Alkoholismus Das Ende einer Sucht
Ein Mediziner kuriert seinen Alkoholismus – in einem Buch beschreibt er seinen Leidensweg. Ihm half ein Medikament, das für die Suchttherapie noch erforscht wird
Wenn er ein, zwei Scotch getrunken hatte, konnte der junge Mann bei Partys angeregt mit wildfremden Menschen plaudern, er konnte sich, wenn die anderen Gäste das wünschten, ans Klavier setzen und entspannt spielen, ohne sich deshalb als musikalischer Hochstapler vorzukommen. Ein paar Drinks gegen die Angst. "So wurde ich zu einem gelegentlichen, maßvollen sozialen Trinker und blieb es viele Jahre lang."
Außerdem nahm der junge Mann immer wieder Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine, um sich zu beruhigen. Er konnte sie sich selbst verordnen. Denn Olivier Ameisen, seit Jahren in den USA lebender Franzose, ist Arzt. In seinem Buch Das Ende meiner Sucht, das jetzt auf Deutsch erschienen ist, berichtet er vor allem über eine weitere Selbstverordnung, die ihn Jahre später aus seiner schweren Alkoholabhängigkeit befreit hat.
Denn in die geriet er mit der Zeit, und im August 1997 musste er wegen lebensgefährlicher epileptischer Anfälle, die er infolge eines akuten Entzugs entwickelte, in ein New Yorker Krankenhaus eingeliefert werden.
Wer Ameisens Buch liest, lernt praktisch alle Therapien und Einwirkungsmöglichkeiten kennen, die derzeit gegen die Alkoholsucht zur Verfügung stehen. Man kann dem energisch wirkenden Mediziner nicht vorwerfen, etwas versäumt zu haben: Er hat es mit dem maßvollen Trinken versucht, hat Yoga erlernt und treibt regelmäßig Sport, er ist jahrelang regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern gegangen, machte eine Kognitive Verhaltenstherapie, hat sein Glück auch mit Akupunktur und Entspannungsverfahren versucht.
Und es versteht sich, dass er alle gängigen Medikamente durchprobiert hat, die eine Aversion gegen Alkohol hervorrufen oder das unstillbare Verlangen danach bekämpfen sollen. Mit mäßigem Erfolg. "Wenn ich nicht gerade betrunken war, absorbierte die Anstrengung, nicht zu trinken, meine ganze Zeit und Energie." Über Jahre hinweg folgt den stationären Entzugsbehandlungen der Absturz. Längst hat Ameisen es aufgegeben, als Arzt zu praktizieren.
Was dann folgt und für ihn der Grund war, sich als abhängiger Arzt zu outen und das Buch zu schreiben, wirkt wie ein Wunder: Eine Freundin schneidet für Ameisen einen Artikel aus der New York Times aus. Darin wird von einem Mann berichtet, der wegen schwerer Muskelkrämpfe Baclofen verordnet bekommt, eine Substanz, die im Gehirn die Weiterleitung des Botenstoffes Gaba-(Gamma-Aminobuttersäure-)B erleichtert. Hellhörig ist die Freundin dadurch geworden, dass der kokainabhängige Patient, von dem im Bericht die Rede ist, sich beschwert, er werde seitdem von der Droge nicht mehr high. Allerdings habe auch sein Verlangen danach deutlich nachgelassen.
Könnte das nicht auch mit dem Trinken so funktionieren? Kurz und gut: Der Mediziner wagt den Selbstversuch, experimentiert mit der Dosis und ist nun seit fünf Jahren weg vom Alkohol. Als "abstinent" im landläufigen Sinn möchte Ameisen sich nicht bezeichnen, denn er ist mehr als das: Er muss den Drinks nicht widerstehen, er fühlt sich dem Alkohol gegenüber "vollkommen mühelos und gleichgültig".
Der Leser kann die Befreiung, die das für den schweren Alkoholiker, renommierten Arzt und begabten Musiker bedeutet, förmlich mitempfinden – ist er doch mit ihm durch eine schier endlose Serie von schlimmen Abstürzen, körperlichen Verletzungen, menschlichen Enttäuschungen und erneuten, nur auf den ersten Blick hoffnungsvollen Therapieversuchen hindurchgegangen.
- Datum 02.09.2009 - 17:59 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 17
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Der Botenstoff ist GABA. Dieser hat mehrere Rezeptoren, u.a. den B-Rezeptor (der im übrigen nach Baclofen benannt ist, der Substanz aus dem Bericht). Daher muss das -B weg nach dem GABA.
Es ist nach Europäischem Patentrecht möglich eine Substanz erneut zu patentieren wenn eine neue Anwendungsmöglichkeit "erfunden" wird. Früher als "Schweizer Patent" bezeichnet, wird so die nicht-patentierbarkeit von Therapien unterlaufen. Das Europäische Patentamt in München erteilt auf dieser Basis Länderpatente deren Durchsetzbarkeit allerdings fraglich ist (ähnlich wie bei Softwarepatenten).
Aber vielleicht ist daher doch ein Pharma-Unternehmen risikofreudig genug die entsprechenden Evaluierungen zu finanzieren. Die Bereitschaft des Staates Geld in die Hand zu nehmen um selbst eine Volksseuche zu bekämpfen ist ja bekanntlich minimal. :(
Nach der Entwicklung, die der Campus-Teil der Zeit genommen hat, faellt es mir schwer auch nur irgend etwas zu glauben, ueber das positiv berichtet wird, und mit dem jemand im Endeffekt Geld verdienen kann.
Neues Medikament? Schweinegrippe-Impfung?
Ist das jetzt wirklich sinnvoll, und sind die Typen, die in den Kommentaren meckern Verschwoerungs-Spinner? Oder hat die Zeit die irgendwo ne "Partnerschaft" am laufen?
1. Sowohl im Studium als auch im Beruf ist der Anteil der Ärzte, die sich mittels Drogen puschen bzw. dämpfen, zwar größer als in der Allgemeinbevölkerung, aber immer noch verschwindend gering. Die überwältigende Mehrheit schafft die Examina mittels harter Arbeit. Und die Berufsanfänger stehen die 48h-Dienste (auch mittels Coke und Kaffee) hauptsächlich auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit, ihrer eigenen Freizeit und mit krassen Einbußen der persönlichen Lebensqualität durch. Aber zu Drogen greifen die wenigsten.
2. Während meines Studiums habe ich in einer Entzugsklinik gearbeitet. Wenn Sie einmal erlebt hätten, wie erwachsene Menschen weinend vor ihnen sitzen, weil sie ihren 30+x-ten Entzugsversuch starten, jedoch nie vom Alkohol losgekommen sind. Die sich schämen, weil sie regelmäßig nachts rausgehen mussten, um sich an der Tankstelle billigen Fusel zu kaufen. Das Leben dieser Menschen wurde durch den Alkohol zerstört. Und nur ca. 10% kommen langfristig von ihrer Sucht frei. Können Sie sich da nur im Ansatz vorstellen, was für ein Segen ein Medikament wäre, mittels dessen man das "craving", den kaum stillbaren Drang nach der Droge, unterdrücken könnte? Wahrscheinlich nicht...
... hilft dieses Medikament "nur" bei Alkoholismus? Könnte dieses Medikament vielleicht auch anderen Süchtigen helfen, deren Sucht sich nicht wie bei Alkohol an einer bestimmten Droge festmachen lässt, wie z.B. bei massiv essgestörten Menschen? Aus dem Freundeskreis ist mir eine Dame bekannt, die unter ähnlichen Folgen ihrer Esssucht leidet, wie ein Alkoholiker: soziale Ausgrenzung, Scham, massive gesundheitliche Störungen, ungeheurer Suchtdruck, viele vergeblich Versuche die Sucht unter Kontrolle zu bekommen.
Solche Essstörungen verursachen nicht minder geringe Kosten für das Gesundheitswesen, wie der Alkoholismus, oder die Sucht nach anderen "klassischen" Drogen.
ad 1)
Ich habe in meinem 1. Kommentar geschrieben: "Können Sie sich da nur im Ansatz vorstellen, was für ein Segen ein Medikament wäre," . Das ist ein Irrealis. Diesen habe ich benutzt, weil es neben der vom Autor des Buches beschriebenen Anekdote eben noch keine klinischen Studien gibt, wie im Übrigen auch im Artikel erwähnt. Mal davon abgesehen, dass Ihnen das ja egal sein kann, da Sie die ja eine medikamentöse Therapiealternative der Sucht ja von vornherein in Bausch und Bogen ablehnen!
ad 2)
Zu behaupten, ich hätte das Weinen mit einer negativen Konnotation versehen, ist lächerlich. Und dann noch abzuleiten, ich würde damit verbergen wollen, ich sähe keine Alternative zu Drogen, ist Küchenpsychologie auf unterstem Niveau. Zumindest könnten sie die Menschen, die mich gut kennen, damit zum Lachen bringen. Immerhin.
Die triviale Erkenntnis, dass man seine Probleme nicht mit Drogen ausblenden sollte, die Sie hier so prophetisch verkünden, hilft dem schon Abhängigen, der weiss, dass er abhängig ist, auch nicht mehr. Dieser hat eine schwere Erkrankung, nämlich die Abhängigkeit. Wie erwähnt, kommen trotz Entzugsangeboten, Psychotherapien, Anonymen Alkoholikern etc. nur 10% langfristig vom Alkohol los. Meinen Sie dann nicht auch, dass es ein wenig zynisch ist, genau diese Therapieverfahren über den Klee zu loben und gleichzeitig eine eventuelle medikamentöse Therapie, die ja auch unterstützend zu den oberen genutzt werden kann, von vornherein abzulehnen?
Mal davon abgesehen, dass es schon viel über ihr Weltbild aussagt, dass Sie alle Medikamente als "Drogen" bezeichnen. Gerade da - soweit mir bekannt - Baclofen kein Suchtpotential hat.
Ich halte es offen gesagt, für sehr bedenklich, dass ein Therapeut so offen Ärzte als Feindbilder hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bei der Behandlung von Patienten von Vorteil ist. Gerade bei der Behandlung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen gehen ärztliche Diagnose, medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung Hand in Hand. Auf der anderen Seite weiss ich natürlich nicht, was für ein "Therapeut" Sie sind...
Im Übrigen, das Wesen, dessen Abbild ich auch als Avatar nutze und dessen Name diabolos ist, taucht in Büchern und Computerspielen auf. Da einen Bezug mit meiner Tätigkeit herzustellen, ist plump und auch ein wenig kindisch, meinen Sie nicht?
Alkohol ist u.a. ein relativ potenter GABA-Agonist (deshalb leiden Alkoholiker auf Entzug auch relativ häufig an epileptischen Anfällen). Wenn Baclofen nun ebenfalls ein GABA-Agonist ist wundert es mich wenig, dass es Alkoholikern hilft über ihre Alkoholsucht hinwegzukommen.
Allerdings erinnert mich das ganze schon ein bißchen an die Anfänge des Heroins, wo dieses unter anderem auch als Heilmittel gegen die Opiumsucht (und übrigens auch als Hustensaft für Kinder ;) angepriesen wurde...
Wirklich interssieren würde mich nun, ob der Autor des Buches immer noch auf Baclofen ist, oder ob er den Konsum dieser Droge langsam herunterfahren konnte. Ansonsten ist Baclofen wohl eher als Substitut zu sehen, ähnlich wie Methadon für Heroin eingesetzt wird.
PS: der "Botenstoff GABA-B" ist tatsächlich falsch! Auch wenn das nur einer relativ kleinen Schicht der Leser auffallen dürfte könnte es geändert werden...
Wenn mich nicht alles täuscht, entfaltet Ethanol seine Hauptwirkung an GABA-A-Rezeptoren.
Die Wirkung von Baclofen wäre dann wohl eher in der Neurobiologie/-biochemie der Sucht und des Suchtverhaltens zu suchen. Schade, dass da noch so viel unbekannt ist.
Ethanol wirkt zwar an GABAA Rezeptoren, allerdings nur in relativ hohen Konzentrationen und kann somit keineswegs als potenter GABA-Agonist bezeichnet werden, da potent in der Pharmakologie bedeutet, dass eine Substanz bereits in niedrigen Konzentrationen wirkt.
Wenn mich nicht alles täuscht, entfaltet Ethanol seine Hauptwirkung an GABA-A-Rezeptoren.
Die Wirkung von Baclofen wäre dann wohl eher in der Neurobiologie/-biochemie der Sucht und des Suchtverhaltens zu suchen. Schade, dass da noch so viel unbekannt ist.
Ethanol wirkt zwar an GABAA Rezeptoren, allerdings nur in relativ hohen Konzentrationen und kann somit keineswegs als potenter GABA-Agonist bezeichnet werden, da potent in der Pharmakologie bedeutet, dass eine Substanz bereits in niedrigen Konzentrationen wirkt.
gehören zu jedem Medikament, also auch zu Baclofen:
Sehr häufige :
Schläfrigkeit, Abstumpfung (vor allem zu Beginn der Behandlung), Übelkeit.
Häufige Nebenwirkungen:
Depressionen, Aufgedrehtheit (Euphorie), Wahnvorstellung, Albträume, Verwirrtheit (insbesondere bei älteren Patienten), Müdigkeit, Benommenheit, Willensschwächung, Zittern, Gangunsicherheit, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen, Ermüdung, Atemstörungen, Augenzittern, Störungen des Scharfsehens, Sehstörungen, Herzklopfen, Herzleistungsverminderung, niedriger Blutdruck, Würgen, Erbrechen, Mundtrockenheit, Durchfall, Verstopfung, Magen-Darm-Störungen, Brechreiz, Blasenentleerungsstörungen (häufiges Wasserlassen, Bettnässen, Harnzwang), Hautausschlag, Schwitzen, Muskelschwäche, Muskelschmerzen.
... da sieht es für mich dann so aus, daß da der Teufel mi dem Belzebub ausgetrieben wird.
Immerhin muß mensch das Medikament ja Rest seines Lebens nehmen.
...des Alkoholismus:
Leberzirrhose -> Folge: frühzeitiger Tod
portale Hypertension mit Varizenruptur -> Folge: frühzeitiger Tod
Verwahrlosung, Obdachlosigkeit -> Folge: frühzeitiger Tod
Korsakow-Syndrom -> Folge: Psychose mit der Folge Obdachlosigkeit etc.
u.s.w.
...des Alkoholismus:
Leberzirrhose -> Folge: frühzeitiger Tod
portale Hypertension mit Varizenruptur -> Folge: frühzeitiger Tod
Verwahrlosung, Obdachlosigkeit -> Folge: frühzeitiger Tod
Korsakow-Syndrom -> Folge: Psychose mit der Folge Obdachlosigkeit etc.
u.s.w.
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