE übrigens im Programm, wenn wir schon beim Wahlkampf machen sind. Die Etablierung eines Niedriglohnsektors wurde bewusst von der SPD und den Grünen voran getrieben, warum sollte man diesen Blödsinn nicht wieder rückgängig machen?

    "Aber wir haben festgestellt, dass die Größe des Betriebs beim Ausstieg aus dem Niedriglohn eine Rolle spielt."

    Wirklich, wie überraschend! Wurden Leiharbeiter da auch mit reingerechnet oder nur welche die direkt bei der Firma angestellt waren?

    "...dass Qualifizierungsmaßnahmen von staatlicher Seite helfen könnten."

    ;-) Klaro

    In wirtschaftlich starken Zeiten, nehmen Unternehmen sogar ungeeignete Mitarbeiter, lernen sie um, gehen auch mal Kompromisse ein. In wirtschaftlich schwachen Zeiten, nehmen sie nur noch die Sahne von der Torte. Durch Weiterbildung entstehen auch keine neuen Jobs (außer vielleicht in der Weiterbildungsbranche), schon gar nicht bei dem Kram den der Staat bisher anbietet. Im besten Fall ändert sich also die Reihenfolge der Arbeitslosen, die besser Qualifizierten verdrängen etwas niedriger Qualifizierte, die dann wiederrum auf Staatskosten umgelernt werden müssen... das verlangt schon die Logik.

    Das weiß auch der Staat, sonst würde er die AG zur Kasse bitten, für jeden umgelernten AN. Tut er aber nicht. Er schickt sie pro-Forma einfach mal in irgendwelche sinnlosen Kurse, dann sind sie zumindest aus der Statistik...

  3. Die Niedriglohngrenze liegt in Deutschland bei ca. 10 €/Std.
    Beschäftigungsverhältnisse wie Zeit- u. Teizeitarbeit, Leiharbeit und Minijobs gehen ca. 10,81 Mio. Menschen nach (Tendenz steigend!). Diese Arbeiten meistens weniger als 21 Wochenstunden und verdienen ca. 33 % weniger als den Normalarbeitsverhältnissen entsprechend. Fast die Hälfte dieser Beschäftigiten bezieht ein verdienst unterhalb der Sozialstandards.
    Damit man aus dem Niedriglohngrenze welche kunftige Generationen in die Armut bzw. Altersarmut gleiten lässt verhindere muss ein Mindestlohn deutlich oberhalb der Niedriglohngrenze liegt kommen. Z.B. 20 €/Std.
    sonst verfestigt sich das legitime Anreiz-Dilemma...
    die geiz ist geil metalität lässt grüssen...
    Gruss
    Trizmachine

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    ...war einmal in der misslichen Situation als Hochschulabsolvent in Zeitarbeit tätig sein zu müssen. 40 Stunden/Woche, natürlich rollend mit Anrechnung von 35 Stunden und Gutschrift der restlichen Stunden. Achso der Stundenlohn betrug 5,70 € brutto. Meine Tochter ist Friseuse. Sie geht mit ca. 4 € brutto in der Stunde und 10 - 12 Stunden pro Tag stolz nach Hause.

    ...war einmal in der misslichen Situation als Hochschulabsolvent in Zeitarbeit tätig sein zu müssen. 40 Stunden/Woche, natürlich rollend mit Anrechnung von 35 Stunden und Gutschrift der restlichen Stunden. Achso der Stundenlohn betrug 5,70 € brutto. Meine Tochter ist Friseuse. Sie geht mit ca. 4 € brutto in der Stunde und 10 - 12 Stunden pro Tag stolz nach Hause.

    • Zapp54
    • 25.08.2009 um 6:31 Uhr

    [entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion; svb]

    • Zapp54
    • 25.08.2009 um 6:33 Uhr

    http://www.wdr.de/tv/dies...

    "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." (Karl Valentin)

  4. Soso, jetzt weiss ich endlich was der Jens so im IAB macht.
    Jens, falls du das hier liest - mal wieder ins Stockholm?

    Ist klar, dass ihr hier natürlich wieder alle mehr Plan habt als Leute, die üer das gebiet promovieren...naja...Einbildung ist auch Bildung
    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und tragen Sie zu einer angenehmen Diskussionsatmosphäre bei. Die Redaktion/jk)
    ______________________________________________________________________
    "Zweifel ist keine angenehme Voraussetzung, aber Gewißheit ist eine absurde."
    "Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen"
    - Voltaire

  5. ...war einmal in der misslichen Situation als Hochschulabsolvent in Zeitarbeit tätig sein zu müssen. 40 Stunden/Woche, natürlich rollend mit Anrechnung von 35 Stunden und Gutschrift der restlichen Stunden. Achso der Stundenlohn betrug 5,70 € brutto. Meine Tochter ist Friseuse. Sie geht mit ca. 4 € brutto in der Stunde und 10 - 12 Stunden pro Tag stolz nach Hause.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 24.08.2009
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