Aus der Sicht eines Entwicklungslandes wie Indien geschehen gerade sehr merkwürdige Dinge in den reichen Ländern. Man beobachtet dort im Augenblick nicht weniger als eine Quasi-Verstaatlichung von Unternehmen und Wirtschaftsbereichen und eine Rückkehr zum Protektionismus, also dem Abschotten gegenüber Wettbewerb im Welthandel. Diesen Weg wollen wir Inder aber nicht mitgehen. Ob man uns wohl dazu zwingen will?

Der viel gescholtene Washingtoner Konsens bestand nie darin, sich komplett auf die Kräfte des freien Marktes zu verlassen und auf jedwede staatliche Aufsicht zu verzichten. Auch in Indien haben wir nie eine reine, völlig losgelassene Marktordnung angestrebt. Wir haben seit 1991 Reformen in Richtung Liberalisierung durchgeführt, doch eine starke staatliche Aufsicht (auch über den Finanzsektor) und weitreichende Staatseingriffe hat es bei uns immer gegeben.

Sie haben freilich ihre Grenzen und ihre Probleme – die Steuereinnahmen sind bei uns in Indien nicht sonderlich hoch, was die Möglichkeiten des Staates einschränkt, und ich würde Staatseingriffe in Indien auch nicht als sonderlich effizient bezeichnen.

Jetzt hat die reiche Welt also Hals über Kopf Banken und Unternehmen quasi-verstaatlicht, aber eine grundlegende Debatte über das richtige Maß und den richtigen Ansatz bei der Regulierung ist viel zu kurz gekommen. Sollten wir Geschäftsbanken von Investmentbanken wirklich trennen? Sollte es Normen dafür geben, wie stark man sich verschulden darf, wie stark man Investitionen "hebeln" darf? Sollte man neu auf die Anreizstrukturen im Finanzsektor schauen, und sollten diese von den Regierungen vorgegeben werden?

Es gibt auf der Welt im Wesentlichen zwei Modelle der wirtschaftlichen Entwicklung. Das eine ist das marktbasierte System und das andere ist die sozialistische Kommandowirtschaft. Der sogenannte Mittelweg, den Indien lange beschritten hat, ist eher ein Durcheinander. Das sozialistische Modell ist implodiert, und die übrig gebliebenen sozialistischen Länder nennen sich nur noch sozialistisch (mit Ausnahmen einiger kleiner Länder). Indien hat den Mittelweg graduell verlassen, und seine Zuneigung zu den verbliebenen sozialistischen Elementen ist geschwunden.

Trotz seiner Schönheitsfehler, die in der Finanzkrise gerade wieder erkennbar wurden, ist dagegen zur liberalen Marktordnung keine überzeugende Alternative zu erkennen. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 gab es einige Zeit lang die Hoffnung auf ein solches Modell, aber es ist keins entstanden, und jetzt redet auch niemand mehr davon. Nein, jetzt sieht es eher danach aus, dass die schlimmste der globalen Krisen vorüber ist, und dass die Weltwirtschaft wieder erwacht.

Was von Indien aus betrachtet erst recht die Erkenntnis untermauert: Man muss im Detail über die Regulierung nachdenken, besonders im Finanzsektor, aber zu einem liberalen Marktsystem gibt es am Ende keine Alternative.

Aus dem Englischen von Thomas Fischermann

Bibek Debroy ist einer der angesehensten Ökonomen Indiens. Er lehrt am International Management Institute in Delhi, an der Delhi School of Economics und am Presidency College in Kalkutta.