Sarajevo-Film "Sturm" Kulisse der Gewalt
Er reißt alte Wunden auf – und erntet Dankbarkeit. Der deutsche Film "Sturm" erzählt von Verbrechen im Bosnienkrieg. In Sarajevo wurde er nun erstmals gezeigt – und begeisterte ein Publikum, für das der Krieg nicht vorbei ist
© promo

Grabesstille: Die Filmszene aus "Sturm" zeigt einen Friedhof muslimischer Kriegsopfer in Sarajevo
Sommer in Sarajevo, 14 Jahre nach dem Krieg, der Jugoslawien auseinandergerissen hat. Sommer und Frieden. Abends strahlen Lichtbündel die Moscheen im osmanisch geprägten Altstadtviertel Baškaršija an, wie überall auf der Welt, wo Touristen Schätze präsentiert werden. Plaudernde Paare sitzen in Cafés und Imbissen, aus Lautsprechern klingt folkloristische Popmusik, weiter entfernt stampfen Technorhythmen.
Elegant gekleidete Mädchen laufen Hand in Hand mit Sonnenbrillen tragenden Jungen durch die Gassen, dazwischen sieht man viele Touristen. In einem Café versucht ein Wirt, zwei Studenten aus Osnabrück den Besuch des Tunnels auszureden, der im eingekesselten Sarajevo während der Kriegsjahre als Versorgungspassage diente. "Des isch doch net interessant", sagt der Mann, "schaut euch lieber des Museum zum erschte Weltkrieg an, des isch spannend." Der Wirt ist Bosnier und hat, wie er sagt, jahrelang in Stuttgart an der Werkbank gestanden.
An den Hängen der Berge, auf denen einst die Geschütze der serbischen Armee standen, blinken jetzt Straßenlaternen wie Lichterketten. Erleuchtet ist auch die Vijeknica, die Nationalbibliothek, die 1896 unter österreichisch-ungarischer Herrschaft als Rathaus errichtet wurde. Ende August 1992, im ersten bosnischen Kriegsjahr, ging sie in Flammen auf. "Über der gesamten Stadt schwebten brennende Papierblätter, fragile Bögen aus grauer Asche, wie schwarzer, dreckiger Schnee”, schilderte der Bibliothekar Kemal Bakarsik das Desaster. "Fing man eins der heißen Blätter auf, konnte man einen Augenblick lang ein Fragment des Textes erkennen, sobald die Hitze verflog, löste es sich in der Hand zu Staub auf."
All das ist vorbei. Frieden und Sommer sind eingekehrt. Sieht man näher hin, erkennt man allerdings noch die Pockennarben der Einschüsse, auf den Fassaden der Altbauten in der Innenstadt wie denen der Plattenbauten außerhalb. Im Fernsehen laufen zwischen Werbung für Waschmittel, Sofortkredite und Sporttextilien auch Spots einer Hotline für Minenwarnungen. Die Fenster der Nationalbibliothek sind bis heute mit Brettern verbarrikadiert. Auf den Simsen wächst Unkraut, und viel mehr als Unkraut, sagen viele hier, ist seither nicht gediehen. Der Krieg und seine Folgen sind auch in der Nachkriegszeit präsent, auch jetzt, auch im Kino, und dort ganz explizit.
In Sarajevo läuft wieder das Filmfestival, zum 15. Mal bereits. Gegründet wurde es, der Zerstörung trotzend, während des letzten Kriegsjahres, 1994, mit Sandsäcken in den Bürofenstern der Organisatoren. Inzwischen ist es geradezu glamourös für hiesige Verhältnisse, aus Überlebensfestspielen sind, jedenfalls nach außen hin, ganz normale geworden, mit Partys und rotem Teppich für die Stars. Heute allerdings steht ein ganz besonderer Film auf dem Programm, der Politthriller eines deutschen Regisseurs. 3000 Zuschauer sitzen unterm Sternenhimmel im Freien und warten auf die Vorstellung von Hans-Christian Schmids "Sturm", einem Drama um das Den Haager UN-Tribunal für Kriegsverbrecher aus Ex-Jugoslawien.
Knorrige Bäume säumen den Sportplatz, der als Kinobühne dient, ringsumher drängen sich blätternde Fassaden. Das Publikum ist gespannt, Rascheln, Plaudern, Herumtippen auf Mobiltelefonen. Am Tag war es heiß, nun senkt sich Kühle von den Berghängen ins Tal, viele haben Tücher und Jacken mitgebracht, Paare legen einander die Arme um die Schultern. Dann gehen die Lichter aus, und der "Sturm" geht los. Fast unheimlich still wird das Publikum, gleich von der ersten Szene an, bei der jeder ahnt, was passiert. An einem Badeort in Spanien spricht eine kleine Familie miteinander auf Serbisch. Panisch sieht der Vater auf einem Parkplatz einen Wagen, der ihnen offenbar gefolgt ist. Dann greifen Ermittler in Zivil zu.
Drei Jahre später beginnt der Prozess gegen Goran Durik vor dem Internationalen Den Haager Tribunal. Dort will Staatsanwältin Hannah Maynard ihm seine Schuld nachweisen und ihn seiner Strafe zuführen. Sie will eine bestimmte Zeugin gegen Durik gewinnen, dem Deportationen bosnisch-muslimischer Zivilisten während der "ethnischen Säuberungen" des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 vorgeworfen werden. Doch die Zeugin will mit der Vergangenheit in Ruhe gelassen werden. Zusammen mit anderen Frauen war sie von Duriks Männern in einem Hotel im Ort Vilina Kosa festgehalten worden, das als Vergewaltigungslager diente. Mira Arendt hat einen Deutschen geheiratet, dem sie von alledem nie erzählt hat, sie lebt mit ihm und zwei Kindern in Berlin.
Gesucht hatten Schmid und Drehbuchautor Bernd Lange Figuren, die nicht dem Klischeebild entsprechen, keine Bäuerin mit Kopftuch, sondern eine Frau, sagt Schmid, "von der man denkt, die könnte meine Nachbarin sein". Sie fanden die in London lebende Rumänin Annamaria Marinca, weiche Gesichtszüge, kurzes Haar, die überzeugend spielt, wie auch Kerry Fox als Anklägerin. Zwischen Den Haag, Berlin und Bosnien wechseln dynamisch die Schauplätze, wechseln Ruhe und Tempo, wechseln die Sprachen und wechseln auch die Hoffnungen und Ängste der Beteiligten.
- Datum 05.09.2009 - 14:38 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel, 23.08.2009
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