Schon mit fünf unterschied sich Valerie Finnis erheblich von ihren Altersgenossen. Während die gern Gänseblümchen pflückten, pflanzte Valerie sie in ihrem eigenen Garten ein. Die Großmutter hatte ihr ein Exemplar der Sorte Rob Roy überlassen und sie gelehrt, „Pflanzen mit Ehrfurcht zu behandeln – sie haben eine Persönlichkeit“. Und Valerie handelte danach. Im Internat billigte man ihr eine eigene Parzelle zu, deren Betreuung sie über das Heimweh hinwegtröstete. Eine wie Valerie musste einfach Gärtnerin werden. Mitte der 50er Jahre, da war sie Anfang 30, kam eine neue Leidenschaft hinzu: das Fotografieren. Pflanzen und Blumen lichtete sie ab – und jene, die sie hegten und pflegten.

Valerie Finnis verstarb 2006 mit 81 Jahren. Ein wunderbares Buch erinnert jetzt an ihr Lebenswerk. Die Fachjournalistin Ursula Buchan dokumentiert darin die Arbeit der fotografierenden Gärtnerin. Und sie stellt jene 55 Gartenenthusiasten vor, die Finnis – jeweils in ihrem blühenden Reich – mit der Kamera beobachtet hat. Auch Finnis’ Mann Sir David Scott gehört dazu. Mit kariertem Hemd, Weste, Krawatte und braunem Hut steht er vor einer weiß-gelb wuchernden Carpenteria california. Und trägt, wie ein Blumenmädchen zur Hochzeit, mit ernster Miene einen Korb bunter Frühlingsblumen. Bei einem Besuch in ihrem Alpengarten hatte Valerie Finnis den pensionierten Diplomaten kennengelernt und sich in ihn verliebt, weil er eine rare Pflanze auf Anhieb identifizieren konnte. Nach der Trauung 1970 begab sich das Ehepaar nicht auf Hochzeitsreise, sondern schnurstracks zum Unkrautjäten in den Garten.

Ein bisschen schrullig wirken sie alle, die britischen Gartenliebhaber. Fred Nutbeam, der ein Vierteljahrhundert als Obergärtner für die Gärten des Buckingham-Palasts zuständig war ebenso wie der Rosenzüchter Graham Stuart Thomas, im grauen Anzug vor pinkfarbenen Prachtexemplaren. Oder Lady Nancy Lancaster, die in ihrem Garten einen Tunnel aus Goldregen anlegte. Man sieht Cecily Mure, wie sie ihren alpinen Minigarten im langen Seidenkleid gießt und die betagte Amy Doncaster, die in Hut und Mantel Erde mit einer Grabgabel lockert. Meist sieht man die Menschen voller Zufriedenheit in ihre Arbeit vertieft. Gärtnern, so scheints, macht glücklich. Manchmal schaut auch ein Hund seinem Besitzer zu. Es verwundert kaum, dass es sich bei den Vierbeinern meist um Tiere mit Charakter handelt: In der Mehrzahl sind es Möpse.

Nach dieser Lektüre versteht man besser, warum Englands Gärten die schönsten Europas sind. Denn da sind eben Enthusiasten und Exzentriker am Werk, zupfen hier, schnippeln da und wachen selbst mit altersgebeugten Rücken noch über ihre Pflanzenschätze. Viele Fotos sind in den 60er Jahren entstanden, und wahrscheinlich tragen englische Gärtner heute seltener Tweed bei der Arbeit. Aber ihrer Tradition bleiben die Engländer noch heute verhaftet. 1930 hob die BBC eine Sendung mit dem Titel „The Gardeners’ Question Time“ ins sonntägliche Programm, in der man Gartenfragen mit Experten diskutieren konnte. Die Sendung gibt es heute noch. Hella Kaiser

— Ursula Buchan:

Als die Gärtner Tweed trugen. Valerie Finnis und der englische

Gartenadel, aus dem Englischen von Dörte Fuchs und Jutta Orth, Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2009,