Irgendwann mal zuckte Pierre Weiss nur noch mit den Schultern. Da standen diese ganzen Journalisten vor ihm, bombardierten ihn mit Fragen und wollten doch tatsächlich wissen, ob es denn schon früher Verdachtsmomente gegeben habe. Ja, du lieber Gott, erwiderte da der Generalsekretär des Weltverbands IAAF, "wir haben vor kurzem diesen Namen doch überhaupt zum ersten Mal gehört". Caster Semenya, das ist der Name. Jetzt kennt ihn jeder. Caster Semenya gewann die 800 Meter, mit zehn Metern Vorsprung, in 1:55,45 Minuten, in Weltjahresbestzeit.

Das alles ist klar. Unklar ist nur, ob Caster Semenya, die 18-jährige Studentin der Sportwissenschaften, überhaupt weiblichen Geschlechts ist. Mindestens zwei Wochen wird es dauern, bis die Ergebnisse der beiden Geschlechtstests da sind, die in Labors in Berlin und in Südafrika untersucht werden. "Und wenn sich herausstellt, dass sie keine Frau ist, dann wird ihr das Gold aberkannt", versicherte Weiss.

Die 18-Jährige konnte man nicht befragen, die saß abgeschirmt irgendwo im Olympiastadion. "Sie wäre in einer Pressekonferenz überfordert mit der Situation, sie ist doch noch so jung", sagt Weiss. Vor drei Wochen noch war sie eine unbekannte Läuferin, die im Fernsehen gerne Wrestling-Shows sieht. Aber dann lief sie bei den Afrikanischen Junioren-Meisterschaften quasi aus dem Nichts 1:56,72 Minuten und damit an die Spitze der Weltjahres-Bestenliste. Das nährte den Verdacht, dass da ein männliches Wesen im Frauenwettbewerb auftaucht.

Ein schwieriges Thema, zumindest bis zum Resultat des Geschlechtstests. Mal angenommen, Caster Semenya wäre wirklich ein junger Mann, der sich als Frau ausgibt. Dann hätte er eine verdammt schlechte Zeit. Andreas Lange, Jahrgang 1991 wie Semenya, ist derzeit der beste deutsche 800-Meisterläufer in der Rangliste des Deutschen Leichtathletik-Verbands. Langes Bestzeit in diesem Jahr liegt bei 1:50,21 Minuten. Selbst die Nummer zehn der DLV-Jahres-Bestenliste ist noch 1:52,89 Minuten gelaufen. Dagegen wirkt selbst die Siegerzeit von Semenya in Berlin kümmerlich.

Mehr Sinn ergäbe das Ganze, wenn man sich auf genetische Anomalien konzentriert. Es gibt Menschen mit männlichen Chromosomen, der XY-Kombination, deren männliche Geschlechtsorgane zurückentwickelt sind, die dafür aber ausgeprägte weibliche Geschlechtsorgane besitzen. Diese Menschen haben dann einen Hormonhaushalt, der eher dem einer Frau entspricht, aber nicht mit dem einer Frau identisch ist. Das bedeutet, dass so jemand zum Beispiel auch eine stärkere Muskelmasse besitzt als eine Frau, aber weniger als ein Mann. So jemand steht, rein körperlich gesehen, zwischen Mann und Frau. Rein genetisch aber gilt er als Mann. Und damit darf er, gemäß den Regeln des Welt-Leichtathletik-Verbands, nicht bei den Frauen starten. Da war Pierre Weiss eindeutig. Dick Davies dagegen, der IAAF-Sprecher, sagte, er wisse auch nicht, was passieren würde, wenn sich herausstellen sollte, dass die 18-Jährige unwissentlich ein Mann sei.

Im Fall der Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum, die sich zum Mann hat umwandeln lassen, ist der Fall klarer. Yvonne Buschbaum war eine Frau, die sich immer als Mann fühlte und sich deshalb 2008 hatte operieren lassen. Die zweimalige EM-Dritte mit einer Bestleistung von 4,70 Meter sagte: "Seit vielen Jahren befinde ich mich gefühlsmäßig in einem falschen Körper." Inzwischen ist sie Balian Buschbaum, ein Mann. Vor der Geschlechtsumwandlung ist sie zurückgetreten. "Sie hätte problemlos bei den Männern starten können", sagt Jan Kern, der Technische Direktor des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). In solchen Fällen müsse nur eine bestimmte Frist eingehalten werden.

Während der hormonellen Behandlung, durch die man durch die hohe Dosis an männlichen Hormonen Vorteile gegenüber Konkurrenten hätte, darf man nicht starten. Wenn sich der Hormonhaushalt wieder auf Normalmaß eingependelt hat, ist ein Start hingegen problemlos möglich.