Wallis Schätze im violetten Blütenmeer
Wenn im Walliser Bergdorf Mund im Herbst die Krokusse blühen, ist Erntezeit für das teuerste Gewürz der Welt
© Carola Dolling Tourismusverein Brig-Belalp

Safranfelder im Wallis
In den ersten Oktobertagen geht es los. Die Almwiesen oberhalb des Gredetschtales haben ihr buntes Herbstkleid übergezogen, noch weiter oben tragen die Beinaheviertausender des Nest- und Breithorns schon weiße Schneehauben. Das ganze Jahr über herrscht Stille im kleinen Walliser Bergdorf Mund, hoch oben auf den sonnenexponierten Steilhängen des Rhonetales. Doch an diesem Morgen parken eine Menge Autos vor den Äckern am unteren Dorfrand.
Aus den wettergegerbten, mit schweren Steinplatten bedeckten Geräteschuppen ringsum dringt ein fröhliches Stimmengewirr. Zwei Dutzend Männer, Frauen und Kinder stapfen die handtuchbreiten Grundparzellen entlang, die mit Drahtzäunen gegen ungebetene Besucher abgesichert wurden. Dort blüht es zartviolett. Mit Plastikeimern oder Weidenkörben bewaffnet, beugen sie sich über die grasartigen, in Reih und Glied stehenden Blätterbüschel, um die geöffneten Kelche abzuknipsen. Allmählich füllen sich die Behälter mit den lilafarbenen Blüten an. In deren Mitte glänzen drei hauchdünne, ziegelrote Fäden: In Mund hat die Safranernte begonnen.
Crocus sativus, so sein wissenschaftlicher Name, ist das teuerste Gewürz der Welt. Bereits die Mesopotamier und alten Ägypter wussten um die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten des Safrans, dessen Name sich aus dem arabischen Za´fran ableitet. Die Araber waren es auch, die während des Mittelalters im südlichen Europa für die Verbreitung des Knollengewächses aus der Familie der Schwertlilien sorgten. Nach der Munder Überlieferung wurde der Safran einst von Pilgern aus dem Heiligen Land mitgebracht.
Andere berichten von einem Söldner, der die Knollen in seinem Haarschopf aus Spanien mitgehen ließ, weil dort die Ausfuhr des kostbaren Gewächses verboten war – aber genau kennt niemand die Ursprünge des hiesigen Safrananbaues. Fest steht, dass das Gewürz auf den mageren Trockenenböden des Wallis seit dem späten Mittelalter heranreift und zum Tausch gegen Reissäcke über den Simplonpass bis in die Poebene transportiert wurde. Jahrhundertelang bescherte der Safran den hiesigen Bergbauern ein bescheidenes Zubrot, für das man freilich harte körperliche Arbeit in Kauf nehmen musste.
"Unser Dorf ist der nördlichste Flecken, wo man das Rote Gold erntet", sagt Klaus Jeitziner mit einem stolzen Lächeln. Dass es im Wallis die Tradition des Safrananbaues überhaupt noch gibt, ist Leuten wie dem stämmigen 61-Jährigen zu verdanken. Denn vor gut 30 Jahren, als der 500–Einwohnerort endlich eine Zufahrtstraße erhielt, gaben hier viele die Landwirtschaft zugunsten eines bequemeren Jobs unten in den Büros und Fabriken des Rhonetales auf. Im Jahr 1979, nachdem nur mehr drei der ehemals 60 Felder gepflegt wurden, gründeten eine Handvoll Enthusiasten wie Klaus Jeitziner und dessen Bruder Daniel die "Munder Safranzunft".
- Datum 04.09.2009 - 10:55 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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