Ein Aufschrei, Tausende springen von ihren Sitzen, sie ist doch schon drüber, sie hat es doch schon geschafft, sie hat diese verdammte Latte doch schon überquert. Alle sehen das, alle denken das, Günter Eisinger der Trainer brüllt und reißt die Arme hoch. Aber Ariane Friedrich ist nicht drüber, sie reißt mit den Waden, in den letzten Millisekunden des Flugs, sie hat die 2,06 Meter nicht geschafft. Ariane Friedrich hat in dieser Sekunde Gold verloren, sie hat Bronze gewonnen. Das Gold geht an Blanka Vlasic, die Titelverteidigerin aus Kroatien, die große Rivalin von Ariane Friedrich aus Frankfurt. Vlasic hat 2,04 Meter überquert, die Höhe, an der Friedrich zweimal gescheitert ist. Silber gewinnt die Russin Anna Tschitscherowa. Vlasic versucht sich sogar noch am Weltrekord. Aber 2,10 Meter sind zu viel.

Ariane Friedrich hat Bronze gewonnen. Aber gestern Abend hat sie noch viel mehr gewonnen. Die Sympathien von unzähligen Fans. Diese Ariane Friedrich hat in wenigen Minuten das Bild und das Klischee der kalten, arroganten Athletin zerstört. Im Olympiastadion trat eine Frau auf, die eine extreme Fairness und eine große Souveränität demonstrierte. Alles vermischte sich bei diesem Auftritt. Die Erleichterung, dass der ganze Druck jetzt vorbei ist, die ehrliche Gratulation an die Bessere, der Dank an ein Publikum, das nicht bloß sie, sondern auch ihre größte Rivalin unterstützte und feierte.

Zwei, drei Sekunden presste sie nach ihrem knapp gerissenen Versuch die Hände vors Gesicht, fassungslos wie alle im Stadion. Aber dann löste sich die ganze Spannung abrupt mit einer Geste. Wie ein Schauspieler nach einer besonders gelungenen Aufführung verneigte sie sich, bis ihr Kopf ihre Beine berührte, dann ging sie zu den Rängen, dankte allen Zuschauern, lachte und genoss die Stimmung. Und das Publikum nahm diese Gesten auf, die emotionale Wärme erfasste alle 57 937 auf den Plätzen.

Das alles konnte man als puren Druckabbau betrachten. Ariane Friedrich, die so extrem unter Druck stand, baute diesen Druck mit Fröhlichkeit ab. Aber dann ging es weiter. Sie fiel Vlasic um den Hals, klopfte ihr auf den Rücken, die Anerkennung für eine nervenstarke Vorstellung. Die beiden waren nie Freundinnen, sie werden auch nie welche werden, aber sie kamen sich in diesen Minuten emotional so nahe, wie es ihnen derzeit wohl möglich ist.

Als dann Vlasic am Anlauf zu ihren Weltrekordversuchen stand und die Zuschauer zum rhythmischen Klatschen animierte, da wandte sich die Deutsche an die Fans und klatschte demonstrativ mit. Sie klatschte auch mit, als sie mit ihrer Berliner Teamkollegin Meike Kröger auf der Bank saß und quasi unbeobachtet war. Das war nur noch die Bestätigung, dass hier keine Inszenierung stattfand.

Jeder hatte ein Duell erwartet, in dem die Nervenstärkste gewinnt. Ein Duell mit den üblichen Psychospielen, diese Tricks, die diese Zweikämpfe zwischen Vlasic und Friedrich zuletzt prägten. Es ging ja auch um die Psyche, darum, die Andere besonders zu beeindrucken. Bis zur Entscheidung ging es darum.

Erster Auftritt Friedrich. Sie springt 1,92 Meter. Meike Kröger dagegen scheitert dreimal. Neue Höhe 1,99 Meter. Ariane Friedrich schafft die Höhe, aber es ist knapper als erwartet. Dann Vlasic, die heiße Phase dieses WM-Duells hat begonnen. Vlasic streift die Latte mit der Ferse. Die Latte bleibt liegen.