TV-Duell Althaus im Zangengriff

Thüringens Ministerpräsident hat im TV-Duell die schwächste Figur abgegeben. Seine Konkurrenten von SPD und Linkspartei attackierten ihn, sind aber untereinander uneins

Einen Spritzigkeits-Wettbewerb hätte Dieter Althaus am Montagabend sicher nicht gewonnen. Von den drei Rednern in der Erfurter TV-Runde war Thüringens Ministerpräsident der schwächste. Wenig inspiriert wirkte der CDU-Politiker, ein bisschen müde, ein bisschen nervös. Obwohl er äußerst langsam und monoton sprach, reizte er nur selten das knappe, vorgegebene Zeitkonto aus. Sprachen die anderen, starrte er vor sich hin.

Es war das erste und einzige Aufeinandertreffen der Thüringer Spitzenkandidaten vor der Landtagswahl am Sonntag. Direkte Duelle hatte Althaus bisher vermieden. Andere Termine, wie zuletzt das Spitzentreffen der Industrie- und Handelskammer in Erfurt, hatte er abgesagt. Er scheue die Debatte, warfen ihm seine Gegner vor. Aber selbst innerhalb der CDU heißt es insgeheim, Althaus sei noch nicht wieder der Alte.

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"Skiunfall" – dieses Wort fiel in der TV-Runde kein einziges Mal. Der Vorfall vom Januar, bei dem eine Frau starb und Althaus vorübergehend im Koma lag, wurde nicht erwähnt. Selbst SPD-Herausforderer Christoph Matschie verkniff sich jede Andeutung. Kürzlich hatte er Althaus einen "politischen Geisterfahrer" genannt, als dieser gefordert hatte, den Solidaritätszuschlag abzuschaffen. Althaus, der kurz darauf zurückruderte, sei unzurechnungsfähig, so der versteckte Vorwurf. Althaus, tief getroffen, sagte daraufhin: Er kenne keinen Matschie.

Obwohl es in der Debatte offiziell keine Rolle spielte, kam man als Zuschauer doch nicht umhin, Althaus auch unter dem Blickwinkel des Unfalls zu betrachten, von dessen Folgen er häufig in Interviews erzählt hatte.

Einen stolzen, souveränen Amtsinhaber sah man nicht. Der Ministerpräsident wirkte kraftlos, seine Sätze klangen wie auswendig gelernt. Eigentlich folgte er stets einem Argumentationsmuster: Er wolle an den bewährten Grundstrukturen festhalten (sei es Bildung, Sicherheit oder Wirtschaft) und gegebenenfalls ein wenig reformieren.

Konkret wurde er selten. Auf Kritik ging er kaum ein. Entweder sprach da ein Rekonvaleszent oder ein erschöpfter Regierungschef. Auf Dauer wäre für Thüringen beides ein Problem.

Dass Althaus kaum in die Offensive kam oder eine interessante Zukunftsidee skizzierte, lag aber auch am Ungleichgewicht der Sendung. Althaus gegenüber standen die beiden Chefs der Oppositionsparteien im Landtag: Matschie (SPD) und Bodo Ramelow (Linkspartei).

Beide wirkten vitaler und quicker. Genüsslich arbeiteten sie sich eine Stunde lang an der Bilanz Althaus' ab, dessen CDU seit fünf Jahren allein in Thüringen regiert. Dabei war der Tonfall nicht giftig, verglichen mit anderen TV-Duellen sogar ausgesprochen konziliant. Aber die Fronten waren klar verteilt. Rechts: der angeschlagene Ministerpräsident, links von ihm: die beiden, die ihn ablösen wollen.

Wie das gehen soll, ist aber unklar. Schließlich will die SPD in Thüringen nur mit der Linkspartei zusammengehen, wenn sie den Ministerpräsidenten stellen darf. Das Problem: Die SPD liegt in den Umfragen fünf Prozentpunkte hinter der Linken. Matschie betonte daher in der Sendung, "nur mit einer starken SPD" werde Thüringen eine starke Regierung bekommen. Ramelow ignorierte er meist, stattdessen griff er lieber Althaus an.

Ganz anders Ramelow. Der Linke schmeichelte und betonte Gemeinsamkeiten. Mehrfach lobte und zitierte er zuvor erwähnte Beispiele und Lösungsansätze von Matschie. Als Ramelow die "gemeinsame Verabredung" von Linken, SPD und Grünen für mehr Kita-Plätze erwähnte, klang das fast so, als gäbe es bereits ein ausgeklügeltes Regierungsprogramm, das der Ministerpräsident in spe gerade vorträgt.

Genau diesen Eindruck wollte Matschie aber tunlichst verhindern. Statt auf Ramelows Bündnis-Angebote einzugehen, verwandte er im nächsten Redebeitrag – es ging immer noch um Kita-Plätze – mindestens 20 Pronomen in der ersten Person Singular: "Ich gehe von meiner Forderung nicht runter", sagte er, oder: "Ich will den Hebel umlegen." Weder Forderung noch Hebel unterschieden sich großartig von denen Ramelows.

Auch wenn Matschie im TV-Duell seine oft geäußerte, konsequente Ablehnung gegenüber einer Links-geführten Regierung nicht explizit bekräftigte: Dem SPD-Chef ist abzunehmen, dass er nicht Vize-Regierungschef unter Ramelow wird. Eher wird die SPD, sollte die Wahl so ausgehen, wie es die Umfragen prognostizieren, Juniorpartner der CDU – oder sie putscht gegen ihren Chef, um mit den Linken zusammenzugehen.

Es böte sich indes noch ein anderer Ausweg, den Ramelow einmal mehr andeutete. Er sagte: "Wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht, werden wir zu Sondierungsgesprächen einladen." Zuletzt hatte er gesagt: Sollte die Linke zweitstärkste Kraft werden, werde er sich das "Vorschlagsrecht" für den neuen Ministerpräsidenten nicht nehmen lassen. Auf das Amt beharrt er also wohl nicht persönlich. Vorschlagen muss man ja nicht sich selbst.

Ob er auf die eigene Kandidatur zum Ministerpräsidenten möglicherweise verzichtet, um so die SPD ins Boot zu holen, fragte der mdr-Moderator nach, der sonst nur mit den Zeitkonten der Diskutanten beschäftigt war. Ramelow sagte lediglich: Er verzichte heute auf Aussagen, die das Wort "Verzicht" beinhalten.

Auch Althaus steuerte noch eine vage Andeutung bei. Er werde "für einen Gestaltungsauftrag der CDU" kämpfen – und ebenfalls nichts vorschnell ausschließen. Theoretisch ist nach diesem Abend noch vieles möglich in Thüringen. Nicht mal Schwarz-Dunkelrot hat Ramelow bisher ausgeschlossen.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Gemeinsamkeiten von rot-rot sind riesig (wieso hieße es auch sonst rot-rot), auf Landesebene darf man hoffen, dass sich mit einer linksgeführten Regierung auch die Verkrustungen in der Köpfen (nicht nur der CDU-Anhänger) lösen werden. Ramelow und Matschie können sehr wohl gut miteinander und wenns darum geht, endlich Althaus abzusetzen, dann sollte man einen gemeinsamen Nenner finden. Ich hoffe, ein Schmierentheater wie in Hessen bleibt uns erspart. Die klar besseren Konzepte liegen bei Linken und SPD, wenn ich mir Herrn Althaus ansehe, so ist mir wirklich schleierhaft, wieso die CDU nachwievor in Thüringen aus Umfragen als stärkste Kraft hervorgeht. Egal, Thüringen ist in Wechselstimmung und der Sonntag wird hoffentlich die Weichen in die richtige Richtung stellen.

  2. Es geht nicht nur darum, dass die CDU hier den Fehler gemacht hat, einen fahrlässigen Töter als Kandidaten aufzustellen. Es geht auch um das, was hinter den Kulissen auf höherer Ebene zwischen den Justizministerien von Deutschland und Österreich abgelaufen ist, um Althaus vor wesentlich deutlicheren Konsequenzen zu bewahren. Dass die SPD im Wahlkampf noch nicht auf diesen Knopf gedrückt hat, mag daran liegen, dass genau dieses Ministerium von Frau Zypries (SPD) geführt wird. Letztendlich trifft es aber die Bundeskanzlerin selber, die sich zwar aus allem herausgehalten hat, aber dennoch die Verantwortung dafür zu tragen hat. Man lese hier:

    http://www.sueddeutsche.d...

  3. Schönes Beispiel dafür, wie tief wir im Amerikanismus stecken: Das inhaltliche Auseinandersetzungen substituierende "TV-Duell", wo es vor allem um sprachliches Geschick und wenig Schwitzen geht, wird vom Internet-Medium auf der Hauptseite an dritter Stelle platziert. Informationsgehalt: Null; Spaßfaktor: Null. Wenigstens letzterer wäre höher ausgefallen, wenn die Amis traditionell vor den Wahlen Ski-Duelle austragen würden.

  4. Mir drängt sich mehr und mehr der Gedanke auf, dass Althaus absolut untragbar geworden ist. Nicht weil er die CDU vertritt oder wegen fehlender politischer Konzepte, sondern weil er immer mehr zur tragischen Figur mutiert.
    Er hat nicht nur verpasst, im richtigen Moment, nämlich nach dem tragischen Unfall, abzutreten, sondern er verdrängt den Unfall und schlimmer, er thematisiert ihn selbst und spielt sich dabei als Opfer auf, während er sich verbittet, dass seine Gegner das Thema ansprechen.
    Seine Gegner zeigen sich verantwortungsvoll, er selbst hält sich nicht an seine eigenen Vorgaben und er wirkt dadurch immer mehr als einer, der die Realität verdrängt.
    Er hat ganz offensichtlich den letzten Funken Pietät verloren, zugunsten seiner Karriere. Eine solche Persönlichkeit möchte ich persönlich nicht an der Regierung haben, denn sie kann nicht verantwortungsvoll mit dem Amt umgehen.
    Der Unfall, der Althaus passiert ist, ist sehr tragisch, aber niemand kann ausschließen, dass einen so etwas nicht selber treffen kann. Daher will ich ihn nicht für den Unfall verurteilen. Aber so wie er jetzt mit dem Thema umgeht, dass er nicht einsieht, dass er nicht einfach weitermachen kann wie bisher, das ist ihm vorzuwerfen.
    Sollte die CDU als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgehen und rot - rot (grün) nicht zustande kommen, währe es eine wahre Tragödie. Denn dann liefe es auf eine Wiederwahl der Person Althaus hinaus. Einer Person, die sich nicht ihrer Verantwortung stellt. Das wäre tragisch für Thüringen. Und auch für Althaus, der weitere fünf Jahre verdrängen, beschönigen und sich selbst bemitleiden würde.

  5. 5. oje

    die cdu schickt in thueringen einen angeschlagenen vorbestraften ins rennen, und in sachsen einen, der vergessen hatte, seine stasikontakte im fragebogen anzukreuzen. aber nach 20 jahren mit dem mdr als volkssender wird es schon trotzdem klappen.

  6. Das TV-Duell konnte jedem Zuschauer verdeutlichen, der Ministerpräsident Althaus ist kraftlos, ideenlos, supernervös und generell eine tragische Figur. Seinen politischen Kontrahenten darf man Fairnis bestätigen. Sie verhielten sich auffällig sachbezogen und schonend gegenüber dem CDU-Chef von Thüringen.
    Althaus ist nicht mehr in der Lage, sich selbstkritisch zu beurteilen. Er hat es verpaßt, rechtzeitig seinen Platz zu räumen. Daran haben seine CDU-Oberindianer aus Thüringen ebenso Schuld wie die CDU-Chefin Merkel.

  7. Denn spätestens dann ist auch dem Wohlwollendsten klar, dass die SPD mit zweierlei Maß misst, demokratische Gepflogenheiten nur den anderen vorhält und vor allem auf Pöstchen scharf ist.

    Also genau das, was man braucht, um zur Bundestagswahl SPD-Anhänger zu mobilisieren, hahaha. Die Linke bekäme also Regierungsbeteiligung und noch einen Prozentpunkt im Bund geschenkt.

    • Lassek
    • 25.08.2009 um 17:48 Uhr

    Gibt es auch nur einen Grund, mit dem auch nur Sondierungsgespräche zwischen CDU und Linkspartei nicht mehr unmöglich scheinen? Ich sehe keinen!

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