Musik aus Äthiopien Stimme von kaiserlicher Gnade
In Äthiopien nennen sie ihn nur "The Voice": Tlahoun Gèssèssè war der Popstar des Swinging Addis Abeba in den Sechzigern. Endlich werden seine Platten wiederentdeckt
© Coll. Éthiopiques/Buda Musique/Paris

Der Sänger Tlahoun Gèssèssè in goldenen Zeiten. Er starb am 19. April 2009 im Alter von 68 Jahren
Samtig weich und tief ist die Stimme Frank Sinatras, den man in Europa und Amerika "The Voice" nennt. Wie muss einer klingen, den sie in Afrika "Die Stimme" nennen?
Auf jeden Fall anders. Die äthiopische Voice gehörte Tlahoun Gèssèssè. Beseelt und intensiv ist sie. Wandelbar, mal treibend, mal gelassen. Und, ja, unseren Ohren gewöhnungsbedürftig. Gèssèssè jammert, er schreit, er presst sich die Worte aus dem Leib. Dann wieder jauchzt er, lässt die Töne tanzen. Und auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, wovon er singt: Liebe. Gewonnene Liebe, verlassene Liebe, zurückgewonnene Liebe, wiederverlorene Liebe.
Gèssèssè verdankt den ehrenvollen Spitznamen nicht allein dem Klang seiner Stimme, dem raschen Auf und Ab der Töne, seinem euphorischen Timbre. Vielen galt er als Stimme Äthiopiens, weil er ihnen aus dem Herzen sang, weil er ihnen im von erst kolonialer Fremdbestimmung, dann kaiserlicher Herrschaft und schließlich sozialistischem Regime gebeutelten Land Halt gab. Und er verband die beiden größten Ethnien Äthiopiens. Sein Vater stammte aus der Gruppe der dominanten, christlichen Amharen, seine Mutter gehörte den Oromo an, der größten und moslemisch geprägten Ethnie des Landes.
Gèssèssè wurde zum ersten gesamtäthiopischen Star, er wird heute noch über ethnische und sprachliche Grenzen hinweg verehrt. Als er vor wenigen Monaten im Alter von 68 Jahren starb, unterbrachen die Radio- und Fernsehsender Äthiopiens ihr Programm. Am Tag seines Staatsbegräbnisses nahmen mehr als eine Million Menschen an einer Trauerfeier in Addis Abeba teil.
Bekannt wurde Gèssèssè in den Sechzigern, in den wild vibrierenden, goldenen Jahren der äthiopischen Tanzmusik. Damals galt Addis Abeba als afrikanische Antwort auf das swingende London. Das Nachtleben in "Swinging Addis" war wild, die Musik lebendig und experimentell. Traditionelle Stile flossen mit Rhythm 'n' Blues zusammen, mit Soul, Funk und freiem Jazz. Vor allem zwei Ensembles verschossen ein musikalisches Feuerwerk: Das Polizeiorchester und die Band aus Kaiser Haile Selassies kaiserlicher Garde. Da grummelten tiefe Bässe zu jauchzenden Bläsern, klirrten die Gitarren auf den dünnen Seiten – diese neuen Lieder waren modern in Instrumentierung, Arrangement und Groove, und traditionell äthiopisch in den Melodien und Stimmungen. Gèssèssè war ein Meister dieser neuen Mischung.
Es heißt, eine Aufführung der Theatergruppe Hager Fikir an seiner Schule habe ihn in jungen Jahren dazu getrieben, nach Addis Abeba abzuhauen. Zuerst verdingte er sich mit den Schauspielern, dann warb ihn die Band der kaiserlichen Garde an, da war er kaum zwanzig Jahre alt. Im Kaiserreich Haile Selassies durften Sänger nur öffentlich die Stimme erheben, wenn sie Mitglied einer Band waren – und Bands durften nur in offiziellen Institutionen gegründet werden. Gèssèssè also sang zunächst mit dem herrschaftlichen Sicherheitspersonal – und wurde mit ihm landesweit bekannt.
- Datum 03.09.2009 - 16:03 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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von Mulatu Astatqè, vor allem aber den legendären Sängern Machmud Achmed und Alemajehu Aschete stand, ist Swinging Addis, dieser goldene Moment amharischen Musikschaffens ohne ihn nicht denkbar.
Als ich 1999 in Äthiopien nach Aufnahmen von ihm suchte, habe ich nirgends etwas gefunden. Es ist in der Tat das Verdienst des französischen Labels Buda Musique, dass auch sein Oevre 2004 (mit der Folge 17 der CD-Reihe Éthiopiques) wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde.
Gèssèssès Stimme ist übrigens nicht samtig weich und tief wie die Frank Sinatras, sondern für europäische Hörgewohnheiten eher schrill gewesen. Dafür verstand Gèssèssè etwas von Rhythmus - was man von Sinatra bekanntlich nicht behaupten konnte.
Die Oromo sind kein islamisch geprägtes Volk. Der islamsierte Anteil liegt bei ihnen bei 30-40%, entspricht also dem Landesdurchschnitt. Gèssèssès Mutter war, nebenbei bemerkt, nicht islamisch. (Ehen zwischen islamischen Frauen und nicht-islamischen Männern sind nach moslemischer Auffassung streng verboten und enden in der Regel auch in Äthiopien mit einem »Ehrenmord«.)
Bleibt außerdem noch anzumerken, dass es in Äthiopien keine Epoche »kolonialer Fremdbestimmung« gegeben hat. Woher haben Sie diesen Quatsch? Nach der erfolgreichen Abwehr islamischer Eroberer aus dem Sudan im 19. Jahrhundert, gab es eine 5 Jahre andauernde Besetzung von Teilen Äthiopiens durch Truppen des faschistischen Italiens. Mussollinis Soldaten wurden im Lauf des 2. Weltkriegs allerdings durch britische Verbänden vertrieben. Eine Kolonialzeit, wie sie z.B. Indien oder unzählige afrikanische Regionen prägte hat es in Äthiopien nie gegeben.
Bitte in Zukunft Fakten statt zeitgeistkonformer Allgemeinplätze!
Lieber Herr Rueger,
schön, dass Ihnen diese Musik genauso nah geht wie mir. Um Ihre Aufregung ein bisschen zu mildern erläutere ich Ihnen gerne, was mir beim Schreiben Fakt war:
Der Zensus des Jahres 2007 ergab, dass rund die Hälfte der Oromo in der hauptsächlich von Oromo bewohnten Region Oromiyaa muslimischen Glaubens sind. Da darf man meines Erachtens doch mit Fug und Recht von einer Prägung sprechen. (Quelle: http://www.jimmatimes.com...)
Dass Gèssèssès Mutter Muslimin war habe ich nicht behauptet. Ich pflichte Ihnen aber gerne bei, wenn Ihre Beschwerde der an dieser Stelle nicht adäquaten Darstellung der Komplexität der äthiopischen Gesellschaft gilt. Eine ausführliche Behandlung der Verhältnisse war aber weder möglich noch beabsichtigt. Meine Darstellung mag vereinfacht sein - inkorrekt oder "zeitgeistkonform" ist sie nicht.
Das gilt auch für das Thema der kolonialen Fremdbestimmung. Wie Sie selbst anführen besetzte das faschistische Italien Äthiopien mehrere Jahre und tat furchtbare Gräuel. Doch schon 50 Jahre zuvor war Äthiopien auf der sog. Kongokonferenz dem italienischen Einflussbereich zugesprochen worden und faktisch italienisches Protektorat geworden. Wie nennt man das, wenn nicht Kolonialismus? Von 1896 bis 1936 war Äthiopien unabhängig, in der Tat. Doch umringt von britischen Kolonien (und dem heutigen Dschibuti, damals französische Kolonie).
Koloniale Erfahrungen unterscheiden sich, auch darin stimme ich Ihnen zu. Doch unberührt vom Kolonialismus geblieben sind selbst die wenigen Länder in Amerika, Asien und Afrika nicht, die nur kurz oder nie Teil der europäischen Kolonialreiche waren. Seit wann mag der Zeitgeist im übrigen vom Kolonialismus reden? Schön wär's doch!
Herzlichen Gruß, jk
ps. Ihre Beschwerde träfe auf mehr Wohlwollen, wenn Sie sich die Beleidigung des Autors gespart hätten. Aber Forenbeiträge ohne Herabsetzung des Gegenübers scheinen etwas aus der Mode gekommen.
darin stimme ich Ihnen zu. Das Wort »Quatsch« hätte ich vermeiden sollen, vielmehr hätte ich schreiben sollen: »Wie kommen Sie zu einer derart a-historischen Umdeutung der Landesgeschichte?« Die Behauptung, dass Äthiopien keine koloniale Vergangenheit hat, ist meiner Erfahrung nach eine gängige Ansicht unter äthiopischen Intellektuellen. Es bleibt Ihnen natürlich unbenommen, das anders zu deuten. Nur: was hat das alles mit der Musik von Tlahoun Gèssèssè zu tun? Kann es sein, dass es einfach nur so schön in unsre stereotype Sichtweise vom schuldlos in die Krise geratenen Afrika passt und Sie deshalb in der Unschärfe mit solchen Assoziationen spielen? Das war es, was ich mit meiner Kritik zum Ausdruck bringen wollte.
Zwei Dinge noch: 1. Ein Zensus von 2007 ist für unsre Betrachtung kaum verwertbar, da die Eheschließung von Gèssèssès sieben oder acht Jahrzehnte zurückliegen dürfte. 2. Die erwähnte CD von Buda Musique wurde bereits 2004, nicht 2007 veröffentlicht.
darin stimme ich Ihnen zu. Das Wort »Quatsch« hätte ich vermeiden sollen, vielmehr hätte ich schreiben sollen: »Wie kommen Sie zu einer derart a-historischen Umdeutung der Landesgeschichte?« Die Behauptung, dass Äthiopien keine koloniale Vergangenheit hat, ist meiner Erfahrung nach eine gängige Ansicht unter äthiopischen Intellektuellen. Es bleibt Ihnen natürlich unbenommen, das anders zu deuten. Nur: was hat das alles mit der Musik von Tlahoun Gèssèssè zu tun? Kann es sein, dass es einfach nur so schön in unsre stereotype Sichtweise vom schuldlos in die Krise geratenen Afrika passt und Sie deshalb in der Unschärfe mit solchen Assoziationen spielen? Das war es, was ich mit meiner Kritik zum Ausdruck bringen wollte.
Zwei Dinge noch: 1. Ein Zensus von 2007 ist für unsre Betrachtung kaum verwertbar, da die Eheschließung von Gèssèssès sieben oder acht Jahrzehnte zurückliegen dürfte. 2. Die erwähnte CD von Buda Musique wurde bereits 2004, nicht 2007 veröffentlicht.
darin stimme ich Ihnen zu. Das Wort »Quatsch« hätte ich vermeiden sollen, vielmehr hätte ich schreiben sollen: »Wie kommen Sie zu einer derart a-historischen Umdeutung der Landesgeschichte?« Die Behauptung, dass Äthiopien keine koloniale Vergangenheit hat, ist meiner Erfahrung nach eine gängige Ansicht unter äthiopischen Intellektuellen. Es bleibt Ihnen natürlich unbenommen, das anders zu deuten. Nur: was hat das alles mit der Musik von Tlahoun Gèssèssè zu tun? Kann es sein, dass es einfach nur so schön in unsre stereotype Sichtweise vom schuldlos in die Krise geratenen Afrika passt und Sie deshalb in der Unschärfe mit solchen Assoziationen spielen? Das war es, was ich mit meiner Kritik zum Ausdruck bringen wollte.
Zwei Dinge noch: 1. Ein Zensus von 2007 ist für unsre Betrachtung kaum verwertbar, da die Eheschließung von Gèssèssès sieben oder acht Jahrzehnte zurückliegen dürfte. 2. Die erwähnte CD von Buda Musique wurde bereits 2004, nicht 2007 veröffentlicht.
Lieber Autor (JanKuehnemund?),
einige (leider) späte Korrekturen/Bemerkungen
- Dass Äthiopien faktisch italienisches Protektorat gewesen sein soll, entspricht nicht den historischen Tatsachen. Da hätten Sie etwas genauer recherchieren können.
- Die Region "Oromiya" ist ein politisches Konstrukt, das fast alle Regionen Äthiopiens, in denen Oromo die Mehrheit bilden, in einem Bundesstaat einschliesst. Es gibt verschiedene Regionen, in denen Oromo entweder Christen, Muslime oder Anhänger der Oromo-Religion sind. Deswegen ist es falsch, Oromo als moslemisch geprägt zu bezeichnen. Oromo aus Shewa oder Wellega würden Ihnen das übel nehmen. Tilahun kommt aus Südwest-Shewa, wo die Oromo äthiopisch-orthodox sind.
- In 17 Jahren Äthiopienaufenthalten habe ich nie gehört, dass jemand Tilahun The voice nannte, zumindest nicht auf Amharisch. Könnte es sein, dass das eine Erfindung für die Werbung ist?
- Tilahun Gessese (ich lass die farnzösisierte Schreibweise mal weg) hat natürlich auch nach der LP-Periode sehr viel Musik gemacht und veröffentlicht, eigentlich bis wenige Jahre vor seinem Tod. Aber eben "nur" in Kassetten und später CD - Form, und "nur" in Äthiopien.
- Tilahun sang vor allem auf Amharisch (keine 10 Lieder sind in Oromo). Eine ethnien-verbindende Rolle hat er daher nicht wirklich gespielt.
- Das bemerkenswerte an Tilahun ist, dass er über 50 Jahre lang aktiv war und von allen Generationen bewundert und geliebt wurde.
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