Jetzt darf er noch einen Moment beim Fliegen zusehen, das ist die Belohnung für einen weiten Wurf, zu schauen und zu hoffen, dass der Diskus nicht mehr so schnell herunterplumpst vom Himmel. Jeder Sekundenbruchteil macht viele Meter aus, und als sein Diskus dann gelandet ist auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions, ahnt Robert Harting, dass er eine einmalige Chance genutzt hat.

Es ist ein Wettkampf starker Männer, das Diskuswerfen, mit dem Diskus in der Hand standen Athleten in der Antike Modell, heute können die besten die zwei Kilo schwere Scheibe um die 70 Meter weit werfen. Aber in einem Wettbewerb reagieren sie manchmal äußerst empfindlich. Sie lassen sich schocken, wenn der Konkurrent einen Wurf weit rausgehauen hat und sie auf einmal nicht mehr wissen, ob sie ihn übertreffen können.

In diesem Weltmeisterschaftsfinale beeindruckt Piotr Malachowski aus Polen alle, setzt sich mit seinem ersten Wurf an die Spitze, mit seinem fünften von sechs erhöht er den Sicherheitsabstand zum Zweiten. Dieser Zweite ist Robert Harting, 24 Jahre, Sportsoldat, der Berliner bei dieser Leichtathletik-WM mit den besten Erfolgsaussichten und der deutsche Athlet mit dem Talent zum Eklat.

Er hat in diesem Finale an seiner Leistungsgrenze geworfen. Als er zum letzten Mal den Ring betritt, der dank fast unsichtbarer Netze gar nicht mehr wie ein Käfig aussieht, rudert er mit den Armen, er will das Publikum noch einmal hören in seiner Stadt. Die Scheibe lässt er mit Urgewalt fliegen, aber auch mit fein abgestimmter Technik, hoch und weit hinaus, 69,43 Meter, fast 80 Zentimeter weiter als der beste Wurf seines Lebens, jetzt hat er Malachowski geschockt. Als der nichts zuzusetzen hat, galoppiert Harting durchs Stadion mit beiden Händen hinter den Ohren, Krach will er haben für den neuen Weltmeister. Mit einer Hand fährt er sich über den Mund, als seien seine Lippen ein Reißverschluss. In diesem Moment will und muss er einmal nichts sagen, so kann er auch nichts Falsches sagen wie noch einen Tag zuvor, als er einen Skandal verursacht hatte.

Seine Worte werden ihn jedoch am nächsten Morgen einholen, er ist noch im Siegestaumel, die Nacht über hat er nicht geschlafen, um die Häuser gezogen ist er mit einer Gruppe, er nennt sie nicht Freunde, Kollegen, nicht mal Kumpels, sondern "Rotte". So spricht er gerne, ruppig, nennt Bier "Männermilch", sagt, dass er beim Werfen "eher so der Marktplatztyp" sei und ihm vor lauter Motivation "drei Adern mehr auf dem Arm wachsen".

Nun sitzt Harting auf einer Treppenstufe im Nike-Town in der Tauentzienstraße, so überragt er mit seinen 2,01 Metern Körpergröße nicht mehr die um ihn stehenden Journalisten. Harting ist eingekreist wie von Netzen im Wurfring, und er muss mit seinen Antworten in die Gasse treffen. Nur sind zuletzt viele Antworten von ihm hängengeblieben im Netz.

Verfangen hatte er sich in den letzten Wochen oft. Erst überlegte er, ob Doping erlaubt werden sollte, weil sich dann keiner mehr drüber aufregen würde, beschimpfte dann den Deutschen Leichtathletik-Verband, "die sitzen doch nur alle rum", und sagte über Verbandspräsident und Generalsekretär: "Die brauchste eigentlich nicht." Es folgte jeweils ein "war nicht so gemeint". Doch am Dienstag war es dann auf einmal zu viel.