Bund der Vertriebenen Szenen einer Wiedervereinigung
Spagat zwischen Leiden und Politik: Angela Merkel versucht fünf Wochen vor der Wahl, die Vertriebenen und ihre Präsidentin wieder für sich zu gewinnen
Das Ännchen von Tharau, sagt die Kanzlerin, das sei ja eins von ihren Lieblingsliedern. Man hat das von Angela Merkel bisher auch noch nicht gewusst. Vor allem aber trägt es ihr anerkennendes Raunen im Saale ein. Das Ännchen von Tharau, eine ostpreußische Schnulze aus dem 17. Jahrhundert, ist nämlich so etwas wie die inoffizielle Hymne der Heimatvertriebenen. Die thüringischen Chöre des Bundes der Vertriebenen (BdV) als musikalisches Begleitprogramm beim "Tag der Heimat" haben das Lied vorgetragen. Jetzt warten die über tausend Teilnehmer im Berliner ICC auf die Rede der Kanzlerin. Und sie bekommen geboten, was zu erwarten war: Szenen einer Wiedervereinigung.
Die war, beide Seite wussten es, dringend noch mal fällig, obwohl der ernste Krach zwischen der CDU-Vorsitzenden und den Vertriebenen schon ein halbes Jahr zurückliegt. Aber der Anlass besteht ja fort. Nach wie vor lässt der BdV einen seiner Sitze im Beirat der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" unbesetzt. Nach wie vor besteht BdV-Chefin Erika Steinbach darauf, dass dieser Sitz ihr zusteht. "Es geht in dieser Frage nicht um mich", betont die CDU-Politikerin am Samstag im ICC. "Es geht um die Freiheitsrechte dieses Staates." Wo man denn hinkäme, wenn sich Verbände von außen vorschreiben ließen, wen sie auf einen ihnen zustehenden Posten entsenden! "Das lassen wir uns nicht nehmen", ruft Steinbach in den langen Applaus hinein, "von niemandem, weder im Inland noch im Ausland!"
Im Inland, das waren zu Jahresanfang die sozialdemokratischen Koalitionspartner, im Ausland die Hardliner in Polen, die die Verbandspräsidentin nicht in dem geschichtspolitisch heiklen Gremium vertreten sehen wollten. Und Merkel hatte sich nicht für Steinbach stark gemacht. Dahinter steckte neben der allgemeinen Merkelschen Unlust an unbequemen Festlegungen der Versuch, einen veritablen deutsch-polnischen Krach zu vermeiden. Der hätte den im Kanzleramt als Pragmatiker geschätzten Ministerpräsidenten Donald Tusk geradezu gezwungen, selbst den Hardliner herauszukehren, womöglich mit der Folge, dass das ganze Projekt einer Gedenkstätte gegen Flucht und Vertreibung geplatzt wäre. Steinbach hat versichert, dass sie diese Zwangslage sehe, und selbst den Ausweg des "leeren Stuhls" gewiesen. Viele Vertriebene sahen das anders. Sie fühlten sich verlassen, ja verraten.
Merkel hat hinterher versichert, dass der BdV das Recht habe, den leeren Stuhl nach eigenem Willen zu besetzen; aber zu dem Zeitpunkt war dies Bekenntnis schon folgenlos. Es ist also noch einiges offen zwischen der Kanzlerin und den Vertriebenen. Dass Merkel nächste Woche nach Polen reist, ausgerechnet zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls, macht den Besuch im ICC doppelt heikel. Ungewöhnlich ist er auch so. Merkel war zuletzt als Kanzlerkandidatin 2005 bei einem "Tag der Heimat". Der erste Kanzler, der überhaupt je bei diesem Vertriebenentreff aufgetreten war, war im Jahr 2000 – ausgerechnet – der SPD-Mann Gerhard Schröder. Helmut Kohl hielt auf Distanz. Er musste ja auch noch den erbitterten Streit in der eigenen Unionsfraktion um die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze ausfechten, ohne die die deutsche Einheit nicht zu haben war.
Für die politische Enkelin Merkel sind das Kapitel aus dem Geschichtsbuch, fast so fern wie die Vertreibung selbst. Die Weiß- und Grauköpfe in den Stuhlreihen hinter ihr sind ja die letzten, die die Schrecken der letzten Kriegstage und der ersten Nachkriegsjahre erlebt haben. Ein kurzer Ausschnitt aus einem neuen Dokumentarfilm ruft die Erinnerungen wach: Elendstrecks auf dem brüchigen Eis des Kurischen Haffs, die Reste einer Kolonne, die ein Panzer in den Schnee gewalzt hat, und die alte Frau, die in entsetzlicher Sachlichkeit in die Kamera hinein berichtet, wie der Soldat sie selbst vergewaltigt hat und ihre Kinder erschossen, den Säugling im Wagen zuletzt.
Merkel bewältigt den Spagat zwischen Leiden und Politik, erlittener Geschichte und ihrer Instrumentalisierung für durchaus heutige Zwecke auf ihre Weise. "Wir können Leid nicht ungeschehen machen", sagt sie, aber: "Die Wahrheit lässt sich auf Dauer nicht leugnen." Zur Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Erinnerns gehöre indes auch, dass die Vertreibung "unmittelbare Folge deutscher Verbrechen" war: "Es gibt kein Umdeuten der Geschichte." Das sind die Passagen in ihrer Rede, die vor allem den polnischen Journalisten oben auf der Galerie zugedacht sind.
Auf das Publikum im Saal sind andere Sätze gezielt: Zum Beispiel, dass die Vertriebenen mit ihrer Charta von Stuttgart schon 1950 auf Rache und Revanche verzichtet hatten und so "Botschafter der Versöhnung" geworden seien, "Botschaftern der Verständigung in Europa". Auf den Streit um die Stiftung geht sie nur kurz ein: eine "lange, kontroverse, manchmal unsägliche Diskussion" – aber das Ziel, die Stiftung selbst verwirklicht. In der nächsten Legislaturperiode, verspricht die Kanzlerin, werde sie "hart arbeiten" daran, das Konzept umzusetzen.
- Datum 22.08.2009 - 19:46 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Zitat von Willy Brandt vom 28. Oktober 1969
Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun.
schlägt wieder zu. Gelernt ist halt gelernt.
Der Spagat wird allmählich zum Ausrutscher. Ihre Mutter stammt aus Elbing. Selbst das ist an ihr abgeglitten.
ist keine Schnulze, viel mehr ein sehr schönes und anrührendes altes Liebeslied, durchaus mit eigenwilliger Poesie. Allein die Verse
"Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Solln unsrer Liebe Verknotigung sein"
sind einmalig. Die Wortschöpfung "Verknotigung" als Höhepunkt des Verspaares ist von größter Prägnanz. Da changiert der Text zwischen ernstem Inhalt und kurioser Sageweise auf eine Weise, die zeigt, dass das Sprechen von der Liebe grenzwertig ist und deshalb mitunter seltsame Blüten treibt. Ich jedenfalls will diese entzückenden Zeilen nicht missen.
Ich kann verstehen, wenn alte Menschen in guter Erinnerung an ihre Heimat denken, aus der sie infolge der Kriegsgeschehen vertrieben wurden. Solche Erinnerungen sind im Rückblick überwiegend Erinnerungen an Elternhaus, Schule und erste Lieben. Wir sprechen heute also von Menschen der Jahrgänge um 1920.
Es wird wohl nur noch wenige 80 bis 9ojährige geben, für die der Bund der Vertriebenen eine politische Funktion ausüben kann. Später geborene haben ihre Sozialisatin in der Zeit nach 1945 in der Bundesrepublik oder in der DDR erlebt. Für die kann der BdV nicht sprechen und Interessen wahrnehmen.
Deshalb frage ich mich auch immer, wenn ich lese, >Präsidentin des Bundes der Vertriebenen<, wen vertritt die Dame denn nun, oder vertritt sie nicht nur so eine Art Folkloreverein mit Rückgriff auf lange zurücklegende schöne, aber überholte Traditionen?
Das Lied der „Ännchen von Tharau“ kenne ich auch, mein Großvater hatte es auf meine 1867 in Rommenau, Kreis Breslau geborene Großmutter umgedichtet. Weil sie Anna hieß, sang er immer „Ännchen von Rommenau“ Beide sind lange tot, auch die ausgedrückte Innigkeit dieses romantischen Liedes ist lange vergangen - so ist das eben mit Erinnerungen!
Letztes Jahr war ich zum ersten Mal nach Kriegsende in meiner Geburtsstadt Breslau. Ich war beeindruckt von der Lebendigkeit der Stadt und von ihren Bewohnern. Sie hat offensichtlich die alte kulturelle Brückenfunktion wiedererlangt, die sie auch vor dem Krieg hatte. Es wird auch wieder Deutsch gesprochen, obwohl Englisch eigentlich jeder zu sprechen scheint.
Es gibt auch in Polen Vertriebene, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, wenn auch unter anderen Voraussetzungen. Man sollte den alten Vorschlag wieder aufgreifen ein gemeinsames Zentrum der Erinnerung dieser Geschehnisse in Breslau errichten. Das ausgerechnet im Land der Verursacher ein solche Versöhnungsstätte entstehen soll ist ein Widerspruch in sich.
Für Frau Steinbach wäre das eine lohnende und zukunftsweisende Aufgabe. Zum Schluss könnte sie dann den Verein auflösen, weil der letzte echte Vertriebene bis zur Realisierung wohl verstorben wäre.
Es wird dringend Zeit sich Gedanken über die gemeinsame Zukunft in Europa zu machen, als die gehabten Differenzen zu pflegen!
Die deutschen Vertriebenen haben hierzulande einen schweren Stand. Selbst die Minimalforderung nach einigen Räumen in einem Museum gilt als umstritten. Ganz zu schweigen von der Forderung nach der Abschaffung von Vertreibungsdekreten, Erhalt ihrer 800-jährigen Kultur, Unterstützung für die in der Heimat verbliebenen Minderheit und der Hoffnung, dort wieder willkommen zu sein. Die Politikerin Erika Steinbach klammert dies alles aus. Merkel stehen die ehemaligen Bruderstaaten näher als Vertriebene, Katholiken, Arbeitslose.
Auch die deutsche Bevölkerunghat mehr Verständnis für ausländische Opfer"ethnischer Säuberung"
Ich bin Vertriebener.Habe mir gerade von meiner Heimatstadt Landsberg/Warthe -heute Gorzow - meine Geburtsurkunde schicken lassen.
Ich bin 82 Jahre liebe nach wie vor meine Heimat -Die Neumark in Brandenburg.Ich wünsche allen jetzigen Bewohnern das gleiche Heimatgefühl sie zu vertreiben wäre ein neues Verbrechen.
Mit Vertreibungen mit dem Elend der Menschen -Deutschen wie Polen- sollte man nicht Wahlkampf treiben. Wir Landsberger und Gorzower sollten gemeinsam den Politikern klar machen: Wer Vertreibung egal welcher Form zu seinem Vorteil ausnutzen will dem zeigen wir die rote Karte denn schäbiger geht es nicht mehr. Ich bin ein Europäer!
Walter Wasilewski
Da zeigt Frau Merkel doch, wie schwarz die Ecke wirklich ist, in der sie sich versteckt! Kaum ein Verband hat in Deutschland so viel Schaden angerichtet wie der Vertriebenenverband mit seiner Vorsitzenden Erika Steinbach. Er verhindert eine Aussöhnung mit Deutschlands östlichen Nachbarn UND er verhindert eine Aussöhnung der Vertrieben mit ihrer Vergangenheit. Ich bin entsetzt wie sogar die Kinder der Vertriebenen noch aufgehetzt werden und ihnen ein Unrecht eingeredet wird, das keines ist.
Ich habe großes Verständnis für die Heimatliebe der Vertriebenen! Aber die Vertriebenen, die ihre alte Heimat besonders lieben, respektieren auch die Menschen, die dort heute leben und sind bereit, den Schmerz, der auf beiden Seiten der Grenze verursacht wurde, endlich zu vergessen. Und diese Vertriebenen schließen sich ganz sicher nicht einer Erika Steinbach an! Ihr Geschichts- und Politikverständnis ist von vorgestern!
Dort auf Stimmenfang zu gehen, statt endlich mit einem konkreten Wahlprogramm herauszurücken, ist billig und feige Frau Merkel!
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